"Kinder müssen sich langweilen"

Kolumne |

Familientherapeut Jesper Juul erklärt, warum es für ihre Entwicklung wichtig ist, dass Kinder sich gelegentlich fadisieren

Eine Leserin fragt:
Unser Sohn ist vier Jahre alt. Meistens ist er glücklich, lebendig und hat immer etwas zu tun. In der Kinderbetreuung macht er bei allem mit, und es fällt ihm leicht, Freundschaften zu knüpfen. Wenn wir ihn abholen, fragt er oft: "Was tun wir, wenn wir zu Hause sind?" Zuerst dachten wir, das wäre wundervoll, aber mittlerweile fühlen wir uns wie Entertainer, die sich ständig neue Beschäftigungen ausdenken müssen. Wenn wir einmal nichts finden, beschwert er sich und sagt, dass ihm langweilig ist. Es kommt mir vor, als habe er die Fähigkeit verloren, sich etwas auszudenken oder alleine zu spielen. Was können wir tun?

Jesper Juul antwortet:
Viele Institutionen, die Nachmittagsbetreuung, Sportcamps und auch die Medien sind voll von Animationsangeboten. Sie haben alle eines gemeinsam: Sie bieten Eltern Ideen und Strategien an, um Langeweile bei ihren Kindern zu vermeiden. Ich möchte eine Lanze für die Langeweile brechen.

Es geht mir nicht darum, Eltern zu kritisieren, die ihre Zeit mit ihren Kindern genießen, die Ferien und Wochenenden nutzen, um Museen zu besuchen, gemeinsam im Garten zu arbeiten, Fahrräder zu reparieren oder gemeinsam Sport zu treiben.

Ich wende mich an Eltern, die sich unter Druck gesetzt fühlen: diejenigen, die ständig darüber nachdenken, was sie mit den Kindern unternehmen könnten, und die sich schuldig fühlen, weil sie sich eigentlich lieber entspannen würden. Hier sind einige Ideen für diejenigen, die zusammenzucken, wenn sie ihre Kinder sagen hören: "Mir ist fad!"

Eltern und Kinder sind Konsumenten geworden. Das führt dazu, dass vielen Kindern langweilig wird, sobald die externe Stimulation fehlt. Es ist ihnen fad ohne Computerspiele, DVDs und Fernsehen. Auch Kindertagesstätten und Schulen setzen auf externe Stimulation. Wenn Kinder dem den ganzen Tag lang ausgesetzt sind, erhalten sie eine Überdosis davon.

Viele Eltern fühlen sich förmlich genötigt, diese inspirierenden Aktivitäten zu Hause fortzusetzen. Den Druck erzeugen dabei eigentlich die Kinder, denn sie wurden schlichtweg "stimulationssüchtig" gemacht. Ohne Anregung oder "Bespielung" haben sie regelrecht Entzugserscheinungen. Sie beschweren sich und fordern von den Eltern, unterhalten zu werden. Wenn die Eltern noch genügend Energie haben, werden sie mit den Kindern Dinge unternehmen. Diejenigen, die müde sind, geben den Kindern einen Stapel DVDs oder schicken sie auf ein Kindercamp, damit andere Menschen sie unterhalten.

Mein Vorschlag: Lassen Sie Ihre Kinder sich langweilen. Sie können das mit reinem Gewissen tun.

Die meisten Kinder erleben eine unangenehme innere Unruhe, wenn sie sich langweilen. Der Grund: Sie versuchen, eine Balance zu finden zwischen dem Konsumieren von externen Reizen und ihrer eigenen inneren Kreativität. Jüngere Kinder wissen, dass diese Unruhe oder Langeweile nicht einfach zu beruhigen ist.

Wenn Kinder sagen, dass ihnen langweilig ist, und Eltern dann sofort eine Idee anbieten, weisen die Kinder diese in den meisten Fällen umgehend zurück. Wenn Eltern einige wenige Minuten lang warten, werden sie aber feststellen, dass sich ihr Kind bereits in etwas vertieft hat.

Langeweile ist der Schlüssel zur inneren Balance - egal in welchem Alter. Diejenigen, die die Unruhe vorbeiziehen lassen, kommen in Kontakt mit ihrer Kreativität. Unsere Kreativität ist der Raum, in dem wir uns spüren, uns selbst kennenlernen, uns selbst ausdrücken und die Erfahrung von Selbstverwirklichung machen. Was sich noch vor einer Stunde wie eine unangenehme Stille anfühlte, erzeugt plötzlich inneren Frieden und wird zur emotionalen Aufladestation.

Für Kinder ist es wichtig, ihrer inneren Kreativität zu folgen. Es macht sie unabhängig von äußerer Anerkennung und Zustimmung. Kreativität ist zentral, um Selbstwert zu entwickeln. Kinder, die sich gelegentlich langweilen, werden eine größere innere Ruhe spüren, die ihre soziale Kompetenz fördert.

Wenn Ihr Kind zu Ihnen kommt und sagt: "Mir ist sooo langweilig", dann umarmen sie es und sagen: "Herzlichen Glückwunsch, mein Freund! Es interessiert mich, zu sehen, was du jetzt tust." Sie können das mit einem absolut reinen Gewissen sagen. Vielleicht ist Ihr Kind kurz irritiert, aber Sie geben ihm damit eine wertvolle Gelegenheit, mit seinen inneren Stimuli in Kontakt zu kommen, anstatt sich auf die äußeren zu verlassen.

Noch besser wäre es, wenn sie sich gemeinsam langweilen: Sie werden bemerken, dass Sie plötzlich über Dinge sprechen und sich gegenseitig erzählen, die nur auftauchen, wenn der "Unterhaltungsmodus" ausgeschaltet ist und Sie die innere Unruhe überwunden haben. Das ist der Punkt, an dem echte Nähe möglich wird. Sie können das auch mit Ihrem Partner ausprobieren.

Wir können uns aus unserer Konsumentenrolle nicht befreien. Aber wir können sie steuern und unseren Kindern dabei helfen herauszufinden, wie ihnen das selbst gelingt. (Jesper Juul, derStandard.at, 11.11.2012)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Ab sofort beantwortet Jesper Juul auf derStandard.at alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 26. November.

 

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Sohn: "Mami, mir is sooo faaaad."
Ich: "Wunderbar, das finde ich toll. Es ist ganz ganz wichtig für Kinder, dass ihnen manchmal fad ist. Sagen sogar die Wissenschafter."
Ende des Gesprächs und Sohn spielt irgendwas wirklich unterhaltsames [Szene wiederholt sich alle paar Wochen].

Und weiter?

Sohn lässt sich irgendwas einfallen, was er machen könnte, damit ihm nicht fad ist. Es geht darum, dass den Kindern einfach nur automatisch fad wird, wenn sie nicht vor der Glotze sitzen. Lösung: Nur noch vor der Glotze sitzen lassen? Ganztagstheaterspielen und Animation als Ersatzglotze? *lol* Das kann doch wirklich nicht sein.

verzeihung für die frage, aber wo können leserinnen und leser denn fragen an jesper juul stellen? find das nur ich nicht? oder ist hierzu die postingfunktion vorgesehen?

derStandard.at/Familie
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Ihre Frage

Lieber User, liebe Userin!
Bitte schicken Sie Ihre Frage an familie@derstandard.at.
Wir bitten allerdings um etwas Geduld: Aufgrund sehr vieler Fragen warten wir, bis es eine kritische Masse zu einer bestimmten Frage gibt, bevor wir sie Jesper Juul weiterleiten.
Ganz herzliche Grüße, die Redaktion.

langeweile macht kreativ!

Sie haben den Artikel offenbar sehr aufmerksam gelesen! :)

Das problem an den meisten "modernen" Erziehungsmethoden ist, dass diese von den meisten Eltern einfach falsch interpretiert werden.
Kinder benötigen natürlich Nähe, Verständnis, Witz und Gleichberechtigung, so wie jeder Mensch auch, jedoch dem Kind die Entwicklung der Persönlichkeit zur Gänze zu überlassen ist eine falsche Auslegung.
Kinder benötigen auch Kontrolle und Korrektur im Verhalten, und eine Konsequenz wenn diese sich nicht an die gemeinsam Vereinbarten Regeln halten, sonst ist keine Erziehung auch nur im Ansatz etwas wert.
Ich muss hier wirklich zustimmen. Ein Kind soll nicht Opfer des Reizüberflusses sein und permanent unterhalten werden, es soll lernen sich selbst zu unterhalten, und das ist die Botschaft dahinter.

Passend dazu:

»Ich sinnlose vor mich hin... und das mit Begeisterung!«
Gerhard Polt spricht über die Langeweile.

http://tiny.cc/exqpnw

sag ich mal meiner mitbewohnerin weiter, die mich fertig macht, wenn sie jedes mal rennt, sobald ihr sohn nicht genügend inputs kriegt.... der kleine terrorist

Das Problem dabei ist imho, dass die meisten Eltern heutzutage mit sich selbst nichts anzufangen wissen, wenn sie nicht irgendwas konsumieren: essen, shopping, fernsehen, Internet, Handy. Oder auch weniger offensichtlich - aus gegebenem Anlass - beim Laternenfest im Kindergarten nicht einfach nur als Zuschauer beteiligt sein können, sondern sich ständig mit der Kamera beschäftigen müssen und ca. 1000 Fotos (natürlich mit Blitz und "Flacker-"Vorblitz) von ihren lieben Kleinen machen müssen - ist auch nur eine Form von Konsumation. Ich meine der Großteil der heutigen Eltern wurden in den 80er/90er Jahren sozialisiert und können in der Freizeit nur konsumieren - da wirds schwer den Kids was anderes beizubringen.

wobei

Langweile beizubringen ein Widerspruch in sich ist.....

ist es nur anfangs...

man soll dem Kind ja nicht Langeweile beibringen, denn Langeweile ist ja nur die Initialreaktion, wenn es gerade nicht dauerunterhalten wird. So eine Art Entzugerscheinung - wie es im Artikel auch beschrieben wird.

Die Langeweile fordert und fördert das Kind, etwas dagegen zu unternehmen, und genau hier liegt der springende Punkt. Kinder, die selbst etwas dagegen zu unternehmen beginnen, sind die Kinder, die es dadurch die Vorstellung und das Vorstellungsvermögen aufbauen, was mit ihrer Umwelt möglich ist. Die Kids sind dadurch wesentlich aufmerksamer und observativer und im erweiterten Sinn auch kreativer, denn sie lernen auf lange Sicht sich selbst zu beschäftigen, und das ist heutzutage fast schon ein Talent! ;)

Nöö... schon mal meditiert?

Das mit den Fotos stimmt irgendwie. Ich mache seit Jahren auf Reisen bewusst sehr wenige Fotos, da ich das Gefühl habe, dass man ansonsten ständig auf der Suche nach guten Fotogelegenheiten ist, wodurch man das Wesentliche, nämlich das Erlebnis, verpasst. Ich glaube durch Digitalkameras ist das noch schlimmer geworden, weil man sich ja auch gleich die Fotos ansehen kann, löschen, wenn mans nicht perfekt findet, noch mehr machen .....

Das nimmt bei manchen Leuten

merkdwürdige Auswüchse an. Jedes Fest, jede Feier wird nur mehr durch die Linse wahrgenommen. Die Person ist gar nicht mehr wirklich präsent, alles wird fotografiert. Und ich kann aus Erfahrung sagen, die Weihnachtsbäume schauen im Prinzip JEDES Jahr gleich aus und es ist VÖLLIG uninteressant, sie sich wieder anzuschauen. Ebenso ist es uninteressant, die lieben Kleinen jedes Jahr beim Auspacken genauestens zu dokumentieren. Da kann man andere Fotos machen, die sind interessant, ab und zu ein Filmchen, das bringt wesentlich mehr, nämlich besondere Situationen/Entwicklungsschritte.

V.a. schaut man sie sich dann beim Rückflug am Display an und dann vielleicht eh nur merh einmal beim Überspielen.

Traurig genug, auf einen "Experten" zurückzugreifen,

um seine persönliche Erziehung (vor sich) zu rechtfertigen.

Ich pfeif auf 24/7 Wellness/Event/Spa/Resort/Familypark gruppenzwangsgesteuerte Reizüberflutung, und unsere Kinder auch.

wie können sie nur!

wie soll unser kapitalistisches wirtschaftssystem denn sonst ohne diese job-erfindungen überleben? wachstum ist grenzenlos und insofern müssen dienstleistungen und angeboten am laufenden band dazu erfunden, angeboten und verkauft werden! sonst .. sonst .. kommen wir noch in eine wirtschaftskrise!!! konsumieren sie doch, verdammt!!!

;-)

sehr richtig.

1) ich bin mutter und kein pausenkasperl!
2) woher soll ein kind wissen, was es gerne macht und somit in folge auch gut kann, wenn es nie in die verlegenheit kommt darüber nachdudenken.

ganz wertfrei ...

das Pendel der Pädagogik schwingt wohl langsam wieder retour.

wieso?
von wo nach wo?

Danke! Ein Artikel, der mir aus der Seele spricht!

aus meiner auch!

Ich muss ueben das "Mir ist fad" meiner Kinder als Gelegenheit zu sehen, und sie alleine eine Loesung finden zu lassen.

stimme absolut überein

langeweile führt zu introspektive, und bei kindern meist zu kreativität und phantasie

mir wird schlecht wenn ich sehe wie heutzutage die leute in der ubahn mit ihren smartphones spielen anstatt einmal am tag für 10 minuten die gedanken schweifen zu lassen...

es werden ununterbrochen externe stimuli konsumiert anstatt sich mit sich selbst zu beschäftigen, kein wunder dass sich die leute dann selber nicht kennen... entschleunigung würde da vielen gut tun

sie glücklicher

ich wurde in einer zeit erzogen, in der man keine langeweile haben durfte, da irgendwo irgendetwas gemacht werden musste. ich muss richtig bewusst mich zur langenweile zwingen (gelingt immer besser) - manchmal wenn ich für die tägliche fahrt in die arbeit mein buch vergesse, bin ich 20 sekunden verstimmt und dann schaue ich mir die mitfahrenden an und denke, gott sei dank, kann ich mich langweilen und in den weiten des universums wo kein mensch je zuvor gewesen ist, herumschweifen

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