Oberösterreichs wilde Gänse

13. November 2012, 16:49
25 Postings

Wo man das Reh kalt macht: Fidler erkundet Agnes' Reflexe in Neuhausen und Federvieh in Kronstorf

Wir hätten gerne mehr Saft. So tönt es vom schon betagter besetzten Nebentisch in dem fast rundum altgetäfelten Speisezimmer. Ja hätten wir den nicht alle gern?, frage ich mich, auch nicht mehr ganz der Jüngste, der ich beim Wirt z'Neuhausen meinen Platz unter einer Art Wolpertinger, wenn ich mich recht erinnere einem Fellfisch und ein paar anderen lustigen Jagd-, Angel- und Basteltrophäen gefunden habe. Gut, an einem Mittwochabend wird der schöne Vierkanthof in Neuhausen, wiewohl nicht weit von der Westautobahn, eher nicht rappelvoll.

Agnes' Reflexe

Ich war Agnes' Reflexen gefolgt. Die Oberösterreicherin scheint mir, wie auch ihr Herr Gemahl, mit einigem Sinn für Speis und Trank ausgestattet. Wo geh ich in deiner Heimat essen?, fragte ich. Wirt z'Neuhausen!, gab sie blitzschnell zurück. Solchen Reflexen muss man nachgeben.

Hausrucker Austern

Die Karte zeigt, dass Neuhausen und Umgebung von seinem Wirt Kostproben aus der weiten Welt einfordern, Schreibweise laut Karte: Speciales Gilleardeau etwa, sechs Stück zu 21, Rucola mit gebratenen Scampis und Peperonata, Miesmuschl'ni in Weißweinsud, Nudeln mit Trüffel, Goldbrasse "toscana" und gebratene Seezunge sind vermutlich nicht im Hausruckviertel daheim.

Hubertus für das kalte Reh

Aber für den immer konservativeren Fidler gibt's ja auch den Hubertussalat auf der Karte: vorwiegend Blattsalate bieten Steinpilzen und einem wunderbar zartrosa Rehrücken eine vorvorletzte Ruhestatt. Dass der Rücken beim Anblick des Fidler eher kühl blieb, wunderte mich auf den ersten Bissen. Aber auch Konservative können mit solchen kleinen Überraschungen gut umgehen - in Summe ziemlich yeah.

So Ende Oktober komm ich - siehe konservativ - natürlich um eine Gans nicht herum. Geht hier offenkundig ohne Vorbestellung, ist überraschend hell im Fleische, aber wunderbar saftig, kommt mit einer mir Unsüßem intensiven Bratquitte, Krautsalat und sehr anständigem Erdäpfelknödel. Und der Saft ist sowieso selbst jeden Nachschlag wert - siehe oben.

Noch eine Gans

Wo ich schon so in Fahrt war - und ohnehin auch wieder nach einem kleinen, traditionell allherbstlichen Schlenker über Italiens schönen Nordwesten - wieder zurück musste nach Wien, wollte noch eine Gans, noch ein Wirt erkundet werden im Land ob der Enns.

Da keine Agnes zur Hand war, griff ich zum stets lehr- wie genussreichen Slowfoodführer der kundigen Kollegen Severin Corti und Georg Desrues, der übrigens just dieser Tage in seiner zweiten Ausgabe auf den Markt kommt. Ich ging noch mit der schon sehr feinen Version 1 zu Werke - und wählte richtig, wie ich fand. Geografisch wie gastronomisch. Die Rahofers in Kronstorf nämlich.

Gezupfter Saibling

Für 37 Euro serviert man hier offenbar schmucke vier Gänge von Mühlviertler Schafkäse mit Rehschinken und Mohnöl, gebratenen Saibling mit Gelbwurzsauce, Polenta, Reh und Schwammerl und Feige in Rotwein. Blöd, wenn man die Zeit nicht hat, gerade in dieser Stube.

Ich zupfe mir den Saibling, als Zwischengang des Menüs erklärt, aus dem Prachtmenü - und bin schon sehr fröhlich über meine Wahl. Das Reh mit den Schwammerl hätte mich auch sehr, sehr angezogen. Allein: Wildgänse lese ich auf dem Kärtchen mit dem Gänsekopf, denke an Roger Moore und Nils Holgersson und bin schon dabei.

Gar nicht wild

Gut, dass ich nicht genauer nach den Wildgänsen gefragt habe, so hab ich mir wenigstens eine dilettantische Blamage erspart. Die Gans ist ganz gans, überhaupt nicht wild, wobei im Fleische deutlich dünkler als ihre Schwester aus Neuhausen. Kann natürlich auch einfach an einem etwas anders gelagerten Trumm vom Tier gelegen sein. Jedenfalls: Auch sie eine Pracht, auch sie voll im Saft.

Da möchte der Fidler einfach noch ein paar Gänge mehr, womöglich in dem lauschigen Innenhof an einem lauen Abend, und dann eines der Zimmer inspizieren, die Rahofers Gästen auch anbieten. Der nächste Sommer kommt bestimmt. Und ich gewiss nach Kronstorf.

Und welche Blamage hat sich der Fidler nun erspart? Zu offenbaren, dass ihm neben einer von den p.t. Posterinnen und Postern oft schon befundeten Schreib- auch eine Leseschwäche eignet. Auf der Karte stand nämlich Wild UND Gänse im Oktober und November. Eine perfekte Kombination für den Fidler. Ich sollte nicht bis zum nächsten Sommer warten. (Harald Fidler, derStandard.at, 13.11.2012)

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

  • Das Reh im Hubertus - Salat, nicht Mantel, beim Wirt z'Neuhausen: sehr gut, überraschend kühl.
Wirt z'NeuhausenNeuhausen 14860 Schörfling am Attersee    07662/2725
Zwei Gänge, ein Glas Prosecco, Apfelsaft, Kaffee aus der im Gastzimmer platzierten, nicht gerade leisen Bremer-Maschin: 54 Euro
    foto: harald fidler

    Das Reh im Hubertus - Salat, nicht Mantel, beim Wirt z'Neuhausen: sehr gut, überraschend kühl.

    Wirt z'Neuhausen
    Neuhausen 1
    4860 Schörfling am Attersee
    07662/2725

    Zwei Gänge, ein Glas Prosecco, Apfelsaft, Kaffee aus der im Gastzimmer platzierten, nicht gerade leisen Bremer-Maschin: 54 Euro

  • Da kommt die Gans, und keine schlechte.
    foto: harald fidler

    Da kommt die Gans, und keine schlechte.

  • Hier kann man auch schlafen, darauf komm ich noch zurück: Rahofer in Kronstorf.
Zwei Gänge, Apfelsaft, Kaffee: 37,40
    foto: harald fidler

    Hier kann man auch schlafen, darauf komm ich noch zurück: Rahofer in Kronstorf.

    Zwei Gänge, Apfelsaft, Kaffee: 37,40

  • Hier möcht ich sommers bitte einmal sitzen.
    foto: harald fidler

    Hier möcht ich sommers bitte einmal sitzen.

  • Saibling auf Gelbwurzsauce, gefiel mir.
    foto: harald fidler

    Saibling auf Gelbwurzsauce, gefiel mir.

  • Die zweite Gans. Dünkler, kräftiger, wunderbar.
    foto: harald fidler

    Die zweite Gans. Dünkler, kräftiger, wunderbar.

Share if you care.