Der Apfel wird völlig überbewertet

  • Eine Frucht  als Versager,  als Minderleister, Schulabbrecher, 
Hilfsarbeiter, Arbeitsloser, zu alt, mental erschöpft,  dazu das  
Alkoholproblem (Gärung), Alteisen, Nebengleis.
    vergrößern 600x600
    foto: apa/dpa/rehder

    Eine Frucht als Versager, als Minderleister, Schulabbrecher, Hilfsarbeiter, Arbeitsloser, zu alt, mental erschöpft, dazu das Alkoholproblem (Gärung), Alteisen, Nebengleis.

Gesund? Ein Obst, das einfach dazugehört? Mitnichten. Eine Abrechnung mit dem Apfel

Ich darf mich über Äpfel echauffieren. Als ich Kind war, hatten meine Eltern eine kleine Apfelbaumplantage, etwa 70 Bäume, mit nicht viel weniger Sorten, ich kann nicht nur einen Klarapfel von einem Lederapfel unterscheiden, das kann ja jeder, sondern auch einen Berlepsch von einer Parmäne, allein durch Tasten.

Aber diese Sorten sieht man nicht mehr, also ist mein taktiles Ingenium nicht mehr gefragt, es verkümmert. Was man indes sieht, sind entindividualisierte Normäpfel, die Granny Smith, Jonagold, Gala und Golden Delicious heißen, aber keineswegs deliziös sind, sondern nach Apfelshampoo schmecken, so als müssten die Früchte das Odeur des inzwischen längst verschwundenen Haarpflegeprodukts weitertragen. Hier schließt sich der Kreis, die Imitation des Lebens imitiert sich selbst.

Der Apfel als eine Coverversion, mehr eine zynische populistische Taktik eines Genmanipulators, der sich selbst für einen Künstler oder Designer hält, dem es an Originalität gebricht, eine Geste der Verachtung, als ein respektvolles Beispiel für guten Geschmack und Aufrichtigkeit. Die offene Ablehnung des Originals und der Originalität erschüttert und ist nicht einmal mehr als Kitsch oder als Bratapfel zu gebrauchen.

Ich will jetzt nicht Jostabeeren und Nashibirnen das Wort reden, also mich als Fruchtsnob gerieren, aber solange es Menschen gibt, denen Demut fremd ist, die ernsthaft Äpfel im Sommer essen wollen, ist dieses Kernobst erledigt, chancenlos, denn Äpfel sind ein Herbstprodukt, das im Winter bereits verschrumpelt und zu Apfelmus verarbeitet ist, wenn es Glück hat.

Nun müssen die charakterlosen Wachsäpfel aus Neuseeland oder Südafrika her, aromalos, denn Aroma lässt sich schlecht konservieren. Mal abgesehen vom verheerenden ökologischen Fußabdruck, den man beim Kauf dieser Farce hinterlässt, verschleift man auch seinen genetischen olfaktorischen Code für spätere Generationen, das heißt, es ist bereits geschehen, ein heute lebendes Kind ist auf diese künstlichen Kompromissaromen konditioniert. Die alten Sorten dorren am Baum, den niemand mehr schüttelt, das, was da noch gepflückt wird, ist Subventionsware, Regierungen kaufen sie den Bauern ab, damit es überhaupt noch Bauern gibt, und vernichten sie, schütten sie in den Wald, damit sie die Rehe im Winter fressen, versaften sie, verschenken die Brühe an Problemschulen oder Knastbrüder.

So wie es eine gesellschaftliche Übereinkunft darüber gibt, dass Claudia Schiffer dumm ist, sein muss, und die Scorpions doof, so gibt es auch eine über Äpfel, nämlich dass sie einfach dazugehören, das Obst schlechthin sind, ein Synonym für etwas, was schon immer da war. Wenn heute Äpfel gegessen werden, dann allenfalls aus Mitleid, so wie man eine Oma küsst, man macht es, weil man es machen muss. "Geh deine Straße, denn deine Straße musst du gehen", wie einst Cindy & Bert sangen, iss den Apfel, iss ihn, weil er da ist.

Traurige, mehlige Füllmasse

Wenn ich einen Apfel esse, dann aus Wut, und dann springt mir das Kiefergelenksköpfchen aus der Kiefergelenkspfanne, und ich bekomme meinen Mund nicht mehr zu, der Apfelsabber rinnt mir aus dem nicht zu verschließenden Mund, und ich sehe so debil aus, wie ich es eben bin, der Apfel wirft mich auf das zurück, das Eigentliche, was ich unter dicken Schichten von mühsamst erarbeiteter zivilisatorischer Persönlichkeitsstruktur und Autonomie noch vor sich hinwest, eine atavistische Fratze, ein Virus in Schuhen, wie jemand, der sich Erbsen in die Nasenlöcher gesteckt hat und sie nicht mehr herausbekommt.

Ein Freund, ein Architekt aus der Schweiz, also ein Mann mit Stil und Geschmack, meinte neulich: "Äpfel sind die traurige, mehlige Füllmasse in den Frühstückbuffet-Fruchtsalaten der ambitionierteren Dreisternehotels. Also von jenen, die den Fruchtsalat selber machen und eben nicht den guten aus der Dose nehmen", wobei man sagen muss, dass es Äpfel ja noch nicht mal im Laufe ihrer Evolution geschafft haben, dadurch geadelt zu werden, dass man sie eindost oder einfriert, weil sie ja sowieso immer da waren und da sind, sich die Wissenschaft sich eher mit dem Einfrieren von Pizza, der Lyophilisation (Gefriertrocknung) von Kaffee oder der Gefriertrocknung von Leichen beschäftigt hat.

Wenn es ein Apfel geschafft hat, konserviert zu werden, dann nur im Verband mit anderen Früchten im Obstsalat, Früchten, die mehr Charakter haben, die die Äpfel gewissermaßen mitziehen, ja durchfüttern müssen, das bricht mir das Herz. Eine Frucht als Versager, als Minderleister, Schulabbrecher, Hilfsarbeiter, Arbeitsloser, zu alt, mental erschöpft, rote Haut, stark parfümiert, dazu das Alkoholproblem (Gärung), Alteisen, Nebengleis.

Das bekannte, praktisch unübersetzbare englische Sprichwort "An apple each day keeps the doctor away" könnte man fortsetzen mit: aber nur, wenn man genau zielt. Ein Wurfgeschoß, das haben selbst Kokosnüsse nicht erreicht. Immerhin hat es der Apfel so in die Weltliteratur geschafft, in Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung schleudert Gregor Samsas Vater voller Verachtung einen Apfel gegen seinen verängstigten Käfersohn, der im Panzer steckenbleibt und eine schwärende Wunde zeitigt, die letztlich letal ist. Wenn mit Tomaten und faulen Eiern geworfen wird, dann ist das wenigstens ein unmutsbezeugendes Statement, aber ein geworfener Apfel?

Man will dem Apfel immer zurufen: Wehr dich, tu doch etwas, lass dich doch nicht immer manipulieren, aber er ist nur ratlos, wird nicht mehr Fuß fassen können, glotzt nur doof. Ein ehemals singulärer Charakter hat den Wettbewerb gegen die anderen Karrieristen verloren und aufgegeben, eine Monopolfrucht, die um die Macht nicht mehr kämpft, sondern die Waffen gestreckt hat. Andererseits möchte man sie aber auch bewahren vor der sogenannten Plage des Relaunch, aber der letzte richtige Relaunch war, als irgendwelche verrückten Doktoren Frankensteine in unterirdischen Laboratorien in Südafrika den Golden Delicious züchteten, zynisch Kulturapfel genannt - aufgrund seiner starken Süße und seiner gelben, mit dunklen Sprenkeln versehenen Schale wurde er in den 1980er-Jahren umgangssprachlich auch Bananenapfel genannt. Und das ist nun wirklich kein schmückendes Etikett, eher Niedertracht, denn was ist noch charakterloser als ein Apfel? Bananen. Die deutsche Frucht.

Warum das wohl so ist, dass Deutschland mit großem Abstand den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Bananen hat? Es gibt auf dem Globus nur eine zweite Spezies, die so wild auf Bananen ist wie die Deutschen, und das sind Affen, Darwins letztes Puzzleteil, hier ist es, die Menschheit stammt vom Deutschen ab. Wenn ich an Bananen denke, spät in der Nacht, wird mir richtig übel, Bananen machen unselbstständig, ängstlich, passiv, das ist ihr Charakter, aber das ist ja wenigstens etwas, das unterscheidet sie vom Apfel.

Und wenn ich jetzt an das Tischtennisspiel mit Klaus Meine denke, da im Keller seiner Villa in Hannover, und Claudia Schiffer als Schiedsrichterin, und sie trinkt keinen Gin Tonic, wie ich vorhatte, mir vorzustellen, sondern isst stattdessen einen Golden Delicious, dann will ich doch lieber, dass Klaus das Match gewönne, so deutsch kann ich gar nicht sein, hier in der deutschsten Stadt mit dem deutschsten Musiker und der deutschsten Frau.

Gottesbeweis Claudia Schiffer

Traurig gehe ich in die hannoveraner Nacht, es regnet, ich habe verloren, nicht nur das Match, sondern auch Claudia Schiffer, besiegt letztlich durch einen Apfel. Ich denke, wenn ein Apfel ein Musikgenre wäre, welches wäre das? Dem Frühwerk der Scorps bleibe ich trotz allem treu, Speedy's Coming, ein Lied zum mit ins Grab Nehmen, das ist es schon mal nicht, also Power Metal der ersten Generation. Es ist eigentlich leicht und liegt auf der Hand, und als ich drauf komme, hört der Regen auch schlagartig auf, die Wolken schieben sich beiseite, der Himmel weitet sich, aus einem überzähligen Sternenhaufen versuche ich das Sternbild der Fliege auszumachen, Claudias und mein Verbindungsglied, und mit einem Mal ist sie da, die Erkenntnis: Äpfel, das ist Nu Metal, das überwältigend charakterloseste Genre der Musikgeschichte, Bands wie Linkin Park und Limp Bizkit, die auseinanderzuhalten nur wenigen Versierten gelingt.

Wenn es einen Gott gäbe, hätte er Äpfel und Nu Metal nicht zugelassen, aber dass es Gott gibt, beweist doch allein die Existenz von Claudia Schiffer, sie ist die schönste Blume in Gottes Garten, und ich bin jetzt ganz froh, dass ich sie nicht gepflückt habe, es mit ihr und mir nicht geklappt hat, denn wäre das nicht eigentlich Blasphemie, wäre es nicht die Nachstellung des Sündenfalls, hätte ich nicht gar Gott versucht?

Und ist der Tischtenniskeller Klaus Meines nicht das Paradies, aus dem ich mich selbst vertrieben habe, um das Schlimmste zu verhindern, wer will es mir verargen? Da saß sie, Claudia, auf einem Barhocker, wie Marlene Dietrich im Roten Engel auf der Tonne, mit goldenem Zylinder und übergeschlagenem Bein, und reicht mir den Apfel, und ich nehme schreiend Reißaus.

Wie heißt die verschollene erste Platte der Scorps? Cold Paradise. Niemand besitzt sie, niemand weiß, ob sie wirklich existiert, ist sie Einbildung, Wunschdenken, hat man die Bänder gestohlen, hat man darauf verzichtet, sie zu veröffentlichen, weil sie einfach ZU gut für diese Welt ist? Mehr noch ist indes zu vermuten, dass sie die vollständige Theorie von allem ist, also etwas, wozu die Menschheit noch immer nicht in der Lage ist, sie zu verstehen. Was man wiederum daran erkennen kann, dass sie im Sommer Äpfel essen will.  (Tex Rubinowitz, Album, DER STANDARD, 1./2.12.2012)

Share if you care