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Wien - 472 purpurgefärbte Seiten, eingefasst in einen vergoldeten und edelsteinbesetzten Buchdeckel: "Fast perfekt nah am Original in der Schatzkammer" sei man mit der Faksimile-Ausgabe des Krönungsevangeliars des Heiligen Römischen Reiches aus dem 8. Jahrhundert, erklärte Armin Sinnwell, Leiter des Münchner Faksimile Verlags, bei der feierlichen Überreichung des Bandes an das Kunsthistorische Museum Wien (KHM). In Zukunft wird die Handschrift in der neu gestalteten Schatzkammer zu sehen sein.
Drei Jahre lang arbeiteten rund 50 Leute an der perfekten Kopie, druckten Gold- und Silber in die Seiten oder schliffen die Ornamente des fein gearbeiteten Golddeckels. Diese Originaltreue hat seinen Preis: 29.980 Euro muss man für eines der 333 limitierten Exemplare bezahlen. Warum aber dieser Aufwand? "Das Krönungsevangeliar ist eines der Hauptwerke der Schatzkammer", erklärte die Direktorin des KHM, Sabine Haag. Zudem sei es eines der wichtigsten Bücher des Mittelalters und damit natürlich auch Gegenstand von wissenschaftlicher Forschung.
Gleichzeitig sei die Handschrift aber extrem lichtempfindlich, deshalb werde in der Schatzkammer momentan nur der Deckel ausgestellt und das Innere des Buches sicher verwahrt, so Haag weiter. Man stehe hier im Spannungsfeld zwischen Bewahren und Vermitteln. "Faksimiles bieten die wunderbare Möglichkeit, den Prachtband zur Gänze einem interessierten Publikum zu zeigen", erklärte Haag, warum sie sich ganz besonders über das Geschenk aus München freue.
Damit die Kopie auch wirklich zu Forschung und Vermittlung herangezogen werden kann, muss sie dem Original bis aufs Haar gleichen. Ständige Vergleiche sind notwendig - diese überwachte der Kurator der Schatzkammer, Franz Kirchweger. Unter seinem strengen Auge wurden zunächst die Seiten des Krönungsevangeliars mit einem speziellen Buchtisch in Graz eingescannt, für die Nachahmung des Deckels kam ein 3D-Scanner zum Einsatz. Als problematisch hätten sich dabei vor allem die Purpurseiten erwiesen, bei denen es den exakten Farbton zu treffen galt.
Obwohl die Technik inzwischen sehr fortgeschritten sei, müssten gewisse Schritte immer noch per Hand erledigt werden, sagte Sinnwell. Der in Bronze gegossene Deckel wurde vergoldet und in Handarbeit zurecht geschliffen. Die Seiten wurden zunächst in Vierfach-Farbe gedruckt, danach mit Gold- und Silberhighlights versehen sowie eine Schicht hinzugefügt, die den Alterungsprozess der Handschrift darstellt. Nur der letzte Schritt habe sich gegenüber dem 8. Jahrhundert nicht verändert: In sorgfältiger Präzisionsarbeit werden die Seiten von einem Buchbinder zusammengefügt, so Sinnwell. Daher könne man auch nur ein Exemplar nach dem anderen produzieren.
Das Krönungsevangeliar des Heiligen Römischen Reiches ist 795 in der Palastschule Karls des Großen in Aachen entstanden. Die Verwendung des Evangeliars ist legendenhaft: Otto III soll es im Jahr 1000 im Grab Karls des Großen entdeckt haben, spätestens ab 1200 sei es bei jeder Königskrönung präsent gewesen sein und so - laut Überlieferung - zur "Schwurbibel des Reiches" aufgestiegen, wie Sinnwell erklärte. Denn jeder König legte seine Hand auf die erste Seite des Johannesevangeliums. Der goldene Buchdeckel wurde später hinzugefügt und stammt etwa aus dem Jahr 1500. Die Faksimile-Ausgabe ist eine der teuersten und aufwendigsten, die bisher produziert wurden. (APA/red, derStandard.at, 9. 11. 2012)
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KHM: Weltliche Schatzkammer (ein Foto des Krönungsvangeliars finden Sie in der Navigation über "Ausgesuchte Meisterwerke" -> "Das Heilige Römische Reich")
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