Petra Jens: "Fußgängern buchstäblich den roten Teppich ausrollen"

Interview9. November 2012, 08:53
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Die Fußgängerbeauftragte Petra Jens möchte ein Fußwegenetz über Wien legen und dafür sorgen, dass Kinder und Ältere sicher zu Fuß unterwegs sein können

STANDARD: Warum braucht die Stadt eine Fußgängerbeauftragte?

Jens: Weil zu Fuß gehen wichtig ist für die Stadt und weil es alle betrifft. Egal, ob man mit dem Auto fährt, mit dem Rad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln, man ist auch immer Fußgänger und Fußgängerin. Und da schließe ich auch die Menschen ein, die sich mit dem Rollstuhl bewegen.

STANDARD: Wurde bisher in Wien zu wenig auf die Bedürfnisse der Fußgänger geachtet?

Jens: Ich habe den Eindruck, dass sich die Stadt auf den Weg gemacht hat, dem Zu-Fuß-Gehen mehr Aufmerksamkeit zu widmen, und ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, dass der Verkehr auch wieder menschenfreundlicher wird.

STANDARD: Wie sieht Ihr Beitrag konkret aus?

Jens: Als erstes größeres Projekt möchte ich das Wiener Fußwegenetz darstellen, aufzeigen, wo es Lücken gibt, und auf ein fußläufiges Hauptwegenetz hinarbeiten. Darunter verstehe ich Fußwege, auf denen man auch größere Distanzen gut und gerne zurücklegt.

STANDARD: Gibt es in Wien bereits fußgängerfreundliche Grätzel?

Jens: Ja, die gibt es in verschiedenen Bezirken. Es gibt auch Pilotbezirke wie Mariahilf, das sich eingehend mit geschlechtsspezifischem Mobilitätsverhalten beschäftigt hat. Mir ist wichtig, dass es ein Netz über ganz Wien gibt, dass sich die Fußgängerfreundlichkeit nicht nur in einzelnen Projekten erschöpft. Und ich möchte, dass seitens der Stadtverwaltung und -planung den Fußgängern buchstäblich der rote Teppich ausgerollt wird, weil sie so wichtig sind.

STANDARD: Gibt es internationale Beispiele für gute Lösungen für Fußgänger?

Jens: Es gibt viele internationale Beispiele und auch sehr gute in Österreich. Vor allem gehört ein Fußgängerleitsystem dazu. Und zwar soll ja diese zusätzliche Information die Leute nicht überfordern. Das ist auch ein Teil von Barrierefreiheit, dass man die Information leicht zugänglich macht, intuitiv erfassbar. Ich denke auch an Menschen mit demenziellen Erkrankungen oder an Menschen mit einer intellektuellen Behinderung, auch sie gehören dazu, auch sie sollen sich zurechtfinden.

STANDARD: Gibt es Personengruppen, denen Sie sich besonders widmen wollen?

Jens: Ja. Ich möchte, dass es für Kinder wieder leichter wird, sich im öffentlichen Raum auch unbeaufsichtigt zu bewegen. Ich möchte, dass die tägliche Turnstunde schon auf dem Schulweg oder auf dem Weg zum Kindergarten beginnt. Die zweite Personengruppe sind ältere Menschen, die darauf angewiesen sind, dass sie sich in ihrer Wohnumgebung sicher bewegen können.

STANDARD: Sie wurden mit Ihrer Anti-Hundekot-Kampagne bekannt. Liegen heute weniger Hundstrümmerln auf den Wiener Gehsteigen?

Jens: Ich habe den Eindruck, dass mehr Menschen die Hundstrümmerln aufheben und entsorgen. Das hat sich eindeutig verbessert. (Bettina Fernsebner, DER STANDARD, 9.11.2012)

Petra Jens (36) hat Nutztierethologie studiert und war zuletzt bei der Diakonie tätig. Am 1. Jänner tritt sie ihre Funktion als Fußgängerbeauftragte an.

  • Für Petra Jens fällt unter Barrierefreiheit auch der Zugang zu Information.
    foto: matthias cremer

    Für Petra Jens fällt unter Barrierefreiheit auch der Zugang zu Information.

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