"Muss halt wieder der liebe Gott runterschauen"

Interview8. November 2012, 18:08
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Unter Coach Roland Kirchler hat Wacker Innsbruck vier Spiele en suite gewonnen. Der Ex-Teamspieler, was ihm peinlich ist, wo er Rat einholt und wie es unter Happel war

STANDARD: Ein neuer Trainer geht mit einer Mannschaft, die sieben Spiele en suite verloren hat, in die Kirche, und dann gewinnt sie. Ist das nicht ein bisschen kitschig?

Kirchler: Am Anfang war das schon eine gute Geschichte. Ich wollte einfach etwas anderes machen mit der Mannschaft. Und da sind wir eben rein in die Kirche, an der wir sonst während der Kasernierung vor einem Spiel vorbeispaziert sind. Jetzt ist mir das fast schon peinlich, überhaupt wenn so getan wird, als wäre ich ein Heiliger.

STANDARD: Immerhin haben Sie seither weitere drei Pflichtspiele in Folge gewonnen. Und am Samstag kommt die Austria nach Tirol. Mit Trainer Peter Stöger haben Sie 1994/95 unter Hans Krankl in Innsbruck zusammengespielt. Wie war ihr Verhältnis damals?

Kirchler: Nicht das beste, es ging da ein bisserl Ost gegen West - Stöger, Krankl, Mählich da, die Tiroler dort. Als Stöger schon Trainer war, habe ich ihn bei einem Länderspiel am Buffet getroffen, da haben wir gut gesprochen. Ich habe einen Riesenrespekt vor seiner Arbeit, mir gefällt sein Zugang zum Job, er redet viel mit seinen Spielern. Ich mach das auch.

STANDARD: Sie selbst hatten viele Trainer, darunter zu Beginn Ernst Happel. War das prägend?

Kirchler: Von ihm habe ich schon eine Art Grundschule, etwa was die Disziplin angeht, aber die Methoden im Umgang mit den Spielern haben sich geändert, obwohl er mit den Jungen wie mir oder dem Baur Michi immer komplett super war. Paniert hat Happel ja die Älteren und die Legionäre.

STANDARD: Wer war dann Ihr wichtigster Trainer?

Kirchler: Kurt Jara, keine Frage, auch weil ich da schon ein älterer Spieler war, den Fußball kapiert habe, ruhiger und gescheiter war und wusste, wo ich hin wollte.

STANDARD: Ist Jara für Sie so etwas wie ein Berater?

Kirchler: Ich würde ihn eher als einen freundschaftlichen Typ bezeichnen, er hat schon früh gemerkt, dass mich das Trainergeschäft interessiert, er hat mich zu Red Bull Salzburg geholt, und der Kontakt war immer da. Natürlich habe ich mich mit ihm beraten, als sich die Möglichkeit mit Wacker Innsbruck ergeben hat.

STANDARD: Der Klub wollte erst Michael Streiter statt Walter Kogler. Fühlen Sie sich als zweite Wahl?

Kirchler: Das ist mir völlig egal. Streiter war eine andere Dimension, auch finanziell.

STANDARD: Das ist ein generelles Problem bei Wacker Innsbruck. Haben Sie Aussicht auf Verstärkungen, wenn die Ergebnisse wieder schlechter werden sollten?

Kirchler: Das war ein wichtiger Punkt in den Verhandlungen. Ich habe mir schriftlich zusichern lassen, dass ich einen Führungsspieler bekomme, wenn es nicht läuft. Ich habe gedacht, für die Defensive, aber die ist zuletzt gestanden.

STANDARD: Steht Führungsspieler oder defensiver Führungsspieler?

Kirchler: Nein, nein, der ist mir schon unabhängig von der Position zugesichert.

STANDARD: Am Samstag könnten wieder einmal sehr viele Fans ins Tivolistadion kommen. Ihr Verhältnis zum Anhang war nicht immer unproblematisch. Wie ist es heute?

Kirchler: Es ging mir vor allem um den Umgang mit ehemaligen, verdienstvollen Wacker-Spielern, die ausgepfiffen wurden, nicht nur ich. Das habe ich kritisiert.

STANDARD: Ihnen wurde der Wechsel zu Salzburg nachgetragen ...

Kirchler: ... dabei war ich vor dem Engagement in Salzburg nicht in Innsbruck, sondern für ein halbes Jahr in China. Das haben viele nicht gewusst. Jetzt gab es mit Fanklubs eine offene, ehrliche Aussprache. Aufgrund der Siegesserie ist aber ohnehin alles lässig.

STANDARD: Und was passiert am Samstag gegen die Austria?

Kirchler: Ich kann den Fußball einschätzen, ich habe zuletzt das 6:1 gegen Ried gesehen. Die Austria und Salzburg stehen eine Klasse über allen. Wir haben keine Angst, aber es muss halt wieder der liebe Gott herunterschauen. (Sigi Lützow, DER STANDARD, 9.11.2012)

Roland Kirchler (42) schoss in 490 Bundesligaspielen 99 Tore, war mit dem FC Tirol dreimal Meister und schmückte 28-mal das Nationalteam (fünf Tore). Als Trainer wirkte der Innsbrucker zuvor bei Regionalligist WSGS Wattens.

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    Roland Kirchler ist bei Ernst Happel in die Grundschule gegangen, mittlerweile ist er selber Fußballlehrer in Tirol.

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