Anarchische Gaudi mit einem schlurfigen Inspektor

Dorian Waller
8. November 2012, 17:24

"Columbo Dreams" - eine Musical-Hommage im Wiener Rabenhof

Wien - Seit geschätzten 65 Jahren, ein genaues Datum vermag heute niemand mehr zu nennen, tappt ein Inspektor des Los Angeles Police Department im nächtlichen Dunkel eines legendären Fernsehkrimis. Ausgestattet mit einem zerknitterten Mantel und einer ob ihres Geruchs vielgescholtenen Zigarre, ermittelte sich der von Peter Falk gespielte Columbo in die Herzen unzähliger Zuschauergenerationen. Einer seiner größten Verehrer, der Wiener Kriminalpolizist Alfred Costanza, folgt nun im gelungenen Musical-Klamauk "Columbo Dreams" seiner untrüglichen Spürnase.

Vier Jahre nach ihrer schillernden Verbeugung vor den französischen Fantomas-Filmen machen Peter (Buch) und Klaus Waldeck (Musik) mit ihrer Hommage an den genialen Schrull erneut den Wiener Rabenhof zum Tatort. In grellen Pappkulissen (Bühne: Christine Dosch) hat der eitle Universalkünstler Valentin Kempinsky den ihn erpressenden Sexmuseumsbesitzer Edgar DeVries um die Ecke gebracht und das Verbrechen als Selbstmord getarnt.

Der mit dem Fall betraute Kommissar Costanza ist gleich sicher, dass es sich bei Kempinsky um den Mörder handelt, die Sache mit dem Überführen klappt jedoch nicht ganz so leicht wie bei seinem Vorbild aus dem Fernsehkastl. Schließlich fehlen ihm auch ein Hund und eine Frau, deren Erwähnung für eine erfolgreiche Recherche unerlässlich sind.

Die bei der Premiere vielbejubelte Inszenierung von Thomas Gratzer schöpft ihre Schmähs in erster Linie aus zwei Quellen. Zum einen aus der infantilen Potenzierung der charakteristischen Eigenheiten Columbos durch seinen von Gerald Votava perfekt auf die Bühne geschlurften Wiener Nachahmer. Zum anderen aus der nicht minder lächerlichen Gestalt Kempinskys: optisch angelehnt an Johnny Depps Sweeney Todd visioniert Manuel Rubey als kleiner Bruder André Hellers beständig poetische Konzepte voller Clowns, Pferdemähnen und Kindertränen.

Unterstützt vom singenden und tanzenden Corps du Palais des Rabenhof-Theaters (Choreografie: Petra Kreuzer), könnten die beiden Hauptdarsteller vermutlich schon allein einen schrägen Abend tragen. Da aber auch noch Eva Maria Marold als Costanzas zeternde Mutter und TV-"Tritschtratsch"-Tante Vera Stockholm die gepflegte Rampensau rauslässt und Christian Dolezal als testosterongetriebener Hasselhoff-Verschnitt Barry an Costanzas Seite mit Sprengstoff um sich wirft, schaukelt sich "Columbo Dreams" letztendlich zu einer anarchischen Gaudi erster Güte hoch.

Zwei Stunden voller Witz und Tempo, die alle Fernsehkinder erfreuen sollten. (Dorian Waller, DER STANDARD, 9.11.2012)

Bis 21. 12.

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