Krähen haben auch ohne Großhirnrinde enorme geistige Fähigkeiten

Gehirne von Krähenvögeln und Primaten aus gleichen Modulen aufgebaut und auch ähnlich vernetzt

Wien - Ginge es nach der klassischen Hirnforschung, müssten Krähenvögel so einfach gestrickt sein wie Reptilien oder Fische, denn sie haben allesamt keine Großhirnrinde. Das ist jener bei Menschen und Affen gut entwickelte Hirnteil, der für ihre außergewöhnlichen geistigen Fähigkeiten sorgt. Doch auch wenn ein Krähenhirn auf den ersten Blick anders aussieht als ein menschliches, besteht es aus den gleichen Modulen und auch die Verknüpfungen sind ähnlich. So hat ihnen die Evolution einen Verstand beschert, der durchaus mit dem von Menschenaffen mithalten kann. Dies berichtete Onur Güntürkün von der Ruhr-Universität Bochum bei einem Vortrag in Wien.

Güntürkün machte unter anderem mit Elstern Versteckspiel-Tests, die eigentlich für Kinder entworfen wurden. Damit könne man untersuchen, ob sie verstehen, dass ein Gegenstand immer noch existiert, wenn er aus ihrem Blickfeld verschwindet. "Es überraschte uns nicht, dass die Elstern das schwierigste Level schafften und so kognitiv mit den Menschen auf einer Augenhöhe sind", erklärte der Biopsychologe bei der von der Österreichischen Forschungsplattform "Cognitive Science" und dem PhD Programm "Cognition and Communication" organisierten Lorenz-Lecture an der Universität Wien.

Was ihn am meisten fasziniert habe, sei, dass die Elstern dabei die gleichen Fehler machten wie die Kinder, die gleichen Probleme hatten und die gleichen Entwicklungsschritte durchliefen. Dies würde zeigen, dass der Verstand bei den Krähenvögeln die gleiche Architektur aufweist, wie bei Menschen, obwohl zwischen ihrer Entwicklung 280 Millionen Jahre lägen.

Elstern erkennen sich im Spiegel

Bis vor Kurzem wusste man nur von zwei Säugetierarten außer dem Menschen, dass sie sich im Spiegel selbst erkennen: Schimpansen und Orang-Utans. Elefanten, Gorillas und Delfine könnten dies ansatzweise, die übrigen Affen, Hunde und alle anderen getesteten Säugetiere sind dafür nicht schlau genug. Güntürkün konnte zeigen, dass jedoch Elstern sehr wohl wissen, wer ihnen aus dem Spiegel entgegenblickt. Das zeigte folgender Versuch: Klebte er einer Elster einen bunten Papierpunkt ans Gefieder, störte er sie sehr, wenn sie sich damit im Spiegel sah. Die Elster ließ nicht locker, bis sie ihn mit Schnabel und Krallen entfernt hatte. Ohne Spiegel bemerkte sie den "Schandfleck" nicht. Auch ein schwarzer Punkt, der im Spiegel wohl nicht zu sehen war, störte die Elster nicht.

Diese kognitiven Leistungen machen bei Krähenvögeln, genauso wie bei Primaten, selektiv vergrößerte Vorderhirn-Bereiche möglich, die für Assoziationen zuständig sind, so Güntürkün. Die Evolution habe damit auf die Anforderung, die intellektuellen Fähigkeiten zu erweitern, zweimal die gleiche Antwort gehabt, nämlich diesen Teil des Gehirns besonders zu fördern.

Ähnlich vernetzt

Anhand der Literatur und mit Computermodellen untersuchten Güntürkün und seine Kollegen auch, ob die Hirne von Vögeln - diesmal waren es Tauben - genau so vernetzt sind, wie die von Säugetieren. Sie hätten die gleichen Module, diese seien am gleichen Platz und auf die gleiche Art miteinander verbunden, berichtete Güntürkün. Selbst wenn man sich die zellulären und molekularen Mechanismen ansehe, würde man nur kleine Unterschiede erkennen, sagte er.

Krähenvögel also haben einen Hirnbereich, der der Großhirnrinde bei Säugetieren entspricht, auch wenn er nicht in Schichten aufgebaut ist, erklärte Güntürkün. Obwohl das Vorderhirn von Säugetieren und Vögeln im Großen erhebliche Unterschiede zeigt, wäre es im Detail sehr ähnlich. Die Evolution hätte offensichtlich kaum andere Möglichkeiten gehabt, einen "höheren Verstand" zu schaffen. (APA, 08.11.2012)

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