Krähen haben auch ohne Großhirnrinde enorme geistige Fähigkeiten

8. November 2012, 14:33

Gehirne von Krähenvögeln und Primaten aus gleichen Modulen aufgebaut und auch ähnlich vernetzt

Wien - Ginge es nach der klassischen Hirnforschung, müssten Krähenvögel so einfach gestrickt sein wie Reptilien oder Fische, denn sie haben allesamt keine Großhirnrinde. Das ist jener bei Menschen und Affen gut entwickelte Hirnteil, der für ihre außergewöhnlichen geistigen Fähigkeiten sorgt. Doch auch wenn ein Krähenhirn auf den ersten Blick anders aussieht als ein menschliches, besteht es aus den gleichen Modulen und auch die Verknüpfungen sind ähnlich. So hat ihnen die Evolution einen Verstand beschert, der durchaus mit dem von Menschenaffen mithalten kann. Dies berichtete Onur Güntürkün von der Ruhr-Universität Bochum bei einem Vortrag in Wien.

Güntürkün machte unter anderem mit Elstern Versteckspiel-Tests, die eigentlich für Kinder entworfen wurden. Damit könne man untersuchen, ob sie verstehen, dass ein Gegenstand immer noch existiert, wenn er aus ihrem Blickfeld verschwindet. "Es überraschte uns nicht, dass die Elstern das schwierigste Level schafften und so kognitiv mit den Menschen auf einer Augenhöhe sind", erklärte der Biopsychologe bei der von der Österreichischen Forschungsplattform "Cognitive Science" und dem PhD Programm "Cognition and Communication" organisierten Lorenz-Lecture an der Universität Wien.

Was ihn am meisten fasziniert habe, sei, dass die Elstern dabei die gleichen Fehler machten wie die Kinder, die gleichen Probleme hatten und die gleichen Entwicklungsschritte durchliefen. Dies würde zeigen, dass der Verstand bei den Krähenvögeln die gleiche Architektur aufweist, wie bei Menschen, obwohl zwischen ihrer Entwicklung 280 Millionen Jahre lägen.

Elstern erkennen sich im Spiegel

Bis vor Kurzem wusste man nur von zwei Säugetierarten außer dem Menschen, dass sie sich im Spiegel selbst erkennen: Schimpansen und Orang-Utans. Elefanten, Gorillas und Delfine könnten dies ansatzweise, die übrigen Affen, Hunde und alle anderen getesteten Säugetiere sind dafür nicht schlau genug. Güntürkün konnte zeigen, dass jedoch Elstern sehr wohl wissen, wer ihnen aus dem Spiegel entgegenblickt. Das zeigte folgender Versuch: Klebte er einer Elster einen bunten Papierpunkt ans Gefieder, störte er sie sehr, wenn sie sich damit im Spiegel sah. Die Elster ließ nicht locker, bis sie ihn mit Schnabel und Krallen entfernt hatte. Ohne Spiegel bemerkte sie den "Schandfleck" nicht. Auch ein schwarzer Punkt, der im Spiegel wohl nicht zu sehen war, störte die Elster nicht.

Diese kognitiven Leistungen machen bei Krähenvögeln, genauso wie bei Primaten, selektiv vergrößerte Vorderhirn-Bereiche möglich, die für Assoziationen zuständig sind, so Güntürkün. Die Evolution habe damit auf die Anforderung, die intellektuellen Fähigkeiten zu erweitern, zweimal die gleiche Antwort gehabt, nämlich diesen Teil des Gehirns besonders zu fördern.

Ähnlich vernetzt

Anhand der Literatur und mit Computermodellen untersuchten Güntürkün und seine Kollegen auch, ob die Hirne von Vögeln - diesmal waren es Tauben - genau so vernetzt sind, wie die von Säugetieren. Sie hätten die gleichen Module, diese seien am gleichen Platz und auf die gleiche Art miteinander verbunden, berichtete Güntürkün. Selbst wenn man sich die zellulären und molekularen Mechanismen ansehe, würde man nur kleine Unterschiede erkennen, sagte er.

Krähenvögel also haben einen Hirnbereich, der der Großhirnrinde bei Säugetieren entspricht, auch wenn er nicht in Schichten aufgebaut ist, erklärte Güntürkün. Obwohl das Vorderhirn von Säugetieren und Vögeln im Großen erhebliche Unterschiede zeigt, wäre es im Detail sehr ähnlich. Die Evolution hätte offensichtlich kaum andere Möglichkeiten gehabt, einen "höheren Verstand" zu schaffen. (APA, 08.11.2012)

Share if you care
5 Postings

Das "Suchspiel" halte ich für nicht sehr aussagekräftig, weil die Fähigkeiten da doch sehr z.B. vom angeborenen Futtersuchverhalten etc. abhängen.
Die Ergebnisse mit dem aufgeklebten Punkt überraschen mich; ich nehme mal an, dass die Tiere vorher schon länger mit dem Spiegel vertraut waren und damit eine Verknüpfung zum "Selbst" aufbauen konnten. Aber das ist wirklich eine echte Abstraktionsleitung. Gibts da auch Untersuchungen, ob andere intelligente Vögel (z.B. Papageien) das auch schaffen? Wellensittich lernen das Spiegelbild je nie als ihr eigenes erkennen - das sind aber auch nicht die vifsten unter den Papageien...

Du nimmst an, und du hast unrecht. Die Tiere waren nicht mit einem Spiegel vertraut.

Und selbst wenn sie es wären...was würde das an der kognitiven Leistung der Selbsterkennung ändern?

Soltest du immer noch zweifeln, empfehle ich dir dieses Video: http://www.youtube.com/watch?v=HeRaYPkNB8I

Dies würde zeigen, dass der Verstand bei den Krähenvögeln die gleiche Architektur aufweist, wie bei Menschen, obwohl zwischen ihrer Entwicklung 280 Millionen Jahre lägen.

Sehr interessante Forschung und gut geschriebener Artikel.
All das beweist das wir das Phaenomen "Intelligenz", und speziell seine anatomische Grundlage, sehr wenig verstehen.

einfach gestrickt wie fische?!

Fische können trotz der Kleinheit ihrer Gehirne bemerkenswerte hohe kognitive Prozesse bewältigen: Putzerfische, die sich hunderte ihrer Klienten aus 70 verschiedenen Arten an ihrer Putzerstation über mehrere Monate merken können und ihr Service dementsprechend anpassen, oder Mosquitofische die einen Zahlenbegriff haben zumindest bis 6 zählen können.
Das kommt daher weil das Fischhirn aus viel kleineren Neuronen und viel effizienteren Strukturen besteht als deas der Säuger und Vögel....das Vorurteil der dummen Fischen ist schon seit 15 Jahren nicht mehr haltbar.

Hard-coded bzw...

...hardwarenahe Programmierung (Fische, Frösche) vs. Universalcomputer und Brute-Force-Ansatz (Mensch)...sollte Informatikern irgendwie bekannt vorkommen...hätte man heute noch jene Programier-Qualität wie zu Zeiten des C64, dann bräuchtne wir keine 4-core 3.4 GhZ Heizplatten um Briefe zu schreiben...

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.