"Schmarotzer"-Diskurse

Kolumne | Bernd Marin
8. November 2012, 11:27

Was macht das brandgefährliche "Parasiten"-Gerede so zeitgeistig aktuell und politisch plausibel?

Fragt man nach den Ursachen der Renaissance brandgefährlicher "Parasiten"-Diskurse des 19. im 21. Jahrhundert*, so scheinen seit etwa 1970 folgende Entwicklungen maßgeblich.

* Nach Ausbau komfortabler Sozialstaaten und Erreichen nachhaltiger Finanzierungsgrenzen hatten sich die politisch Rechte und Tabloids auf die allzu populäre Jagd nach "Sozialschmarotzern", Missbrauch und Betrug bei Arbeitslosen-, Kranken-, Berufsunfähigkeits-, Familien-, Renten- und Pflegegeld fixiert.

* Der Aufstieg des Finanz- und Casinokapitalismus, dessen Arbitragemargen und die Gagen seiner Nutznießer werden zu Recht als parasitär erlebt. Erstens, weil sie unbegreiflich hoch, zweitens von nachvollziehbaren Leistungen weithin entkoppelt und auch bei Totalversagen wie der Royal Bank of Scotland ausbezahlt werden; und drittens, weil sie sich die Hochrisikoprämien privater Zockerei "with other people's money" überwiegend staatssozialistischer Bailout-Überlebensgarantie ("too big, too fat or too smart to fail") verdanken - garantierte Lotto-Jackpots.

* Der Aufstieg des "Winner-takes-all" Starsystems, dessen schwindelerregende Supergagen vor allem im Sport- und Showbiz mehr ambivalente Bewunderung als Neid hervorrufen - etwa 615.000 Euro Wochenlohn selbst für torlose Kicker oder zwei Millionen Dollar pro Woche für einen jahrelang sieglosen Golfsuperstar illustrieren das Problem.

* Parallel dazu entstand die Eloge auf "Lebenskünstler" als "Glückspilze" statt "Leistungsträger", die Wiederentdeckung antiker Diskurse wie des Lukian von Samosata zwischen Simon und Tychiades "als Beweis, dass Schmarotzen eine Kunst sey", "Parasiten" nun sogar in Enzensberger's "Die andere Bibliothek". Und "wo woa mei Leistung?"-Gangster untergruben Arbeitsethik und bürgerliche Leistungsmoral.

* Parasitologie neu, Dwakin's "egoistisches Gen", der naturwissenschaftliche Diskurs über "selfish DNA, the ultimate parasite", mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms 2001 die Neukonzeption der Welt als Kaskade parasitischer DNA die übereinander gepfropft aneinander schmarotzen und unser Genom kolonisieren, "genomic parasite".

* Der Aufstieg von Ethologie, vergleichender Verhaltensforschung und Soziobiologie, die "Sozialparasitismus" bei Lebewesen studieren.

* Permanenter Rationalisierungsdruck der Managementlehren, mit "zero tolerance" für Ineffizienz und Vergeudung.

* Die mit dem Wirtschaftsnobelpreis geadelten Konzepte asymmetrischer Information und "moral hazard", Bibliotheken füllende Analysen von Markt- und Staatsversagen, des (monopolistischen) "rent seeking" an bestehendem Vermögen durch Wettbewerbsbeschränkung, Klientilismus und Korruption an Stelle kreativ profitsuchender Wertschöpfung von Wohlstand, formulieren politökonomisch, spieltheoretisch, kriminalsoziologisch, bürokratiekritisch und wachsumstheoretisch die gesellschaftlichen Kosten korrupter und parasitärer Arrangements.

In Kürze: Menschen sind niemals "Parasiten", die für das Überleben sog. Wirte "beseitigt" werden müssten. Aber es gibt Verletzungen von Reziprozität und (kapitalistischem) Tausch: statt "etwas für etwas" (gleichwertiger Tausch) "viel für wenig(er)" (Ausbeutung, begrenzt etwas durch die laesio enormis im Römischen Recht) oder gar "etwas für (fast) nichts", Parasitismus par excellence.  (Bernd Marin, DER STANDARD, 10./11.11.2012)

* Siehe STANDARD 13./14. Oktober, Der Parasiten-Komplex

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Cui boni - wem nützt die sog. Neiddebatte ?

Sie soll die Superreichen vor der Infgrage-Stellung ihres enormen Reichtums schützen. Woher kommt er denn, der Recihtum. Wobei es vorallem um das VERMÖGEN geht. Oder ist ERBEN etwa eine LEISTUNG ?!
Daher: Tax the reach - aber ordentlich !!! 50% aufwärts ...

Gottseidank wurden diese kommunistischen Anwandlungen

des Römischen Rechts inzwischen überwunden.

Tja, wenn die Ressourcen knapper werden, heisst's schnell wieder "jeder gegen jeden"

Marin hat durch seine Aussagen zu Pensionisten, Beamten, Kinderlose etc erheblich zur Schmarotzerdiskussion beigetragen.
Jetzt darüber schreiben, erscheint etwas verlogen.

er will die Worte wieder Salonfähig machen,

ist aber misslungen.

die wahren schmarotzer unserer gesellschaft sind

erben die keine erbschaftsteuer zahlen, spekulanten die keine steuern zahlen, vermögende die keine vermögensteuern zahlen - einfach alle die hohes arbeitsloses einkommen beziehen, unsere hohen sicherheitsstandards geniesen, es sich ganz einfach in österreich gutgehen lassen, ohne entsprechend ihrem vermögen dazu beizusteuern!

ja und natürlich die abzockergauner von denen wir ja auch viel zu viele haben und die die justiz nicht in den griff bekommt!

Großkonzerne, die dritte Welt Länder ausbeuten, eine
Wirtschaft, die auf Rohstoffen aufgebaut ist, welche
eben in solchen Ländern möglichst billig besorgt werden
müßen.
Entwickelte Länder, die `human rights`schreien
wenn sie irgendwo militärisch eingreifen, wo sie
vorher schon fur die Bewaffnung beider Konfliktparteien gesorgt haben.
Das Finanzsystem.
Marktregulierende Demokratie.
Unsere Gesellschaft.
Das System. Wie auch immer.

Schmarotzertum an der Menschheit. Über die Umwelt
oder nicht gleichberechtigte Mitlebewesen braucht man
in diesem Zusammenhang gar nicht Nachzudenken.
Und kein Ausweg in Sicht.

brabbel brabbel

oje, herr marin,
nur mehr aneinanderreihen von assoziationen.

Diese Parasiten-Diskurse sind so verzichtbar, weil sie lediglich Klassen-Kampfrhetorik darstellen!

Besonders hässlich wird es, wenn Gruppen die fast nichts haben sich (aufgehetzt von reichweitenstarken Medien) auf Gruppen stürzen, die noch weniger haben. Die führen dann einen gewollten Krieg, der von jenen ablenken soll, die sich wirklich bereichern! Haben sie schon mal einen frisch Eingebürgerten über zu viel Zuwanderung jammern hören? Oder einen ständig vom Abbau bedrohten Arbeiter über Arbeitslose? Mein schmeißt den Leuten Krumen hin und sieht zu, wie sie sich gegenseitig zerfleischen, weil nicht mehr da sei. Die 1000 Milliarden würden gerade wo anders gebraucht...
Kurz, die Verlogenheit ist ein Grundmerkmal dieser Debatte!

Man kann in dieser Diskussion aber auch durchaus Klartext reden:
http://www.youtube.com/watch?v=gSUCi7MmKBU

Die größten Sozialempfänger sind die Bauern

Sie betrachten ihre Subventionen, Steuerprivielegen und Förderungen als gottgegeben. Diese irrsinnigen Summen soll man teilweise lieber in zukunftsträchtige Bereiche investieren wie Bildung und Forschung.

nö, die größten sozialhilfeempfänger sind konzerne, kartelle, monopolisten und milliardäre - ihre leistungslose sozialhilfe heißt "kapitalertrag" oder im volksmund "zins", und die frisst +40% der weltweiten wirtschaftsleistung, bzw. verteilt diese nach oben um - diese "schmarotzer" werden aber von den medien eher selten thematisiert - warum wohl?

vorgeschlagener Buchtitel

"Die Parasiten und der Mittelstand"

Moderne Sklaverei am Beispiel EU

Die wirklichen Sozialschädlinge

sitzen in der Bundesregierung, Landesregierung, im Nationalrat, im Bundesrat im Landtag und in den Beamtenburgen und Gemeindestuben.

"kreativ profitsuchende Wertschöpfung von Wohlstand"

Schlage die Phrase vor zum "Schwurbel des Jahres"...

Man sollte wohl zwischen Organisationen und Individuen unterscheiden

Es gibt ganz klar parasitäre Organisationen. So etwas wie den ORF zum Beispiel: Ursprünglich, als Rundfunk wegen der hohen Kosten der Technik ein natürliches Monopol war, ein durchaus vertretbares Konzept. Heute völlig unnötig. Existiert aber weiter, weil es ein Eigeninteresse gibt, und weil politische Parteien dort ihre Günstlinge unterbringen können, wofür sie im Gegenzug die Finanzierung über Zwangsgebühren sicherstellen.

Die individuellen Menschen, die in parasitären Organisationen arbeiten, agieren innerhalb ihres Kontextes dagegen üblicherweise nicht anders als die, die vergleichbare Arbeiten anderswo machen. Der ORF ist parasitär; der Elektriker, der dort arbeitet, nicht mehr oder weniger als einer, der anderswo arbeitet.

sozialmissbrauch ist für mich wenn man für die angeschlagene bank mrd euro vom staat holt und sich gleichzeitigt einen bonus in millionen höhe ausbezahlt!!!!
die finanzindustrie dürfte in den letzten jahren mehr geld von uns allen vernichtet haben als alle sozialschmarotzer seit dem 2. wk zusammen!!!!

Meinen Sie damit, dass Sozialleistungen auch als Kredit vergeben und zurückzuzahlen sein sollten?

Also so wie die Bankenhilfen halt?

Schon mal ausgerechnet, was Sie nach Bankenhilfekondition nach 18 Jahren Kindergeld schuldig sind? Bei 8% p.A. und Zinseszins?

wo gibt es 8 % p.a. ?

Ich hätte Geld zu verleihen !!

Falls die Frage ernst gemeint ist - versuchsmal unter Sozial-Foundraising-Plattformen wie auxmoney oder ähnlichem

8% ist ja nun nicht grade ein Wucherzeins für Fremdkapital, da kannst du sogar noch mehr erzielen, wenn du wirklich was zu verleihen hast.

Falls die Frage ist, wer wann um genau 8% wem was geliehen hat, hilft lesen des Freds und Google.

ist das

auxmoney seriös ?

lg

ich hab gute Erfahrungen damit gemacht

Die Bankaktionäre bekommen ihre Sozialhilfe unter
verschiedensten Namen.
Etwa - der Reservesatz wurde doch eben halbiert, der Leitzins liegt bei 1% und die Renditen vieler Anleihen sind hoch.
Das Risiko mag hoch sein und damit auch die gerechtfertigten Gewinne.
Allerdings haftet die Allgemeinheit de facto zwar
für alle "Unglücksfälle", die diesen Gefahren entsprechenden Gewinne vereinnahmen aber
die Aktieninhaber.
Eine Bank die ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann und keine Kapitalgeber findet
ist schlicht und einfach pleite.
Diese Banken werden vorübergehend gestützt
(öffentlichswirksam mit hohen Zinsen) und zugleich auf Regimentskosten gemästet und dadurch mit (unserem) frischem Kapital ausgestattet.
Win-win halt wie immer.

lol, der Leitzins ist nur noch ein Prozent - Junge, das heißt, dass die Renditen NIEDRIG sind, nicht hoch

Es reicht nicht, einfach kompliziert klingende Wörter zu posten, und zu hoffen, dass alle recht beeindruckt sind.

Das mag in der ersten Klasse der Hilfshauptschule Ottakringerstrasse ja super funktionieren, aber hier lachen alle, wenn Sie das lesen...

Meine Güte

Der Leitzins steht in keiner direkten Beziehung zu
den Anleiherenditen.
Entscheidend (für Banken) ist die Differenz zwischen Leitzinsen und Anleihezinsen und die steigt nuneinmal mit fallenden Leitzinsen.
Wenn Ihnen in diesem Zusammenhang nützliche
Wörter der deutschen Sprache kompliziert erscheinen, dann absolvieren Sie doch einfach die besagte Schulstufe der erwähnten Institution.

Die Differenz zwischen Leitzins und Anleiherenditen ist was?

jetzt bin ich ja gespannt?

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