Neues Gesetz erlaubt schweres Leid bei Tierversuchen

  • Zwei Positionen, die bei der Podiumsdiskussion zum neuen Tierversuchsgesetz am Mittwochabend in der Urania oftmals auseinander klafften: Karlheinz Töchterle und Martin Balluch. Es wird zum Beispiel keinen Tierversuchs-Ombudsmann geben.
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    foto: apa/georg hochmuth

    Zwei Positionen, die bei der Podiumsdiskussion zum neuen Tierversuchsgesetz am Mittwochabend in der Urania oftmals auseinander klafften: Karlheinz Töchterle und Martin Balluch. Es wird zum Beispiel keinen Tierversuchs-Ombudsmann geben.

Laut Wissenschaftsminister ist ein Kriterienkatalog, aber kein Ombudsmann geplant

So manch ein Besucher der Viennale staunte am Mittwochabend nicht schlecht über das hohe Polizeiaufgebot vor der Urania im ersten Wiener Gemeindebezirk. Im Dachgeschoss fand immerhin eine brisante Podiumsdiskussion statt: Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle, Tierschützer Martin Balluch und Vertreter von Pharmaindustrie, Forschung und Tierethik sprachen über das neue Tierversuchsgesetz.

Kommende Woche soll die lang und hitzig debattierte Neufassung von der Regierung im Ministerrat beschlossen und Ende November im Wissenschaftsausschuss behandelt werden. Eine neue EU-Richtlinie verlangt danach.

"Nicht rückhaltlos Meinung Tierschützer übernehmen"

"Tierversuche, muss das sein?", fragte gleich zu Beginn Moderator Andreas Koller, Journalist bei den Salzburger Nachrichten den Minister. Obwohl er selbst ein Tierfreund ist, sehe er sich als Wissenschaftsminister veranlasst, die Forschung in Österreich zu unterstützen: "Der wissenschaftliche Bereich soll nicht leiden." Als Minister könne er nicht rückhaltlos die Meinung der Tierschützer übernehmen.

Kritik auch von Forschern

Im Hinblick auf die unterschiedlichen Interessen wurde der Prozess der Gesetzwerdung schon sehr gedehnt, betonte Töchterle. Kritik am mittlerweile fünften Entwurf kommt aber nicht nur von Tierschützern, sondern auch von Wissenschaftern. Die Befürchtungen: Es könnte zu einer Auslagerung hochwertiger Arbeitsplätze ins Ausland kommen, zudem würden der bürokratische Aufwand und die damit verbundenen Kosten zunehmen.

Bindender Kriterienkatalog für alle Versuchsabläufe

Im Laufe des Abends wurden einige Details des neuen Tierversuchsgesetzes erläutert. Martin Balluch, Obmann des Verein gegen Tierfabriken, forderte einen "objektiven und bindenden" Kriterienkatalog, auf dessen Basis eine ethische Abwägung zwischen Schaden und Nutzen für jeden Tierversuchsantrag durchgeführt wird.

Das sei das Mindeste, was wir 200.000 toten Versuchstieren schulden, sagte der Tierschützer. Töchterle bestätigte, dass ein solcher Katalog vorgesehen sei, den das Messerli-Forschungsinstitut an der Veterinärmedizinischen Universität Wien bis Ende 2015 ausarbeiten wird. Dieser soll vom Ministerium finanziert und veröffentlicht werden.

Kein Fachgremium

Weitere Punkte, die am Mittwoch konkret besprochen wurden: Im neuen Entwurf ist kein Fachgremium für Tierversuche vorgesehen, das alle Genehmigungsanträge prüft. Es werde lediglich einen Beamten geben, der auf fachliche Beratung zugreifen könne. Explizit würde laut Minister im neuen Tierversuchsgesetz die Durchführung von Tierversuchen, die schweres Leid verursachen, das lange andauert, im Ausnahmefall erlaubt sein.

Töchterle lehnt Ombudsmann für Tierversuche ab

Diese Ankündigung sorgte erwartungsgemäß für Proteste im Publikum. Der Wissenschaftsminister sprach sich zudem dezidiert gegen eine Ombudsschaft für Tierversuche aus. Bei Heim- oder Nutztierhaltung ist das bereits Usus. Balluch berief sich auf eine IFES-Studie, die der VgT in Auftrag geben hat: Demnach wünschen sich 78 Prozent der Befragen einen Tierversuchsombudsmann.

Der VgT-Obmann verlangte außerdem eine Offenlegung aller Versuchsabläufe: "Das ist wie ein Staatsgeheimnis." Töchterle bat um Verständnis, dass Transparenz an seine Grenzen stoßen würde. Es ginge hier auch um Patente und ein Wissenschaftsminister könne einen möglichen Schaden für den Forschungsstandort nicht verantworten.

Medizinerin plädierte für Tierversuche

Auch der Blickwinkel der Wissenschaft bekam bei der Podiumsdiskussion, die vom Wissenschaftsministerium zusammen mit der veterinärmedizinischen Universität organisiert wurde, breiten Raum. Die Frage, ob Tierversuche überhaupt noch notwendig seien, beantwortete Elisabeth Förster-Waldl von der Ambulanz für Störung der Immunabwehr an der Medizinischen Universität Wien mit einem Ja. Sie plädierte dafür, dass zumindest bei seltenen Krankheiten die Arbeit mit Tierversuchen weiterhin möglich sein sollte.

Als Beispiel nannte sie einen zwölfjährigen Patienten mit erblichen Auffälligkeiten im Immunsystem. Nach jahrelanger schwerer Krankheit konnte in Zusammenarbeit mit einem Immungenetiker die Ursache dafür gefunden werden. Es ergebe sich nun die einzigartige Chance, neue Therapien an Mäusen zu testen. Weltweit gebe es nur einen zweiten bekannten Fall dieser Erkrankung, daher sei eine klinische Studie unmöglich.

"Gesundheitsfaschismus der Gesunden"

Einen "Gesundheitsfaschismus, mit dem wir in unserer Gesellschaft leben müssen" ortete Michael Freissmuth vom Zentrum für Physiologie und Pharmakologie an der Medizinischen Universität Wien in der Debatte um Tierversuche. Diejenigen, die gesund sind, würden über die Kranken entscheiden, meinte er. Das Publikum zeigte sich nach dieser Aussage entrüstet.

Grimm: Zwei Seiten einer ethischen Debatte

Näher am Thema ging es mit dem Statement von Herwig Grimm vom Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien weiter. Tiere hätten einen höheren Stellenwert, als noch vor 30 Jahren. In der Gesellschaft gebe es heute einen breiten moralischen Konsens, dass mit Tieren korrekt umgegangen werden muss. Der Philosoph sprach jedoch auch die zweite Seite dieser ethischen Debatte an: "Entweder wir führen Tierversuche durch oder wir verzichten auf Wissen. Aus diesem Dilemma kommen wir nicht mit moralisch weißer Weste hinaus."

Viel Geld für Tierversuche, wenig für Alternativen

Klaus R. Schröder vom Zentrum für Ersatz- und Ergänzungsmethoden für Tierversuche ging auf ein heikles Thema ein: So würden in Deutschland pro Jahr vier Millionen Euro in Alternativen zu Tierversuchen investiert. Um ein Hundertfaches mehr fließe jedoch in Tierversuche.

Man müsse den Nachwuchsforschern auch die Möglichkeit bieten, alternative Wege zu beschreiten, forderte er. Das Interesse sei gegeben, das würden ihm auch andere Kollegen bestätigen.

Universitäres System verlangt nach Tierversuchen

Ein Mitarbeiter der der Medizinischen Universität Wien kritisierte in diesem Zusammenhang auch das System an den Universitäten und Forschungsstellen. "Wieso forschen wir?", fragte er. Als Nachwuchswissenschafter habe man einen Zeitvertrag. Später müsse man seine Position an der Universität verfestigen.

Die Uni Wien beurteilt das vor allem danach, wieviel publiziert wird und wie viele Drittmittel der Forscher lukrieren kann. Diese würden meist von der Pharmaindustrie kommen. "Daher ist es oft nicht einfach zu differenzieren, welche Tierversuche wichtig sind und welche nicht. Ich denke, dass 90 Prozent unnötig sind", sagte der Mitarbeiter der Universität.

Heilen oder Geld verdienen

Madeleine Petrovic meldete sich aus dem Publikum zu Wort. Es wäre interessant zu evaluieren, wie viele Flops, Erfolge oder auch nur zufällige Erfolge Tierversuche für die Forschung hervorbringen. Eine Frau im Publikum stellt zudem die Motivation der Pharmaindustrie in Frage: "Wenn sie wirklich helfen wollte, würde sie zum Beispiel Krebs- oder Aidskranke in ärmere Länder unterstützen und nicht so vehement billige Generika bekämpfen." Dafür erntete sie spontanen Applaus.  

Das aktuelle österreichische Tierversuchsgesetz gilt seit 1989. Im Herbst 2010 trat eine EU-Richtlinie zu Tierversuchen in Kraft, die bis November 2012 auch in Österreich umgesetzt werden muss. Dadurch wird eine europaweite Harmonisierung der Tierversuchsgesetze angestrebt. (Julia Schilly, derStandard.at, 8.11.2012)

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