"Wir haben uns von Schmied gefrotzelt gefühlt"

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  • "Ich hoffe, dass sie sich viel von dem, was ich gesagt habe, auch mitnimmt", sagt Bundessschulsprecher Felix Wagner über sein Gespräch mit Unterrichtsministerin Claudia Schmied.
    foto: derstandard.at/aigner

    "Ich hoffe, dass sie sich viel von dem, was ich gesagt habe, auch mitnimmt", sagt Bundessschulsprecher Felix Wagner über sein Gespräch mit Unterrichtsministerin Claudia Schmied.

Bundesschulsprecher Felix Wagner über Ministerin Claudia Schmied und eine Direktwahl der Schülervertretung

Schüler würden sich gerne stärker selbst ihre Fächer aussuchen können, glaubt der neue Bundesschulsprecher Felix Wagner. Im Interview mit derStandard.at erklärt er, über welche Themen in der Bildungspolitik viel mehr disktutiert werden sollte und warum eine Direktwahl der Schülervertretung für die Schüler schlecht wäre.

derStandard.at: Sie machen derzeit als Bundesschülervertretung eine Tour durch die österreichischen Schulen. Wo sehen Sie den größten Unterschied zwischen dem, was in der Politik diskutiert wird, und dem, was die Schüler nervt?

Wagner: Wir waren letzte Woche in Kärnten und diese Woche in Salzburg. Die Schüler stören ihre Buffets, ihre Klassenausstattung, dass sie eine halbe Stunde zum Turnsaal gehen müssen. Das sind Dinge, die die Schüler direkt im Alltag betreffen. Sie hätten auch gerne mehr Möglichkeiten, sich die Fächer selbst auszusuchen. Mit Fragen der Verwaltung würde sich ein Schüler nicht auseinandersetzen. Den interessiert nicht, ob es einen Landesschulrat gibt und was der macht, sondern den interessiert, was ihn direkt betrifft. An dem möchte ich mich möglichst stark orientieren.

derStandard.at: Haben Sie inzwischen Unterrichtsministerin Claudia Schmied getroffen?

Wagner: Ja, habe ich. Ich war sehr erfreut über den Termin, es war prinzipiell ein sehr nettes Gespräch. Sie hat auch zu mehreren Themen meine Meinung eingeholt. Ich bin auch sehr froh bin, dass das jetzt einmal passiert. Ich habe es schon selbst erlebt, dass Sachen vom Ministerium vorgestellt werden, bei denen die Schülervertretung vorher nicht gefragt wird, wie sie dazu steht. Ich hoffe, dass sie sich viel von dem, was ich gesagt habe, auch mitnimmt und es sich nicht nur anhört und dann die Zettel, auf denen ihr Sekretär mitgeschrieben hat, irgendwo in der Schublade verschwinden.

derStandard.at: Bei Ihrer Kritik sprechen Sie die Forderung der Ministerin nach einer Direktwahl der Schülervertretungen an?

Wagner: Ja, ganz genau. Ich spreche den neuen Wahlmodus an, der von der Ministerin vorgestellt wurde und der ein Thema ist, das die Bundesschülervertretung direkt betrifft. Ich meine, direkter könnte es nicht mehr sein. Wir wurden nicht einmal darauf angesprochen, wie wir dazu stehen. Ich persönlich halte das für ein No-go, dass man einen Wahlmodus einer Vertretung ändern will, ohne mit der Vertretung vorher darüber zu sprechen. Wir haben uns da schon ein bisschen gefrotzelt gefühlt.

derStandard.at: Warum sind Sie eigentlich gegen die Direktwahl?

Wagner: Ich habe das auch mit Ministerin Schmied persönlich besprochen. Es würden bei einer Direktwahl nicht mehr Personen kandidieren, so wie jetzt, sondern es würde ganz bestimmt eine Listenwahl geben. Der Wahlkampf würde in viel zu großem Stil ablaufen. Die Schülervertreter wären keine Vertreter mehr, sondern Berufspolitiker, und die Schule wäre nur mehr der Nebenjob. Die Listen wären von Fraktionen und im Endeffekt von Parteien. Das kann man offen so sagen.

Das würde bedeuten, dass jede Partei die Berechtigung hat, in jeder Schule Wahlkampf zu führen. In einer Schule sind alle ab 16 wahlberechtigt, das sind in einer höheren Schule ungefähr die Hälfte der Schüler. Die werden auch so mit Wahlwerbung konfrontiert. Aber da gibt es auch 14-Jährige, da gibt es 11-Jährige. Ich halte es nicht für sinnvoll, dass man Kinder mit so etwa so direkt konfrontiert. Die sind nicht in der Lage, darüber zu reflektieren, worum es geht. Das große Argument für diese Reform ist ja die politische Bildung der Schüler, weil sie es da selbst mitbekommen und Demokratie am eigenen Leib erfahren und so etwas. Ich glaube, das würde zu politischer Lagerbildung führen.

derStandard.at: Sie wünschen sich ein Gremium, in dem Lehrer, Eltern und Schüler gemeinsam auf Bundesebene beraten. Was soll das bringen?

Wagner: Einen Bundesschulgemeinschaftsausschuss, ja. Die Schulpartner sollen bei neuen Reformen im Vorhinein einbezogen werden und die Möglichkeiten haben, nicht nur ihre Meinung zu sagen, sondern auch mitzubestimmen. Ich bin der Meinung, dass das zurzeit viel zu wenig stattfindet. Bei der Zentralmatura zum Beispiel haben die Schulpartner von Anfang an gesagt, dass sich das mit dem Zeitplan nicht ausgehen wird.

derStandard.at: In Österreich wird in der Bildungspolitik vor allem über die Gesamtschule diskutiert. Wie stehen Sie zur Gesamtschule?

Wagner: Im Moment werden Türschilder ausgetauscht. Eine Hauptschule heißt jetzt auf einmal nicht mehr Hauptschule, sondern Neue Mittelschule. Ich finde das Konzept Neue Mittelschule prinzipiell begrüßenswert.

Man sollte aber viel mehr darauf schauen, wo ein Schulstandort Probleme hat. Zum Beispiel in einem Bezirk in Wien, wo vielleicht bildungsfernere Schichten leben und wo man schon merkt, okay, da kriselt es. Hier sollte man versuchen, die Schulstandorte zu stärken. Wenn man dann im Endeffekt Schulen mit einem gleich guten Niveau hat, ist es ganz egal, ob die Schule dann Hauptschule, Neue Mittelschule oder Gymnasium heißt.

derStandard.at: Welche Aspekte der Bildungspolitik müssten mehr diskutiert werden?

Wagner: Es sollte mehr über die individuelle Interessenförderung diskutiert werden. Da wird nach Schema X unterrichtet, jeder lernt dasselbe. Eigentlich wissen viele schon viel früher, womit sie sich beschäftigen wollen. Sie sitzen in der Schule und lernen Dinge, die ihnen nichts bringen. Ganz konkret sollte viel mehr über die Modulare Oberstufe diskutierten werden. Die soll zwar in den nächsten Jahren kommen, aber nicht in der Form, wie sie jetzt sein könnte.

Ich bin der Meinung, es sollte möglich sein, dass man sich Module aussuchen kann. Also sagen kann: Ich möchte soundso viele Stunden in diesem Fach haben. Immer mit der Einschränkung, dass gewisse Fächer erhalten werden müssen, damit man maturieren kann. Wenn ein Schüler in der Schule sitzt und weiß, dass 15 der bis zu 40 Stunden, die er in der Schule verbringt, vergeudet sind, dann ist das sehr traurig. Was macht der in den 15 Stunden? Das bringt niemandem etwas.

derStandard.at: Sie sind Mitglied der Schülerunion, die als ÖVP-nahe gilt. Wie zufrieden sind Sie denn mit der Schulpolitik der ÖVP?

Wagner: Zufrieden? Im Großen und Ganzen möchte ich mich auf keinen Fall darauf einschießen, dass ich die Bildungspolitik einer Partei gut finde und die der anderen nicht. Jede Partei hat irgendwo gute Grundsätze in der Bildungspolitik. Wenn ich jetzt sagen würde, dass ich eine Partei gut finde, dann würde ich mich selbst beschränken. Wenn ich eine Partei gut finden würde, dann müsste ich alles gut finden, was die Partei tut. Das ist bei weitem nicht immer so. Ich möchte mir hier die Freiheit lassen zu sagen, dass ich einen Vorschlag von einer und einen von einer anderen Partei gut finde.

derStandard.at: Wie sinnvoll ist es überhaupt, dass Schülervertretungsorganisationen einer Partei nahestehen?

Wagner: Ich bin sehr froh darüber, dass ich als Bundesschulsprecher die Möglichkeit habe, mir meine Forderungen und Meinungen selbst zu bilden und dabei nicht beeinflusst werde. Nicht von Parteien und auch nicht von meiner Organisation. Die Parteinähe einzelner Organisation berührt mich als Bundesschulsprecher relativ wenig. Ich stehe keiner Partei nahe. Ich bemühe mich in meinem Amt, möglichst unabhängig zu sein.

derStandard.at: Würden Sie sich mehr Unabhängigkeit der Schülerorganisationen wünschen?

Wagner: Es ist schon wichtig, dass es Organisationen gibt, die diese Leute stützen. Ich weiß, wie viel mir das im letzten Jahr an Erfahrungsaustausch gebracht hat. Für Schulsprecher ist es blöd, wenn sie neu gewählt sind und nicht wissen, welche Aufgaben sie jetzt genau haben. Da bringt es sehr viel, wenn die Vorgänger noch Kontakt zu einem haben. Als Unabhängiger zu kandidieren ist schwer, weil einem dieser Erfahrungsaustausch fehlt. Durch die Organisationen kann die Schülervertretung auch professioneller arbeiten.

derStandard.at: Im Februar gibt es eine Abstimmung über die Wehrpflicht. Werden Sie zum Bundesheer gehen oder Zivildienst machen?

Wagner: Ich werde auf jeden Fall Zivildienst machen. Mein Bruder hat Zivildienst beim Roten Kreuz gemacht, und das will ich auch machen. Ich komme aus einer sehr medizinischen Familie, mein Vater ist Arzt und meine Mutter Logopädin. Ich möchte auch einmal erleben, wie das ist, wenn man selbst im Krankenwagen sitzt. Ich glaube, das bringt einen auch persönlich weiter, wenn man sich mit Sachen beschäftigt, mit denen man sich im Alltag nicht auseinandersetzt.

derStandard.at: Warum gehen Sie nicht zum Bundesheer?

Wagner: Da muss ich jetzt dazusagen, das sage ich nicht in meinem Amt als Bundesschulsprecher: Ich kann mich mit der Arbeit im Zivildienst mehr identifizieren. Es sagt mir mehr zu, mich für das Sozialsystem zu engagieren und zu wissen, das bringt den Menschen direkt etwas. Da bin ich dann dafür verantwortlich, ob der ins Krankenhaus kommt oder nicht. Wo ich mich dann nicht mit etwas auseinandersetze, wo man viel Systemerhaltung betreibt.

derStandard.at: Sind Sie für die Abschaffung der Wehrpflicht?

Wagner: Nein. Ich kann mich sehr gut damit identifizieren, dass man einen Teil seines Lebens damit verbringt, etwas für die Allgemeinheit zu tun. Man müsste das sehr stark reformieren und dem Ganzen mehr Sinn geben. Es tut jedem Menschen sicher gut, wenn er ein paar Monate etwas arbeitet, bei dem er der Allgemeinheit etwas bringt. (Lisa Aigner, derStandard.at, 12.11.2012)

Felix Wagner (18) ist seit Ende September Bundesschulsprecher. Er gehört der ÖVP-nahen Schülerunion an. Wagner besucht eine HTL in Niederösterreich und wird im nächsten Jahr seine Matura absolvieren.

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