Hand in Hand: Salafisten und moderate Islamisten

Blog | Reiner Wandler
8. November 2012, 10:34
  • Tränengas gegen Protestierende vor der US-Botschaft in Tunis am 14. September 2012.
    foto: epa/str

    Tränengas gegen Protestierende vor der US-Botschaft in Tunis am 14. September 2012.

Sie stürmen Hotelbars, zerstören Bilder auf Kunstausstellungen, beleidigen Frauen ohne Kopftuch, und stecken den Fuhrpark der amerikanischen Bitschaft in Tunis in Brand. Es vergeht kein Tag, an dem die radikalen Salafisten in Tunesien nicht von sich Reden machen.

Die regierenden Islamisten der Ennahda-Partei von Rachid Ghannouchi distanziert sich nur zögerlich. Stattdessen spielen die "moderaten" Islamisten, die sich gerne mit der in der Türkei regierenden AKP vergleichen, geschickt mit den Themen, die durch die Aktionen der Radikalen in die öffentliche Diskussion gelangen. Sie nutzen sie, um ihre eigene Basis zu radikalisieren und die Islamisierung Tunesiens voranzutreiben.

Dies begann bereits im Vorfeld der Wahlen im Oktober 2011. Damals griffen die Salafisten das Haus eines Fernsehdirektors an. Sein Privatsender hatte es gewagt, den Zeichentrickfilm "Persepolis" der Iranerin Marjane Satrapi auszustrahlen. Darin wird Gott bildlich dargestellt. Das reichte den Salafisten, um religiöse Gefühle für ihre gewalttätigen Aktionen zu missbrauchen. Und Ennahda mobilisierte das Wahlvolk gegen alles Weltliche.

Wie weit die Arbeitsteilung zwischen den Salafisten und Ennahda geht, zeigen Filmaufnahmen, die vor wenigen Wochen bekannt wurden. Auf dem Video ist ein Treffen von Ennahda-Chef Ghannouchi mit führenden Salafisten zu sehen. Ghannouchi mahnt die Radikalen zur "Geduld, beim Erreichen eurer Ziele". Er fordert sie auf, eigene Fernseh- und Radiosender zu gründen, um so den weltlichen Journalisten, die noch immer die Medien bestimmen", die Stirn zu bieten.

75 der 217 Abgeordneten der Verfassunggebenden Versammlung forderten daraufhin in einem gemeinsamen Kommuniqué den Rücktritt der Regierung und das Verbot von Ennahda. Ohne Erfolg, versteht sich.

Ghannouchi bedient sich weiterhin meisterhaft des "doppelten Diskurses", wie dies seine Gegner nennen. Er gibt sich in Interviews mit der internationalen Presse betont moderat, während er zu Hause mit dem Feuer spielt. Nachdem Ende Oktober die Übergriffe auf Kneipen und Geschäfte, die alkoholische Getränke verkaufen, zunahmen und einem Händler gar vier Finger einer Hand abgehackt wurden, ruft der Ennahda-Chef zum Boykott von Geschäften und Supermarktketten, die Wein und Bier im Angebot haben. "Anwendung der Scharia in kleinen Dosen und je nach Zeitpunkt", nannte er dies auf dem Treffen mit den Salafisten. (Reiner Wandler, derStandard.at, 8.11.2012)

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17 Postings

mr. Wandler nordafrika ist berber germanisch und nicht arabisch

Berber germanisch:

Davon ist Feldmarschall Rommel auch ausgegangen und hat trotz seiner genialen Feldherrnkunst von Montgomery den Hintern verhaut bekommen.

es ist einfach furchtbar, dass sich die gemässigten politischen Kräfte dort nicht durchsetzen.

Tunesien hätte es sich verdient.

Nur das Kapital aus den wahabitischen Erdölstaaten finanziert die Radikalen, damit geraten die Gemässigten ins Nachtreffen.

moderate Islamisten

gibt es nicht, Islamist ist Islamist und Feind von allem was europäisch und christlich ist. Demokratie ist für diese Leute eine Strassenbahn a la Erdogan. Und wenn sich die Islamisten in den nordafrikanischen Staaten mit der türkischen AKP vergleichen dann ist das zutreffend.

Und wenn sich der Block dort mal in Bewegung setzt dann werden die die beim "Frühling" am lautesten gejubelt haben am lautesten Schreien...

Überrascht das wen?

Vor drei Tagen wurde die älteste Kirche Aleppos mit unschätzbaren Kunstschätzen zerstört und ausgebrannt:
Hat wer davon gelesen? Das wird schon gar nicht mehr berichtet.
Die Region wir für Jahrzehnte in Barbarei versinken.

in österreichischen medien wird geschrieben nur was diejenige, welche die 0 auf dem kopf haben glücklich macht...
http://www.n24.de/media/_fo... 24_afp.jpg

Es ist eine Schande, dass die westliche-christliche Welt nicht im Stande ist, für die christlichen Minderheiten Partei zu ergreifen.

es ist eine schande, dass die westliche welt die arabisation der nord afrikaner unterstützt

es ist eine schande, dass die westlich-christliche welt, die, zugegebenermassen wenigen, sekulären moslems nicht unterstützt sondern im wir sind eh die besseren-status verharrt. niederbomben ist eine lösung? siehe irak, afghanistan, libyen.
glaubens da gehts um demokratie im westlichen sinn? eher gegen korruption, wunsch nach gerechtigkeit und einem sicheren leben. imho ist genau das versprechen der erfolg der zb muslimbrüder.
so und jetzt hauts mich nieder, um rot wird gebeten

Was ist denn das für eine Geistesverwirrung?

Wurden im Irak, Afghanistan oder Libyen die GEMÄSSIGTEN Moslems niedergebombt? Irak mit Saddam ist ganz was anderes, Afghanistan doch offenbar das glatte Gegenteil und in Libyen wurden die "gemäßigten" Moslems sogar massivst unterstützt, wobei sich herausstellte, dass die Gemäßigten nicht besonders gemäßigt waren.
(In Sachen Syrien scheint glücklicherweise ein Lerneffekt eingetreten zu sein)

Dieser lächerliche arabische Frühling hat überall als Demokratiebewegung begonnen und als Islamistenveranstaltung geendet, und zwar unter der Ägide Saudi Arabiens, Katars und der Türkei.

Der Westen hat das getan wonach der ganze Plebs gebrüllt hat: Nicht einmischen!

Das war richtig so - aber packt euch doch an der eigenen Nase.

ich erwarte eh nicht, dass sie das verstehen.
niedergebombt wurden ebenso die gemässigten moslems, im irak und afghanistan gegen die achse des bösen. ah hats was genutzt? so weit ichs mitgekriegt hab: nichts oder schon, aber nicht das beabsichtigte.
das ganze nennt sich friendly fire soweit ich weiss. oder kollateralschaden.
o-ton aus ägypten:" we want justice" zu beginn des arabischen frühlings auf die frage: was is denn da los?

"niederbomben ist eine lösung?"
Nein, wird es niemals sein.

nein, eh nicht.
nur das scheinen viele nicht zu kapieren, imho weils in ihrer kolonialisten-mentalität, -überheblichkeit nicht mal bereit sind ein bisschen über den tellerrand zu schauen.

"imho weils in ihrer kolonialisten-mentalität, -überheblichkeit nicht mal bereit sind ein bisschen über den tellerrand zu schauen."

Das können sie nicht, leider. Noch nicht. So sind die Menschen. So lange es diese unersättliche Gier nach "Mehr", immer wieder "Mehr, Mehr Mehr!" geben wird, wird es der Mensch nicht schaffen, sich von seinen "Teufeln" zu lösen.

Epikur sagte: « Contre tout ce qui est étranger, on peut se procurer la sécurité, mais la mort fait que nous habitons, nous tous, hommes, une ville sans rempart ». (Epicure)

wer mit dem feuer spielt ...wird sich garantiert verbrennen.

schade... aber wenn die menschen dort es mit sich machen lassen. europa kann nicht immer in jedem konflikt intervenieren und war vor 60 jahren um nichts besser.

da hilft nur mehr flotten im mittelmeer zu stationieren um wenigstens die flüchtlinge aufzuhalten.

aber sie wissen eh, flüchtlinge, vor 60 jahren......

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