Hand in Hand: Salafisten und moderate Islamisten

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  • Tränengas gegen Protestierende vor der US-Botschaft in Tunis am 14. September 2012.
    foto: epa/str

    Tränengas gegen Protestierende vor der US-Botschaft in Tunis am 14. September 2012.

Sie stürmen Hotelbars, zerstören Bilder auf Kunstausstellungen, beleidigen Frauen ohne Kopftuch, und stecken den Fuhrpark der amerikanischen Bitschaft in Tunis in Brand. Es vergeht kein Tag, an dem die radikalen Salafisten in Tunesien nicht von sich Reden machen.

Die regierenden Islamisten der Ennahda-Partei von Rachid Ghannouchi distanziert sich nur zögerlich. Stattdessen spielen die "moderaten" Islamisten, die sich gerne mit der in der Türkei regierenden AKP vergleichen, geschickt mit den Themen, die durch die Aktionen der Radikalen in die öffentliche Diskussion gelangen. Sie nutzen sie, um ihre eigene Basis zu radikalisieren und die Islamisierung Tunesiens voranzutreiben.

Dies begann bereits im Vorfeld der Wahlen im Oktober 2011. Damals griffen die Salafisten das Haus eines Fernsehdirektors an. Sein Privatsender hatte es gewagt, den Zeichentrickfilm "Persepolis" der Iranerin Marjane Satrapi auszustrahlen. Darin wird Gott bildlich dargestellt. Das reichte den Salafisten, um religiöse Gefühle für ihre gewalttätigen Aktionen zu missbrauchen. Und Ennahda mobilisierte das Wahlvolk gegen alles Weltliche.

Wie weit die Arbeitsteilung zwischen den Salafisten und Ennahda geht, zeigen Filmaufnahmen, die vor wenigen Wochen bekannt wurden. Auf dem Video ist ein Treffen von Ennahda-Chef Ghannouchi mit führenden Salafisten zu sehen. Ghannouchi mahnt die Radikalen zur "Geduld, beim Erreichen eurer Ziele". Er fordert sie auf, eigene Fernseh- und Radiosender zu gründen, um so den weltlichen Journalisten, die noch immer die Medien bestimmen", die Stirn zu bieten.

75 der 217 Abgeordneten der Verfassunggebenden Versammlung forderten daraufhin in einem gemeinsamen Kommuniqué den Rücktritt der Regierung und das Verbot von Ennahda. Ohne Erfolg, versteht sich.

Ghannouchi bedient sich weiterhin meisterhaft des "doppelten Diskurses", wie dies seine Gegner nennen. Er gibt sich in Interviews mit der internationalen Presse betont moderat, während er zu Hause mit dem Feuer spielt. Nachdem Ende Oktober die Übergriffe auf Kneipen und Geschäfte, die alkoholische Getränke verkaufen, zunahmen und einem Händler gar vier Finger einer Hand abgehackt wurden, ruft der Ennahda-Chef zum Boykott von Geschäften und Supermarktketten, die Wein und Bier im Angebot haben. "Anwendung der Scharia in kleinen Dosen und je nach Zeitpunkt", nannte er dies auf dem Treffen mit den Salafisten. (Reiner Wandler, derStandard.at, 8.11.2012)

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