Meine republikanische Hoffnung für Amerika

Kommentar der anderen7. November 2012, 23:01
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Warum einem republikanisch gesinnten Neo-Amerikaner angesichts des Akut-Zustands der Romney-Fraktion keine andere Wahl blieb, als demokratisch zu wählen - Bekenntnisse eines "Fahnenflüchtigen"

Gleich nachdem ich amerikanischer Staatsbürger geworden war, ließ ich mich in den Wahllisten für die Präsidentschaftswahlen registrieren - und zwar als Republikaner. Es ist ja doch immerhin die Partei des verehrungswürdigsten aller amerikanischen Präsidenten: Abraham Lincoln. Die Republikaner, nicht die Demokraten, waren im 19. Jahrhundert die Partei der Sklavenbefreier!

Außerdem sind schon zwei Mitglieder meiner Familie eingetragene Demokraten (meine Frau, mein Bruder), da wird es - dachte ich - einmal Zeit, dass sich jemand zu dem anderen Verein bekennt. Und schließlich gibt es Prinzipien der Republikaner, die auch die meinen sind. Zum Beispiel: Freiheit ist wichtiger als Gleichheit. Durch Umverteilung schafft man keinen Reichtum. Die Befugnisse der Regierung sollten eng begrenzt sein.

Exzessive Besteuerung ist von Übel. Der europäische Wohlfahrtsstaat, über dem längst der Pleitegeier kreist, ist für Amerika kein Modell. Ich nehme mir das Recht heraus, bei jeder Wahl neu zu überlegen, wem ich meine Stimme gebe. Und dieses Mal habe ich - obwohl ich nun als Republikaner registriert bin - Barack Obama gewählt. Dafür habe ich drei Gründe; zwei schwache und einen starken.

Mein erster schwacher Grund: Ich bin für eine gesetzliche Krankenversicherung. Meiner Ansicht nach ist es eines großartigen Landes wie Amerika unwürdig, dass es hier so etwas noch nicht gibt. Die Behauptung, eine gesetzliche Krankenversicherung sei schon der erste Schritt in den Sozialismus, kommt mir lächerlich vor. In der Schweiz gibt es eine Versicherungspflicht, und Privatkrankenkassen müssen sich strengen Regeln unterwerfen; die Schweiz ist bislang nicht durch bolschewistische Umtriebe aufgefallen. In Deutschland gibt es eine gesetzliche Krankenversicherung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts - dank Otto von Bismarck, einem eingefleischten Sozialistenfeind.

Zweiter schwacher Punkt: die Außenpolitik. Muss ich hier lange über Alternativen brüten? Die Außenpolitik von Romney würde sich von jener Obamas allenfalls in Nuancen unterscheiden.

Paranoide Feindbildpflege

Mein drittes und stärkstes Argument für Obama aber war und ist der augenblickliche Zustand der Republikanischen Partei. Mir scheint, dass dort der Wahnsinn regiert: Ultra-Anarchokapitalismus, irre Geldtheorien, eine tief sitzende populistische Wut. Man kann diesen Wahnsinn erklären, er hat seine Wurzeln in der Enttäuschung über die Jahre unter George W. Bush (der in der Republikanischen Partei beinahe zur Unperson geworden ist); das macht den Wahnsinn nicht attraktiver. Er findet seinen Ausdruck in einer paranoiden Wahrnehmung der Demokratischen Partei - als handle es sich um einen Verein von Kriminellen und Kryptokommunisten, nicht um Linksliberale, die es (auf vielleicht fehlgeleitete Weise) auch irgendwie gut mit Amerika meinen.

Und Barack Obama? Viele Republikaner an der Parteibasis sehen ihn als gefährlichen Radikalen, als unamerikanische Erscheinung, als heimlichen Muslim. Oder sie sehen in ihm einen Stümper, ein Garnichts, einen Dummkopf, der nichts weiter kann, als von einem Teleprompter abzulesen. Vor lauter Wut über Obama fällt dabei kaum noch auf, dass dieses Land ein paar ernsthafte Probleme hat. Zum Beispiel: Amerika ist zu einer starren Klassengesellschaft verkrustet. Die soziale Mobilität ist geringer als in Frankreich und Deutschland. Kinder von Armen haben kaum eine Chance, dem Elend zu entkommen, in das sie hineingeboren wurden.

Unterdessen gerät die amerikanische Mittelklasse in die Bredouille, ihr Lebensstandard hat sich seit Jahrzehnten nicht mehr verbessert. Man muss kein Sozialist sein, um sich eine Politik zu wünschen, der dazu ein bisschen mehr einfällt als: Wir senken die Steuern. Die Republikanische Partei war einst die Partei von Theodore Roosevelt, der den Kampf mit den kapitalistischen Räuberbaronen des 19. Jahrhunderts aufnahm und sich dafür einsetzte, dass jeder Amerikaner - unabhängig von seiner Klasse oder Hautfarbe - eine faire Chance erhalten sollte.

Sie war die Partei von Eisenhower, der den Bau der Interstate Highways keineswegs Privatfirmen überließ, sondern ihn als Staatsaufgabe ansah; derselbe Eisenhower scheute sich dann nicht, die 101. Luftlandedivision nach Arkansas zu schicken, um das Ende der Apartheid an einer Highschool zu erzwingen. Sie war die Partei von Ronald Reagan, der seine legendäre Steuerreform von 1986 (die den Spitzensteuersatz auf 28 Prozent senkte) nicht im Alleingang, sondern in enger Zusammenarbeit mit den Demokraten durchsetzte. Sie war die Partei von George W. Bush, der keine fremdenfeindlichen Reden gegen illegale Einwanderer aus Mexiko hielt, sondern sich für humane, pragmatische Lösungen einsetzte, damit diese Leute amerikanische Staatsbürger werden konnten. - Ich hoffe, dass die Republikanische Partei bald wieder zur Vernunft kommt und sich auf diesen moderaten Geist besinnt. In der Zwischenzeit freue ich mich über den Sieg Obamas. (DER STANDARD, 8.11.2012)

Hannes Stein, deutscher Journalist und Buchautor, lebt in Brooklyn.

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