Der Wiener Bürgermeister und "sein" Kanzler

7. November 2012, 23:25
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Michael Häupl ist mit Werner Faymann unzufrieden - nicht zum ersten Mal. Den Kanzler und den Königsmacher verbinden alte Rivalitäten und neue Ärgernisse

Wien - Lauter hätte die politische Ohrfeige für Werner Faymann am Parteitag im Oktober kaum schallen können. Erst straften ihn die Delegierten mit dem schlechtesten Wahlergebnis seit SP-Gedenken ab, und dann legte Michael Häupl, gewohnt süffisant, in den Medien nach: "Ich finde das Wahlergebnis gar nicht so schlecht."

Der mächtige Wiener Bürgermeister fasst mit diesem einen Satz zusammen, was Genossen derzeit dem roten Kanzler auszurichten haben. Erstens: Sei froh, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist. Zweitens: Das hast du dir selbst zuzuschreiben. Drittens: Wenn du nicht bald etwas änderst, kommt es schlimmer.

Werner Faymann hat offenbar nicht verstanden, denn schon wieder hat Häupl etwas an ihm auszusetzen. Da rangen die in Wien regierenden Roten ihren Beamten und dem grünen Koalitionspartner eine Nulllohnrunde ab - und dann will der Kanzler ausgerechnet den Politikern ein Plus draufschlagen. Häupl soll getobt haben: "Wie sollen wir dem Reinigungspersonal erklären, dass sie nichts bekommen, wir aber schon?" Eilig beschloss der Wiener Landtag am Dienstag, selbst auch enthaltsam zu bleiben.

Imponiergehabe gehört in einer Zweierbeziehung dieser Art dazu. Landeshauptleute, vor allem so mächtige wie Häupl, zeigen Regierungspolitikern gern, wer der Königsmacher ist. Doch diesmal berichten Eingeweihte von einer tiefer sitzenden Verstimmung. Vor allem regt die Wiener Genossen etwas auf, das die Bundesregierung als Meilenstein zu verkaufen versucht: das Transparenzpaket.

Dass die strengen Regeln für die Parteifinanzierung Ehrenamtliche und Freiwillige abschrecken würden, weil nun jede Kuchenspende für ein Gschnas der Bezirkspartei deklariert werden muss, zählt dabei noch zu den geringeren Bedenken. Besonders fürchtet man im Rathaus-Universum, dass das Transparenzpaket das wirtschaftliche Geflecht von Partei und Vorfeldorganisationen untergraben könnte. Kanzler und Co seien dabei, so der Vorwurf, überhaupt nicht auf die Wiener Bedürfnisse eingegangen - mit der Rechtfertigung, dass der Druck der Öffentlichkeit keine Zeit für Absprachen gelassen habe.

Doppelpass mit Medien

Faymann und Häupl teilen diesbezüglich eine Eigenschaft, die Kooperation erschwert: Beide lassen sich mitunter von (Boulevard-)Medien treiben - womit Abstimmung und Vorbereitung in der Partei zu kurz kommen.

So geschehen bei Häupls Wehrpflicht-Manöver: Zwar war augenscheinlich mit Faymann abgesprochen, dass der Bürgermeister im Pas de deux mit der "Krone" "dem Bund" ein plötzliches Ja zum Berufsheer aufs Auge drückt, um seinem eigenen Wiener Wahlkampf im Herbst 2010 Schwung zu verleihen. Doch danach habe sich Häupl für das Thema kaum noch eingesetzt, so die Kritik. Scheitert die SPÖ bei der Volksbefragung, müssen dafür die Bundesroten den Kopf hinhalten.

In der Tagespolitik ist sich jeder selbst der Nächste. Da ist nicht entscheidend, wie im Rathaus gerne gesagt wird, dass Faymann "in Wien groß geworden ist", zumal die beiden seinerzeit eher Konkurrenten denn Verbündete waren. Häupl wusste nur zu gut, dass sein um zehn Jahre jüngerer Wohnbaustadtrat Ambitionen auf das Bürgermeisteramt hatte - inklusive der notwendigen Hausmacht und Medienbeziehungen. Öffentlich wurden Konflikte freilich nicht ausgetragen, streng nach einem Häupl'schen Prinzip: "Streiten tut man in der Kuchl und nicht auf dem Balkon."

Angesichts der Rivalität war es auch nicht innige Zuneigung, die Häupl bewog, im Jänner 2007 Faymanns Sprung in die Regierung und im Folgejahr ins Kanzleramt zu betreiben. Der Bürgermeister hatte gefürchtet, dass der ungeschickte und bei den eigenen Genossen durchgefallene Amtsinhaber Alfred Gusenbauer die SPÖ in den Abgrund führen werde - und damit nebenbei eine elegante Lösung gefunden, sich den potenziellen Kronprinzen Faymann ein für alle Mal vom Leib zu halten.

"Macher-Qualitäten", wie sie Gusenbauer vermissen ließ, beweise nun auch Faymann "seinem" Bürgermeister mitunter zu wenig, erzählt man sich in Wien. So soll Häupl nicht verstanden haben, warum sich Faymann der Ladung vor den parlamentarischen Untersuchungsausschuss nicht stellte. "Da geht man hinein und als Sieger wieder hinaus", soll er im vertrauten Kreis gesagt haben.

Gegenseitig dreinfunken

Dieses Herumlavieren kommt in Wien genauso wenig an wie der lähmende Streit zwischen Rot und Schwarz. So hält man sich im Rathaus momentan mit Rot-Grün für besonders dynamisch - trotz aller Parkpickerlquerelen auf Bezirksebene. Häupl ist stolz auf Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely, weil sie die jahrzehntelang verschleppte Gesundheitsreform auf den Weg gebracht habe, und auf Bildungs- und Jugendstadtrat Christian Oxonitsch, der trotz aller Sparzwänge mehr Geld für Schulneubauten bekommt.

Auf Bundesebene dreht man den Spieß gerne um: Wenn Häupl sich reibungslose Regierungsarbeit wünsche, solle er nicht dreinfunken - etwa indem er, wie im Sommer, eine Neuwahldebatte vom Zaun bricht.

Wie distanziert das Verhältnis momentan ist, merke man an einem rhetorischen Detail, erzählen Vertraute: Häupl spreche von Faymann nur als "der Bundesparteivorsitzende". (Gerald John/Petra Stuiber, DER STANDARD, 8.11.2012)

  • SPÖ-Chefs Michael Häupl und Werner Faymann beim Maiaufmarsch: 
Imponiergehabe gehört in der roten Zweierbeziehung dazu.
    foto: apa/neubauer

    SPÖ-Chefs Michael Häupl und Werner Faymann beim Maiaufmarsch: Imponiergehabe gehört in der roten Zweierbeziehung dazu.

  • Bild
 aus Zeiten, als der heutige Kanzler noch kein Promi war: Anstoßen in 
der Eden-Bar, Rivalisieren hinter den Kulissen.
    foto: eden

    Bild aus Zeiten, als der heutige Kanzler noch kein Promi war: Anstoßen in der Eden-Bar, Rivalisieren hinter den Kulissen.

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