Das Ehrenamt als Pflicht

Kolumne7. November 2012, 18:18
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Ist freiwillige Arbeit überhaupt noch freiwillig, wenn sie praktisch unter Zwang geschieht?

Der oder die typische Ehrenamtliche hat etwas Zeit und ein Einkommen, mit dem er oder sie gut über die Runden kommt. Oft sind die Ehrenamtlichen Pensionisten. Sie wollen etwas Sinnvolles tun und schätzen auch den Kontakt mit gleichgesinnten Kollegen. Sie arbeiten bei Hilfsorganisationen mit oder frönen in einem einschlägigen Verein ihrem Hobby. Sie fahren den Caritasbus und helfen lernschwachen Kindern beim Lesenlernen, sie engagieren sich bei den Briefmarkensammlern oder im Schrebergartenverein, sie sammeln für den Flohmarkt und organisieren Events für den Lions Club. Gut so.

Ivana ist Putzfrau. Sie nimmt jeden Job an, den sie kriegen kann, um das Nötigste für sich und ihre Familie zu verdienen. Nach der Arbeit kümmert sie sich um den Haushalt und die Kinder. Mehmet ist Bauarbeiter. Er schleppt Zementsäcke und bedient den Asphaltbohrer. Wenn er abends nachhause kommt, ist er erledigt. Mit fünfzig kann er froh sein, wenn seine Bandscheiben noch einigermaßen in Ordnung sind.

Sollen Ivana und Mehmet wirklich auch noch zu ehrenamtlicher Tätigkeit in österreichischen Organisationen verpflichtet werden, um sich die österreichische Staatsbürgerschaft etwas früher als in der vorgeschriebenen Zeit zu "verdienen"? Nicht, dass die beiden nicht auch jetzt schon etwas für andere tun. Nachbarschaftshilfe ist unter Migrantenfamilien eine Selbstverständlichkeit. Für die alten Eltern engagiert man keine slowakische Pflegerin und steckt sie auch nicht ins Heim, sondern versorgt sie selbst. Und die vielen Zuwanderervereine leben von der freiwilligen Mitarbeit ihrer Mitglieder.

Soll das alles auch als integrationsfördernde und mit Fristverkürzung zu belohnende Tätigkeit gelten? Oder muss der Zuwanderer für seine zukünftige Heimat, die ihn bisher nicht gerade liebevoll behandelt hat, drei Jahre spezifisch österreichische Gratisarbeit ableisten? Trachtenverein und Blasmusik? Und ist freiwillige Arbeit, ein Wesenselement der Hilfsorganisationen, überhaupt noch freiwillig, wenn sie praktisch unter Zwang geschieht? Tut man dem "Ehrenamt" etwas Gutes, wenn es zur Vorausbezahlung für einen österreichischen Pass degradiert wird ?

Die Idee hinter diesem jüngsten Geisteskind des Integrationsstaatssekretärs Kurz ist natürlich der Wunsch, Anreize für " Integrationsleistungen" (was immer das ist) zu schaffen. Man will "gute" Leute haben, die für Österreich etwas "bringen". Und diejenigen, die "im Herzen" längst Österreicher sind, sollen schneller ihren Pass bekommen. Das ist per se nicht falsch. Viel zu viele beruflich wie menschlich qualifizierte Migranten meiden aus guten Gründen Österreich und gehen lieber anderswohin; und viele, die längst voll integriert sind, werden nach wie vor als Fremde behandelt. Aber die Sache mit der ehrenamtlichen Tätigkeit geht, ebenso wie die "Pflicht" zu einem guten Einkommen, an der Lebensrealität der meisten Migranten vorbei.

Gut, wenn das Integrationsstaatssekretariat sich wenigstens um Verbesserungen bemüht. Aber hier ist noch ziemlich viel Nachdenkarbeit gefordert. Wir brauchen auch Mehmet und Ivana. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 8.11.2012)

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