Die Welt freut sich mit Obama

7. November 2012, 18:20
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Begeisterung in Kenia, Erleichterung in Peking, Lob aus Moskau: Obamas Wiederwahl wurde positiv aufgenommen

Hollande preist offenes Amerika
Stefan Brändle aus Paris

Erleichterung kennzeichnete die französischen Reaktionen auf die Wiederwahl Barack Obamas. François Hollande sieht darin "einen klaren Entscheid zugunsten eines offenen, solidarischen und international voll engagierten Amerikas". Der französische Präsident sprach sich in seiner Glückwunschbotschaft für die "Verstärkung unserer Partnerschaft" aus, wobei er den Kampf für Wirtschaftswachstum und gegen die Arbeitslosigkeit erwähnte.

Auf Twitter musste Hollande viel Spott einstecken, da er beim einzigen englischen Wort, das er handschriftlich an sein Grußschreiben anfügte, einen Fehler beging. Vor seine Unterschrift setzte er "friendly", was so viel wie "freundschaftlicherweise" heißen sollte. Das ist aber auf Englisch kein Grußwort, sondern bedeutet "der sympathische François Hollande". Vor vier Jahren hatte sich schon Nicolas Sarkozy einen Schnitzer geleistet, als er in einem ebenso kurzen handschriftlichen Zusatz "Barak" zu dessen erster Wahl gratulierte.

Aufatmen bei den EU-Verbündeten
Thomas Mayer aus Brüssel

Erleichtertes Aufatmen gab es nach der Wiederwahl von Barack Obama bei den Spitzen der europäischen Institutionen in Brüssel, Luxemburg und Straßburg. Die Zusammenarbeit mit den Europäern werde nun leichter fallen als bisher, glaubt Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker. In einer zweiten Amtszeit täten sich US-Präsidenten leichter, sich mit europäischen Themen auseinanderzusetzen.

Ganz in diesem Sinne begrüßten auch Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der ständige Ratspräsident Herman Van Rompuy den Sieg Obamas in einer gemeinsamen Erklärung: Man wolle die "enge Kooperation", die man in vier Jahren ausgebaut habe, fortsetzen. Parlamentspräsident Martin Schulz sprach vom "engsten Verbündeten", die deutsche Kanzlerin Angela Merkel freut sich auf ein baldiges Treffen in Deutschland. Für die Union sind die USA Hauptpartner im Eurokrisenmanagement. In Brüssel erhofft man auch bei Klimaschutz und Energiepolitik Fortschritte.

Knappe Botschaft von Netanjahu
Ben Segenreich aus Tel Aviv

Weil Benjamin Netanjahu seine Vorliebe für Mitt Romney kaum verborgen hatte, gingen die israelischen Medien mit dem Premier um, als hätte er selbst die US-Wahl verloren. In einem knappen schriftlichen Statement teilte Netanjahu mit, er habe Barack Obama gratuliert: "Die strategische Allianz zwischen Israel und den USA ist stärker denn je", fügte Netanjahu hinzu, "ich werde weiterhin mit Präsident Obama zusammenarbeiten, um die für die Sicherheit der Bürger Israels lebenswichtigen Interessen zu wahren."

Deutlich herzlicher fiel die Gratulation von Staatspräsident Shimon Peres aus, der gerade auf Besuch in Moskau war. Obama habe "in den vier Jahren seiner Amtszeit viel für die Sicherheit Israels getan - ich habe für ihn die größte Hochachtung". Er zeigte sich zuversichtlich, dass Obama iranische Kernwaffen verhindern würde: "Ich weiß, so wie er spricht, so wird er auch handeln." Auch im Lager links der Mitte wurde Obamas Sieg begrüßt.

Verweis auf die Verantwortung
Sandra Weiss aus Puebla

Als einer der ersten beglückwünschte noch am Dienstagabend (Ortszeit) Mexikos Präsident Felipe Calderón Barack Obama zur Wiederwahl. Die beiden Nachbarländer hätten in den vergangenen Jahren den Grundstein gelegt für eine langfristige, strategische Beziehung. Dies müsse nun konsolidiert werden.

Calderón ließ aber auch Kritik durchscheinen: Jedes Land müsse seiner Verantwortung gerecht werden, erklärte er. Reibungspunkte sind vor allem die Behandlung mexikanischer Gastarbeiter und der Drogenhandel. Calderón wirft den USA vor, weder den Drogenkonsum noch den Waffenexport im eigenen Land zu unterbinden und damit Gewalt in Mexiko zu schüren.

Mittelamerika erhofft sich von Obama vor allem eine humanere Migrationspolitik. Mehrere Millionen Mittelamerikaner leben und arbeiten großteils ohne Papiere in den USA. Ihre Hoffnung ist eine Amnestie oder wenigstens temporäres Bleiberecht, das sie vor Verfolgung und Abschiebung schützt.

Erleichterung über Kontinuität
Johnny Erling aus Peking

Knapp eine Stunde nach Obamas Sieg waren die Glückwünsche von Parteichef Hu Jintao und Premier Wen Jiabao mit Angeboten zu "neuer, noch besserer Zusammenarbeit" an den US-Präsidenten unterwegs. Zugleich gratulierte auch Vize Xi Jinping - der auf dem am Donnerstag beginnenden Parteitag in China die Nachfolge Hu Jintao antreten soll - seinem derzeitigen Noch-Amtskollegen Joe Biden.

Deutlicher hätte die Erleichterung der chinesischen Führung über Wahlausgang und Kontinuität in den Beziehungen nicht zum Ausdruck kommen können. Peking hätte sich zwar auch mit einem Sieger Mitt Romney arrangiert. Von Anfang an hatte es dessen Drohung, Kollisionskurs gegen China fahren zu wollen, nicht zum Nennwert genommen. Die Nachrichtenagentur Xinhua hatte aber 24 Stunden vor der Wahl vor dem Hochschaukeln gegenseitiger Konfrontationen gewarnt: Die beiden größten Volkswirtschaften könnten sich keinen Rückschlag in ihren Beziehungen leisten.

Atmosphäre gut, Streit ungelöst
Josef Kirchengast über Russland

Zumindest atmosphärisch wirkt die Wiederwahl Obamas für das Verhältnis der USA mit der einst zweiten Supermacht Russland entspannend. Kremlchef Wladimir Putin habe die Nachricht "sehr positiv" aufgenommen, sagte dessen Sprecher Dmitri Peskow am Mittwoch in Moskau. Premier Dmitri Medwedew lobte Obama als verständnisvollen und verlässlichen Partner. " Ich bin froh, dass an der Spitze des größten und einflussreichsten Staates nicht ein Mensch steht, der Russland für den größten Feind hält." Eine solche Sicht sei paranoid, sagte Medwedew in Anspielung auf Mitt Romney.

Dieser hatte in seiner Nominierungsrede angekündigt, im Fall seiner Wahl müsse sich Putin auf "etwas mehr Rückgrat einstellen". Daraufhin ließ Putin ausrichten, bilaterale Beziehungen dürften nicht Geisel von Wahlkämpfen sein. Im Streit um den US-Raketenschild in Europa, den Russland als Bedrohung sieht, ist eine Lösung aber auch unter Obama II nicht in Sicht.

"Mein Freund Barack Obama"
Sebastian Borger aus London

In seiner herzlichen Gratulation für "meinen Freund Barack Obama", den wiedergewählten US-Präsidenten, brachte David Cameron ein wenig Mut zur Hoffnung unter: Er freue sich auf "vier Jahre weiterer Zusammenarbeit". Die Phase könnten die britischen Wähler allerdings verkürzen, indem sie dem konservativen Premier im Mai 2015 die Wiederwahl verweigern. Von seinem Besuchsland Jordanien aus wies Cameron zudem auf ein Problem hin, das er "bald mit Barack besprechen" will: den anhaltenden Bürgerkrieg in Syrien.

Auch beim liberalen Koalitionspartner und bei Labour herrschte Zufriedenheit. Oppositionschef Edward Miliband interpretierte Obamas Sieg als "Optimismus, was die Handlungsfähigkeit der Politik betrifft". Viele Medien wiesen freilich auf das knappe Ergebnis und das Patt im Kongress hin. Sunder Katwala vom Thinktank British Future: "Obama ist ein guter Politiker, dem in einem zunehmend unmöglichen System Führerschaft abverlangt wird."

Beeindruckend wie Erdogan
Markus Bernath aus Athen

Europaminister Egemen Bagis, der als eifriger Washington-Reisender gilt, hat sich als Erster zu Wort gemeldet. "Obamas Siegesrede, die an die Balkonrede unseres Premierministers erinnerte, war beeindruckend", twitterte Bagis und erinnerte sein türkisches Publikum an den Auftritt von Tayyip Erdogan auf dem Balkon des AKP-Parteigebäudes in Ankara in der Nacht der Parlamentswahl im vergangenen Jahr. "Diese Hoffnung und dieser Enthusiasmus müssen bewahrt werden", wünschte sich der Minister.

Ankara wollte eine zweite Amtszeit von Obama. Der hatte sich in den vergangenen vier Jahren zunehmend um Erdogan bemüht und die Türkei in ihrer Vorstellung von einer strategischen Regionalmacht bestärkt. " Modellpartnerschaft" nannte Staatspräsident Abdullah Gül das in einem Glückwunschschreiben an Obama am Mittwoch. Die türkische Führung setzt vor allem in der Syrienkrise auf Washington. Sie will nun Patriot-Raketen an der Grenze.

Jubel im Ort der Vorfahren
Julia Raabe über Kenia

Die Bewohner des Dorfes Kogelo im Westen Kenias verbrachten eine schlaflose Nacht - und groß war der Jubel vor den Fernsehbildschirmen, als die Wiederwahl Barack Obamas verkündet wurde. Im Heimatort von Obamas Vater lebt bis heute die Stiefgroßmutter des US-Präsidenten, die dem Enkel sogleich beschied, "alle Menschen zu lieben", statt zu spalten.

Der kenianische Premier Raila Odinga wertete die Wiederwahl Obamas als Ermutigung für alle Minderheiten, nach Gleichberechtigung zu streben. Der Sieg habe in Afrika eine große Resonanz, weil "in zu vielen unserer Länder ethnische Spaltungen den Aufbau prosperierender Gesellschaften ohne Ausgrenzungen verhindern".

Doch die Enttäuschung in Afrika ist groß, dass Obama trotz seiner afrikanischen Wurzeln dem Kontinent bis jetzt keinen richtigen Besuch abgestattet hat. Großmutter Sarah zeigt dagegen Verständnis für ihren Enkel. Barack, sagte die 90-Jährige, müsse sich schließlich zuerst um die USA kümmern.

Araber warten auf frische Brise
Astrid Frefel aus Kairo

Er wünsche, die Freundschaft zwischen Ägypten und den USA zu stärken, um die gemeinsamen Ziele zu erreichen, erklärte Ägyptens Präsident Mohammed Morsi in seiner Glückwunschbotschaft. Die Präferenzen der Ägypter genauso wie aller anderen Araber lagen eindeutig bei Obama. Allerdings ist das Interesse nicht mehr so groß wie vor vier Jahren, als Obama in seiner Rede in Kairo ganz neue Beziehungen zur islamischen Welt versprach.

Von den Arabern wird Obama wegen seiner zugänglicheren Persönlichkeit und weniger kriegerischen Rhetorik geschätzt. Unterschiede in der Nahostpolitik zwischen den beiden Kandidaten wurden kaum ausgemacht. Vor allem das Syrien-Dossier habe Obama vernachlässigt, lautet die Kritik. Hier erhofft man sich nun mehr Einsatz. Ein Präsident mit weniger Angst, weil er nicht mehr gewählt werden muss, könnte er sein: Aber mehr als eine frische Brise werde man in der Region nicht spüren, warnte ein libanesischer Kommentator. (DER STANDARD, 8.11.2012)

  • Jubel in Obamas Heimatdorf Nyang'oma Kogelo in Kenia, als der Wahlsieg feststeht.
    foto: epa/dai kurokawa

    Jubel in Obamas Heimatdorf Nyang'oma Kogelo in Kenia, als der Wahlsieg feststeht.

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