Lobautunnel: Geologe fürchtet um riesiges Wasserreservoir

8. November 2012, 05:30
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Ein Experte fürchtet, dass der geplante Bau des Lobautunnels einen riesigen unterirdischen Wasserspeicher unter dem Naturschutzgebiet gefährdet. Die Asfinag wiegelt ab, die Stadt Wien wartet vorerst ab

Wien - Umweltschützer haben in Bezug auf den geplanten Bau des Lobautunnels bereits vielfach Sorgen um das Grundwasser geäußert oder vor einem möglichen Absinken des Wasserspiegels in den Donauauen gewarnt. Die Asfinag war stets bemüht, diese Bedenken zu zerstreuen. Geologe Godfrid Wessely, der das Gebiet unter anderem von seiner langjährigen Arbeit für die OMV kennt, gräbt nun aber tiefer.

Wie der Standard von dem Experten erfuhr, befinden sich in dem Gebiet und weiter östlich von Wien unterirdisch weitläufige Sandsteinschichten, in deren Poren Süßwasser gespeichert ist. Insgesamt hat Wessely ein Wasserlager im Umfang von vier Milliarden Kubikmetern berechnet. Ganz Wien braucht zirka 370.000 Kubikmeter pro Tag. "Ein riesiges Notreservoir", meint der Geologe, der als Vortragender an Unis in Wien, Innsbruck, Salzburg und Leoben tätig gewesen ist.

Röhren-Riss könnte Reservoir kontaminieren

Sollte Wiens Wasserversorgung aus der Hochquellleitung zum Beispiel im Falle eines Atomunglücks ungenießbar werden, könne man auf das unterirdische Reservoir zurückgreifen, meint Wessely. Seine Sorge angesichts der Tunnelbaupläne: Sollten die Röhren irgendwann irgendwo nicht dicht halten - "und dafür würde ich nicht die Hand ins Feuer legen, das Gebiet ist nach wie vor im Absinken begriffen" - könnte das Wasserreservoir weitläufig kontaminiert werden. Dafür reiche auch ein Haarriss.

Bei der Asfinag ist man sicher: "Der Tunnel wird dicht sein", sagt Projektleiter Thomas Schröfelbauer. Dafür sorge eine 60 Zentimeter dicke Innen- und eine ebenso dicke Außenschale. Auch beim Bauvorgang selbst werde man dafür sorgen, dass "der Grundwasserkörper nicht beeinträchtigt werden" könne. Unter anderem würden biologisch abbaubare und natürliche Materialien eingesetzt. Schröfelbauer gibt aber zu, das man nicht genau wisse, in welchem Umfang Wasserlager im Sandstein in dem Gebiet existierten.

Bei Probebohrungen 2006 seien zwei solcher "Sandlinsen" - Schröfelbauer geht von abgeschlossenen Einheiten aus - entdeckt worden. Wessely ist allerdings davon überzeugt, dass die Sandsteinschichten zwar immer wieder von Tonschichten unterbrochen und teilweise abgedichtet werden, diese Wasserspeicher aber vielfach weitläufig verbunden seien.

Asfinag verweist an Politik

Schröfelbauer sagt, alle für einen Tunnelbau notwendigen Untersuchungen seien vonseiten der Asfinag erfolgt. Für darüber hinausgehende Erkundungen etwaiger Wasservorkommnisse sei dann die Politik zuständig.

Vonseiten der Stadt Wien scheinen Inspektionen des Reservoirs derzeit nicht geplant zu sein. Ein Sprecher von Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) verwies bei dem Thema an Verkehrs- und Stadtplanungsstadträtin Maria Vassilakou (Grüne). In ihrem Büro hieß es, man gehe davon aus, dass bei der derzeit laufenden Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) alle auch den Untergrund betreffenden Umweltbelange auf den Tisch kommen. Der Start des Tunnelbaus soll 2018 erfolgen, 2025 sollen die Röhren nach jetzi- gem Stand in Betrieb gehen. (Gudrun Springer, DER STANDARD, 8.11.2012)

Wissen: Umweltprüfung ist im Gange

Das Verfahren zur Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für den Lobautunnel als Teil des Projekts S1 Schwechat-Süßenbrunn (mit der Gesamtlänge von 18,9 Kilometern) läuft bereits. Der Streckenabschnitt von Groß-Enzersdorf bis Süßenbrunn soll ab 2014 gebaut und ab 2016 befahren werden können, der Baubeginn für Teil zwei mit Tunnel ist für 2018 geplant. Die UVP-Unterlagen liegen derzeit auf, für 19. November ist die mündliche Verhandlung anberaumt. Nächste Woche wollen Bürgerinitiativen über ihre Bedenken zu den Unterlagen informieren. Die Plattform "Zukunft statt Autobahn" moniert u. a., Bürger hätten zu wenig Einfluss auf die UVP.

  • Das Wasserreservoir in der Lobau könnte als Notspeicher für die Stadt Wien dienen.
    foto: standard/newald

    Das Wasserreservoir in der Lobau könnte als Notspeicher für die Stadt Wien dienen.

  • Die Umweltverträglichkeitsprüfung des Tunnelprojekts soll Klarheit schaffen.
    grafik standard

    Die Umweltverträglichkeitsprüfung des Tunnelprojekts soll Klarheit schaffen.

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