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Tübingen - Die prospektive, einfach verblindete Kohortenstudie ermittelte die Trainingseffekte von Videospielen auf die Bewegungskoordination der Betroffenen, wobei ausschlaggebend ist, dass diese Spiele mittels Körper- und Armbewegungen gesteuert werden. Die Untersuchung wurde gemeinsam vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH), dem Werner Reichhardt Center für Integrative Neurowissenschaften (CIN) und der Neurologischen Universitätsklinik in Tübingen durchgeführt und in der Fachzeitschrift "Neurology" veröffentlicht.
Koordinationsstörungen durch Kleinhirnerkrankungen, auch Ataxien genannt, sind eine seltene, fortschreitende Erkrankung von Kindern und Jugendlichen. Zu den Symptomen gehören eine Gang- und Standunsicherheit sowie eine Ungeschicklichkeit beim Greifen von Gegenständen. Eine medikamentöse Therapie ist nur in seltenen Fällen möglich - die Krankheit bislang nicht heilbar. Ein intensives Koordinationstraining, das auf physiotherapeutischen Übungen basiert, kann den Krankheitsverlauf jedoch mildern. Das hat eine bereits 2009 erschienene HIH-Studie belegt. "Kinder und Jugendlichen fehlt dafür jedoch oft die nötige Motivation. Je weniger die Betroffenen sich bewegen, desto stärker verschlechtert sich die Erkrankung. Eine Abwärtsspirale setzt ein", sagt Matthis Synofzik vom HIH.
„Die vor einiger Zeit entwickelten Videospiele, die mittels Körper- und Armbewegungen gesteuert werden, erschienen uns als mögliche Option für ein effektives, noch motivierenderes motorisches Heimtraining", erläutert Winfried Ilg vom HIH die Beweggründe für die Erhebung.
Die Kohortenstudie wurde in Form eines achtwöchigen Trainings mit zehn Kindern durchgeführt. Sie startete mit einer zweiwöchigen angeleiteten Übungsphase, während der die Kinder intensiv von Therapeuten betreut und angeleitet wurden. Im Anschluss daran sollten sie sechs Wochen zu Hause weiter üben. Die Ergebnisse der Studie zeigen signifikante und alltagsrelevante Verbesserungen der Krankheitssymptome. Dazu gehört unter anderem ein sicherer Gang und die Fähigkeit die Beine zielorientiert zu platzieren.
Klinisch messbar sind diese Erfolge mit spezifischen Skalen. Sehr deutlich lassen sich Veränderungen des Gesundheitszustandes an SARA ablesen. SARA steht für "Scale for the Assessment and Rating of Ataxia" und misst das Fortschreiten der Ataxie. Je höher der Punktwert, desto weiter fortgeschritten die Erkrankung. Der Wert der Teilnehmer sank um durchschnittlich zwei Punkte. "Dieser Wert zeigt eindeutig die spezifischen Effekte des Trainings. Denn bei einem 'normalen' Krankheitsverlauf verschlechtert er sich um durchschnittlich zwei Punkte pro Jahr", so Synofzik.
Das Videospiel-basierte Training ist allerdings kein Ersatz für eine notwendige Physiotherapie. "Es sollte jedoch zukünftig ergänzend angeboten werden, da Therapie-Erfolge dadurch verstärkt werden können", sind Ilg und Synofzik überzeugt. Zudem geben die Autoren zu bedenken, dass sowohl die intensive therapeutische Anleitung als auch die Trainingsintensität wichtige Faktoren sind. "Einfach los spielen, würde zwar sicherlich Spaß machen, jedoch das Krankheitsbild nicht unbedingt verbessern", so die Mediziner. (red, derStandard.at, 7.11.2012)
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