Paul Scharner über der Schmerzgrenze

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  • "Ich hab früher auch immer eine Riesenportion Nudeln vor dem Match 
gegessen, das brachte mir aber im Nachhinein gar nichts weil ich eine 
Gluten-Intoleranz hatte."
    foto: ap/heimken

    "Ich hab früher auch immer eine Riesenportion Nudeln vor dem Match gegessen, das brachte mir aber im Nachhinein gar nichts weil ich eine Gluten-Intoleranz hatte."

Der HSV-Legionär über englischen und deutschen Kick, sein Comeback und ganzheitliche Leistungsoptimierung

Wien - Paul Scharner wird nicht für das ÖFB-Team gegen die Elfenbeinküste spielen. Dafür lief er am Dienstag vor 200 Zuschauern für die HSV-Amateure auf. Mit derStandard.at sprach der 32-jährige Verteidiger über seine Rehabilitation, die Stärken der deutschen Liga und sein ganz persönliches Projektmanagement.

derStandard.at: Wie geht es Ihrem rechten Knie?

Paul Scharner: Das ist verheilt. Ich bin wieder zu 100 Prozent bereit. Nach dem Match mit den Amateuren gegen Werder Bremen II sollte die Matchfitness auch wieder da sein.

derStandard.at: Wie hat sich Ihre Therapie gestaltet?

Scharner: Was fehlte, war natürlich die Bewegung von den Beinen her. Ich habe aber mit einem Tabata-Programm daran gearbeitet, mein Konditions-Level zu halten. (Die Basis des Tabata ist ein vier Minuten langes, hochintensives Training, bei dem möglichst viele und große Muskeln beansprucht werden, Anm.).

derStandard.at: NBA-Star Dirk Nowitzki hat nach seiner Knie-Arthroskopie mit einem Handbike trainiert.

Scharner: Das habe ich auch gemacht. Die vier Minuten volle Belastung bringen einen Benefit wie eine Stunde reguläres Training. Da musst du aber den Willen haben, die Schmerzgrenze höher anzusetzen oder am besten ganz auszuschalten. Wenn du Erfolg haben willst.

derStandard.at: Sie sind noch immer in der Amateurmannschaft im Einsatz. Müssen Sie sich in Hamburg noch gedulden?

Scharner: Richtig. Da ich mich entschieden habe, nur mehr Innenverteidiger zu spielen, habe ich weniger Möglichkeiten. Abgesehen vom Bayern-Match hat der HSV zuletzt sehr erfolgreich gespielt, da wird das Team nicht verändert. Ich warte auf den richtigen Zeitpunkt.

derStandard.at: Ihr Debüt in der Kampfmannschaft des HSV haben Sie schon gegeben - als Stürmer.

Scharner: Das war etwas ungewöhnlich. Passiert ist es gegen Stuttgart, wir lagen 0:1 zurück. Der Trainer hat die Brechstange ausgepackt und mich gefragt, ob ich im Sturm diese Brechstange sein kann. Neun Minuten war ich am Feld. 

derStandard.at: Wie beurteilen Sie die Trainerarbeit von Thorsten Fink?

Scharner: Er ist ein junger, offener Trainer, der neue Methoden, auch im individuellen Training, zulässt. Ich bin schwer beeindruckt.

derStandard.at: Gibt es Unterschiede zu Ihrem letzten Trainer in England?

Scharner: Das ist wie Tag und Nacht. Ein Roy Hodgson ist seit fast 40 Jahren im Trainergeschäft und mit allen Wassern gewaschen. Während Fink das Ganze ins Auge fasst, hat Hodgson als Eigenpromoter sich selbst als höchstes Ziel.

derStandard.at: Kommen wir zum Thema Fußballkultur. Sie haben eine internationale Fußballkarriere hingelegt. Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen dem deutschen und dem englischen Fußball?

Scharner: Sportlich ist es für mich natürlich schwer, das bisher zu beurteilen. Bezüglich Infrastruktur und Fankaufkommen ist Deutschland schon auf einem eigenen Level. In England stehen die ersten vier Teams medial total im Fokus, der Rest wird sehr weit hinten angereiht.

In Deutschland wird die ganze Liga vermarket. Bei unseren Trainings haben wir einen Schnitt von 500 bis 800 Zuschauern. Bei Wigan oder West Bromwich war das Teamtraining komplett abgeriegelt, da gab es keine Chance, auch nur in die Nähe zu kommen. Es wurden sogar Warnschilder aufgehängt und Strafen für ungebetene Gäste angedroht.

derStandard.at: Gibt es einen Kontrast in der Spielphilosophie?

Scharner: Der englische Fußball wird direkter und mit mehr Tempo gespielt. In Deutschland wird der Ball mehr innerhalb der Mannschaft gehalten und es wird versucht, den Ball abwartender aus der Verteidigung herauszuspielen.

derStandard.at: Ist der Umgangston in einer Premier-League-Kabine ein anderer?

Scharner: Der Unterschied in Hamburg ist die Muttersprache, da rennt der Schmäh besser. In England ging es manchmal nicht so kollegial zu. Ich erinnere mich an Trainings in der Früh, wo niemand gegrüßt hat. Du trainierst, isst zu Mittag und gehst nach Hause, fertig. Bei Wigan oder West Bromwich hatte ich über 15 verschiedene Nationalitäten im Team. Da kann auch nicht jeder Englisch.

derStandard.at: Mit sechs Jahren Premier League auf dem Buckel: Was haben Sie da für ein Standing innerhalb der Mannschaft?

Scharner: Das ist absoluter Respekt da nach 207 Premier League-Spielen und 21 Toren.

derStandard.at: Das Nationalteam bestreitet dieser Tage einen Test. Denken Sie über die Geschehnisse in der jüngsten Vergangenheit nach, oder ist die Sache für Sie abgeschlossen?

Scharner: Das Thema arbeitet natürlich noch in meinem Kopf. Beim Verfolgen der beiden Kasachstan-Länderspiele war ich traurig, dass ich nicht dabei war. Aber so ist es jetzt. Über Konsequenzen muss man sich klar sein, bevor man derartige Entscheidungen trifft.

derStandard.at: Wurden Sie beim HSV auf ihren Teamabschied angesprochen?

Scharner: Der eine oder andere hat mich natürlich darauf angeredet. Die Parodie "Paul Scharner 2.0" auf Youtube ist sehr gut angekommen, vor allem beim Trainerteam. Ich glaube, von den 25.000 Zugriffen waren 10.000 von den HSV-Betreuern. (lacht)

derStandard.at: Sie haben in einem Interview zu ihrem Nationalteam-Abschied gesagt: "Man wird in der Endabrechnung sehen, ob dies ein Fehler war oder nicht." Heißt das, wenn das ÖFB-Team die Quali nicht schafft, dann, weil Paul Scharner nicht dabei war?

Scharner: Nein. Vielleicht ist es auch genau umgekehrt. Das kann man nicht so genau sagen. Wenn ich mit meiner Karriere selbst abrechne, dann werde ich sehen ob es ein Fehler war oder nicht.

derStandard.at: Wann wird das sein? Sie sind 32 Jahre alt.

Scharner: Vier bis sechs Jahre möchte ich noch auf höchstem Level spielen, am liebsten in Hamburg. Körperlich fühlt es nicht viel anders an als früher. Ich schaue außerdem sehr gezielt auf mich, lasse mein Blut und meinen Stuhl seit Jahren ständig kontrollieren. Das betrifft vor allem Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

derStandard.at: Das hat enorme Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit.

Scharner: Auf jeden Fall. 2008 habe ich mir meine Nasenscheidenwandverkrümmung operieren lassen, ein Nasenloch war vorher komplett zu. Durch die OP ist die Konditionsleistung um 20 bis 30 Prozent gestiegen. Ich hab früher auch immer eine Riesenportion Nudeln vor dem Match gegessen, das brachte mir aber im Nachhinein gar nichts weil ich eine Gluten-Intoleranz hatte. Der Körper musste die ganze Energie für die Verdauung verwenden. Im Fußball sind diese Herangehensweisen aber bisher kaum ein Thema.

derStandard.at: Wann kehren Sie endlich in die österreichische Bundesliga zurück?

Scharner: Ob dieser Tag kommen wird, weiß ich nicht. Geplant ist ein Ende in Österreich nicht. Aber sag niemals nie. (Florian Vetter, derStandard.at, 8.11.2012)

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