Unserer Generation geht es einfach viel zu gut

Wir kennen keine Probleme, und gerade deshalb leiden wir an uns selbst - ein Blick auf mein Umfeld

Wien - Österreich zählt zu den reichsten Ländern der Welt. Es fehlt uns weder an Bildung oder Nahrung noch an medizinischer Versorgung. Krieg ist uns gänzlich unbekannt, und wir leben unter keiner Diktatur. Frauen haben beinahe dieselben Rechte wie Männer, und die Arbeitslosenquote ist die niedrigste in der EU. Eigentlich müsste es unserer Generation so gut gehen wie nie zuvor. Eigentlich. Tut es aber nicht - ganz im Gegenteil.

Dass Wohlstand allein nicht glücklich macht, ist wohlbekannt. Laut Studien von Glücksforschern zählen wir Bewohner der G-8-Länder gar zu den traurigsten der Welt. Um dies zu bestätigen, braucht man keine Wissenschaft heranziehen, mir genügt ein Blick auf die Menschen, denen ich täglich begegne: Viele von ihnen wirken tief unglücklich, sind von Selbsthass zerfressen und tun sich absichtlich Leid an. Ohne erkennbaren Grund.

Eine Bekannte etwa ritzt sich mit Rasierklingen. Eine andere kratzt mit ihren Nägeln die Haut auf, bis sie blutet. So fühlen sie sich besser - zumindest für einen Augenblick, weil sie glauben, sich das angetan zu haben, was sie verdienen. Aber wie sollte das irgendjemand verdient haben?

Depressionen und Drogen

Ein Mädchen in meinem Jahrgang leidet unter Bulimie, wieder eine andere hat mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen. Sie war auf dem Weg der Besserung, doch fing dann an, Drogen zu nehmen. Jetzt spielt sie sich in ihrer vernebelten Traumwelt vor, dass alles okay wäre. Tatsächlich kifft sie schon am Morgen, nur um den Schulalltag zu überstehen. Eine weitere Bekannte konnte wegen ihrer Angststörung monatelang die Schule nicht besuchen.

Diese Liste könnte ich noch endlos weiterführen. Alle Genannten sind bereits vom Leben gezeichnet, dabei haben sie doch alles noch vor sich. Niemand von ihnen ist volljährig.

Haben wir Jugendlichen schon immer an uns selbst gelitten? Schauen wir auf die reinen Fakten: Die Zahl der an Essstörungen Erkrankten hat sich laut Gesundheitsministerium in den letzten 20 Jahren mehr als verzehnfacht, über 90 % der Betroffenen sind junge Mädchen. Bei einer Umfrage an 13 Schulen in Ulm gaben über 25 % der Jugendlichen von 14 bis 17 Jahren an, sich schon einmal absichtlich selbst verletzt zu haben. Rund 20 % aller Jugendlichen leiden unter depressiven Phasen, die jedoch nur bei einem Drittel von den Eltern als solche erkannt werden. Der Drogenkonsum bleibt seit Jahren konstant, wenn auch auf hohem Niveau.

Ich denke, die Dunkelziffer unseres Leids ist gewiss größer, als es jede Statistik erfassen könnte. Wann habe ich das letzte Mal jemanden getroffen, der das Leben einfach nur schön findet? Es fällt mir schwer, mich zu erinnern.

Ohne Regeln erzogen

Stattdessen höre ich immer wieder Sätze wie: "Das Leben ist scheiße", " Ich bin scheiße", "Menschen sind scheiße." Von wie vielen Gleichaltrigen ich das gesagt bekommen habe? Ich kann es gar nicht mehr beziffern, so viele sind es. Irgendwann habe ich schlicht aufgehört, mitzuzählen. Doch auch ich kann sie verstehen.

Um mich herum sehe ich nur Menschen mit Problemen, obwohl - oder vielleicht gerade weil - ich in einem behüteten Umfeld aufgewachsen bin. Unsere Eltern, die unter der Unterdrückung ihrer eigenen Eltern zu leiden hatten, erziehen uns genau gegenteilig: ohne Grenzen, Regeln und Gesetze, dafür mit viel Liebe. Es gibt praktisch keine Probleme mehr durch äußere Einflüsse. Mir scheint, dass wir, die ohne Probleme aufgewachsen sind, zunehmend anfangen, uns selber welche zu machen, und dann darunter leiden. Scheinbar liegt das in der Natur des Menschen.

In keinem Entwicklungsland der Welt würde wohl jemand auf die Idee kommen, plötzlich nichts mehr zu essen oder sich die Oberarme zu ritzen. Solange man sich sorgt, wie das Essen auf den Tisch kommt oder die Miete bezahlt wird, weiß man genau, was man will. Wir wissen das nicht. Es geht uns schlicht und einfach zu gut.

An einem Ort voller Liebe wird man sich selbst der nächste Feind. (Sara W., DER STANDARD, 7.11.2012)

Die Autorin möchte aus Rücksicht auf die genannten Personen anonym bleiben.

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