Unzufriedene Lehrlinge: "Meine Chefs haben mich wie ein Kind behandelt"

  • 14,4 Prozent aller
 Lehrlinge in Ausbildungsbetrieben haben 2010 die Lehre abgebrochen, 
bevor sie die Lehrzeit abgeschlossen haben.
    foto: apa/dpa/markus heine

    14,4 Prozent aller Lehrlinge in Ausbildungsbetrieben haben 2010 die Lehre abgebrochen, bevor sie die Lehrzeit abgeschlossen haben.

14 Prozent der Lehrlinge beenden ihre Ausbildung nicht - Die Beratungsstelle Back-up hat zum Ziel, Lehrabbrüche zu verhindern

Putzen statt Kundenbetreuung, Botengänge statt Kassadienst. Doris* ist 16 Jahre alt. Einzelhandelskauffrau war schon immer ihr Wunsch-Lehrberuf. Mit ihrer ersten Lehrstelle war sie aber alles andere als glücklich. Im Vergleich zu vielen anderen Jugendlichen hatte Doris relativ schnell eine Lehrstelle gefunden, doch dort wurden ihr nicht die Fähigkeiten vermittelt, die man als Einzelhandelskauffrau braucht. 

Dabei hatte zunächst alles so gut begonnen. Bewerbungen in nur acht Betrieben waren nötig, sie wurde zu vier Bewerbungsgesprächen und teilweise auch zu Schnuppertagen eingeladen. Entschieden hat sie sich schließlich für eine Stelle in einem eher kleinen Wiener Familienbetrieb mit zwei Filialen und rund zehn MitarbeiterInnen. Welche Firma das war, möchte Doris nicht sagen. Denn damit, was sie in dem Betrieb erlebte, war sie nicht unbedingt glücklich. Sie musste in den ersten Monaten putzen und Botengänge erledigen, hin und wieder kamen auch Hilfeleistungen bei der Annahme von Lieferungen dazu. Die wenigen Kunden durfte Doris nicht bedienen. 

Zu ihren KollegInnen hatte sie zwar ein freundschaftliches Verhältnis, ihre Chefs hätten sie aber eher "wie ein kleines Kind behandelt und mir keine verantwortungsvollen Tätigkeiten zugetraut", sagt Doris.

Kein Dienstplan

Oft wurde ihr auch der Dienstplan nicht im Voraus übermittelt. Doris musste am Vorabend anrufen, um zu erfahren, ob beziehungsweise wann sie am nächsten Tag Dienst hatte und in welcher Filiale sie den Dienst antreten sollte. 

Doris fühlte sich nicht gefordert. Das änderte sich auch nach einem persönlichen Gespräch mit ihren Chefs nicht, bei dem auch ihre Eltern dabei waren. Weil sie mit der Situation mehr und mehr unzufrieden war, suchte sie Hilfe. Sie wandte sich an die Beratungsstelle Back-up. Seit Jahresbeginn bietet Back-up in Wien-Mariahilf Beratungen für Lehrlinge an.

"Probleme besprechen"

"Wir kümmern uns um Lehrlinge, bieten den Lehrlingen an, mit ihnen zum Betrieb zu gehen und Probleme zu besprechen", sagt Berater Johannes Schlögl im Gespräch mit derStandard.at. Die Schwelle, bei persönlichen Problemen Beratung in Anspruch zu nehmen, ist jedoch oft hoch, bedauert er. Und obwohl das Angebot freiwillig und kostenlos ist, ist das Projekt noch nicht allen Lehrlingen bekannt.

Meistens haben die Lehrlinge Probleme mit Ausbildnern oder müssen Überstunden machen, was bis 18 Jahren gesetzlich verboten ist. Auch Mobbing unter Lehrlingen kommt vor. Manche werden eine Woche lang im Betrieb alleine gelassen, während die Ausbildner auf Urlaub sind. Andere wiederum haben zu Hause Probleme und erhalten wenig Unterstützung ihrer Eltern. Sie verdienen das Geld, müssen ihr Gehalt dann aber abgeben. Das Alter der Lehrlinge, die sich an Back-up wenden, liegt zwischen 15 bis 23 Jahren, der Durchschnitt sind 17,6 Jahre. Eine Altersbeschränkung gibt es nicht.

Schlögl ist mit den bisherigen Beratungsergebnissen zufrieden: "Bei den betreuten Lehrlingen konnte etwa die Hälfte der Lehrstellen gesichert werden. Im Falle einer Auflösung des Lehrverhältnisses konnte wiederum 50 Prozent der Lehrlinge ein neuer Betrieb vermittelt werden." Denn auch einen Lehrstellenwechsel begleitet die Beratungsstelle, wenn die Probleme im Betrieb unüberwindbar sind.

Hohe Zahl an Abbrüchen

Mit Problemen in der Lehre ist Doris kein Einzelfall. Von den 43.734 Lehrlingen in Ausbildungsbetrieben, die laut Zahlen der Wirtschaftskammer 2010 die Lehre beendeten, haben 6.300 beziehungsweise 14,4 Prozent diese vorzeitig abgebrochen. Fast die Hälfte von ihnen (40 Prozent) hörte schon in der Probezeit auf, also in den ersten drei Lehrmonaten. Diese Lehrlinge sind auch zu keiner Lehrabschlussprüfung angetreten und haben nicht in ein anderes Lehrverhältnis gewechselt.

Lehrlinge werden in den Betrieben auch häufig zu Überstunden herangezogen, wobei diese Mehrarbeit manchmal auch unfreiwillig und unbezahlt geleistet werden muss. Das war das Ergebnis einer von der Gewerkschaft GPA-djp durchgeführten Umfrage bei Lehrlingen im Handel, die im November 2011 veröffentlicht wurde.

Überstunden und Probleme mit Krankenstand

Demnach gaben 68 Prozent der befragten Lehrlinge an, bereits Überstunden geleistet zu haben, 60 Prozent davon mussten diese unfreiwillig leisten, und knapp ein Viertel davon bekam dafür nichts bezahlt. 

Auch Urlaub und Krankenstand sind heikle Themen: Demnach meinen 34,5 Prozent der Lehrlinge, ihr Chef vermittle ihnen, dass sie trotz Krankheit zur Arbeit kommen sollten. 34,1 Prozent müssten um die Einteilung ihres Urlaubs nach ihren Vorstellungen kämpfen. Die Angst um den Ausbildungsplatz ist groß: Jeder Vierte fürchtet, seine Lehrstelle zu verlieren. Jeder Zweite arbeite nicht in seinem Wunschberuf.

"Jederzeit wieder"

Doris nahm das Angebot nahm von Back-up in Anspruch. Mit Hilfe der Beratungsstelle hat sie ihren neuen Betrieb auch sehr rasch gefunden. Diesmal läuft alles nach Plan, sie erhält ihren Dienstplan zeitgerecht. Überstunden wurden bisher keine verlangt. Sie ist jetzt im zweiten Lehrjahr und sagt: "Ich würde diese Lehrstelle jederzeit wieder wählen."

Sie ist auch nach wie vor der Meinung, dass sie die richtige Berufswahl getroffen hat. Die Ausbildungsmöglichkeiten im Lehrberuf Einzelhandelskauffrau sind grundsätzlich attraktiv, glaubt sie. Aus ihrer eigenen Erfahrung weiß sie aber, dass es von Betrieb zu Betrieb große Unterschiede in der Ausbildungsqualität gibt. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 7.11.2012)

* Name von der Redaktion geändert

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