Die "Erdbeergeneration" von Taiwan

Reportage7. November 2012, 10:31
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Nach 9.000 Kilometern offenbart sich die Schönheit eines Landes, das vielen nur von Kleidungsetiketten bekannt ist

Taichung - Mitten in der Nacht brennt noch Licht in ihrem Zimmer, während draußen bereits die Frühaufsteher im Schein der unzähligen Neonlichter auf ihren Mopeds in Richtung Arbeitsstelle knattern. Das Mädchen, das noch immer an ihrem Schreibtisch in mathematischen Fragestellungen vertieft ist, heißt Lucy. Sie ist meine taiwanesische Gastschwester.

Für Lucy geht es im Jänner bei ihrer High-School-Abschlussprüfung um die "wichtigste Entscheidung" in ihrem Leben. Einmal in einer Elite-Universität in der Hauptstadt Taipeh untergekommen, stünden ihr alle Türen offen. Eine schlechte Uni bedeutet jedoch, dass sie es einmal schwer haben wird, eine qualifizierte Arbeitsstelle zu finden.

Nur wenige Stunden Schlaf später, morgens um halb acht: Lucy steht mit ihren 2000 Schulkameraden in Reih und Glied zur Morgenzeremonie auf dem Basketballplatz der Schule und singt die taiwanesische Nationalhymne. Während die Landesflagge mit großem Pomp gehisst wird, blicken die fein säuberlich in blauen Schuluniformen gekleideten Schüler auf den taiwanischen "Landesvater" Sun Yat-sen, dessen Porträt an der Schulwand hängt. Gleichzeitig schreiten Offiziere durch die Reihen der schwitzenden Schüler, um nach Recht und Ordnung zu schauen. Langsam wird es heiß, denn die drückende Sonne erhebt sich hinter den nebelverhangenen Wohnblockbauten.

Von einem Podest herabblickend mahnt der Direktor die Schüler, hart und unnachgiebig zu arbeiten. Nur so könne man seine Wünsche und Träume im Leben verwirklichen. Lucy hängt gebannt an seinen Lippen, die meisten jedoch - so lässt sich an ihren gelangweilten Gesichtern ablesen - scheinen die Standpauken des Direktors schon des Öfteren gehört zu haben.

Mindestens bis zum späten Nachmittag wird es dauern, bis sie das Schulgelände wieder verlassen dürfen. Danach wartet der in Taiwan obligatorische Nachhilfeunterricht, der oft bis neun Uhr abends geht, gefolgt von Hausaufgaben. Jede Woche haben die Schüler Zwischenprüfungen. Aufs Abschreiben können sie sich dabei nicht verlassen, schließlich sitzt jeder auf einer Einzelbank.

Aufwachsen wie im Glashaus

Lucys Generation lebt wie selbstverständlich im Wohlstand, den die boomende Elektronikindustrie der Insel verschafft hat. Der wirtschaftliche Aufschwung fußt auf dem Fleiß der Elterngeneration, die diesen nun auch von ihren Zöglingen erwartet. Andererseits ziehen sie ihre Kinder überbehütet wie im Glashaus auf, was sie zerbrechlich im harten Konkurrenzkampf unter Gleichaltrigen macht. Deshalb werden die taiwanesischen Teenager auch die "Erdbeergeneration" genannt: Sie können den Erwartungen nicht standhalten, die die Gesellschaft in sie setzt, und lassen sich wie Erdbeeren zerquetschen.

Mich überraschte, wie sehr die Jugendlichen an westlicher Kultur interessiert sind. Die meisten meiner Klassenkameraden lernen in der Schule neben Englisch noch Französisch, Spanisch oder Deutsch. Sie hegen den Wunsch, einmal nach Europa zu reisen, von dessen kultureller Vielfalt sie schwärmen. Auch optisch versuchen sich die Mädchen, dem " westlichen Schönheitsideal" zu nähern: Falsche Wimpern sollen die Augen vergrößern und Schminke das Gesicht bleichen.

Shoppen am Nightmarket

Wer am Tag hart arbeitet, darf sich abends dem Vergnügen hingeben. Die riesigen "Nightmarkets" sind dafür ideal: zum Shoppen, Bubble-Tea-Schlürfen oder Probieren exotischer Snacks. Massagetische reihen sich hier dicht gedrängt an Tintenfischverkäufer. Ganze Stadtteile bestehen nur aus solchen Nachtmärkten. Besonders sind mir die " Catching the Fish"-Stände in Erinnerung geblieben: Mit einem kleinen Netz, das man in ein Aquarium wirft, kann man hier mit etwas Glück einen Goldfisch fangen - und diesen sogleich im Plastiksackerl mit nach Hause nehmen.

Lucy und ich werfen uns hier regelmäßig in das Getümmel der Menschenmassen. Übrigens ganz ohne Alkohol: Trinken ist erst mit 18 erlaubt und generell unter Jugendlichen nicht so verbreitet, was sicher auch mit der konfuzianischen Gehorsamkeit gegenüber den Eltern zusammenhängt.

Auch wenn die Nachtmärkte bis drei Uhr geöffnet haben, zieht mich Lucy auch heute schon wieder um eins in Richtung Bushaltestelle. Nach einem letzten Blick auf das bunte Treiben lächelt sie mich entschuldigend an, doch ich habe bereits verstanden: Die Schule fängt schon bald wieder an, und die Hausaufgaben muss sie vorher auch noch erledigen. (Caroline Kulmhofer, DER STANDARD, 7.11.2012)

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    "Massagetische reihen sich hier dicht gedrängt an Tintenfischverkäufer": Das bunte Treiben auf einem Nightmarket in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh.

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