Wall Street zittert vor Obama

7. November 2012, 18:34
89 Postings

Die Finanzwelt setzte auf Romney und hoffte auf eine Lockerung der Finanzregulierung. Jetzt fürchten die Börsianer eine härtere Gangart

Wien - Die US-Börsen haben am Tag des Wahlerfolgs von US-Präsident Barack Obama mit deutlichen Verlusten eröffnet - und damit so reagiert wie 2008, als Obama John McCain besiegt hatte. Der 51-jährige Obama hat am Mittwoch zwar erneut seinen republikanischen Herausforderer Mitt Romney geschlagen - im Kongress wird er aber auch in seiner zweiten Amtszeit auf Widerstand stoßen, da sich die Republikaner im Repräsentantenhaus erneut die Mehrheit sichern konnten.

Haushaltsplan bis Jänner

"Das dürfte eine Lösung der anstehenden Probleme wie die 'fiscal cliff' und die Anhebung der Schuldenobergrenze erschweren", heißt es in einem Kommentar der Commerzbank. Der US-Präsident und der aus Senat und Repräsentantenhaus bestehende Kongress müssen sich bis Jänner auf einen neuen Haushaltsplan einigen, ansonsten greifen ab dem neuen Jahr automatische Ausgabenkürzungen, Steuererleichterungen enden. Die USA könnten dadurch in die Rezession zurückfallen.

Banken und Börsen machen sich bei der Finanzregulierung zudem auf eine härtere Gangart von Obama in seiner zweiten Amtszeit gefasst. In der Hoffnung auf laschere Regeln setzte die Finanzindustrie auf den Sieg von Romney, denn seit die US-Regierung im Kampf gegen die Finanzkrise mit dem Dodd-Frank-Gesetzespaket die Branche härter an die Zügel nahm, ist Obama bei vielen Bankern in Ungnade gefallen.

"Obama wird die Regulierung weiter verschärfen, Unternehmen verteufeln, eine Menge Geld rauswerfen, Leute besteuern und so weiter", sagte Romney-Anhänger Richard Kovacevich, ehemals Chef der Bank Wells Fargo. Der Präsident wiederum machte keinen Hehl aus seiner Verachtung für die " fetten Katzen" unter den Banken, die "nichts kapierten".

Konsumentenschutz

Ein Dorn im Auge ist der Finanzindustrie auch die Volcker-Regel, die spekulativen Eigenhandel der Banken eindämmen soll. Der Gesetzgeber will außerdem Gebühren für Kartenzahlungen begrenzen und die Konsumenten bei Krediten besser schützen. Die Banken hoffen dagegen, die weltweit schärferen Eigenkapitalanforderungen in der Umsetzung noch abmildern zu können.

Mit dem angekündigten Rückzug von Finanzminister Timothy Geithner könnten die Karten in der Finanzmarktregulierung zudem neu gemischt werden. "Schneller als gedacht hat die Wirklichkeit uns wieder eingeholt" , fasst ein Börsianer die Stimmung am US-Parkett zusammen.

Der Dow Jones hat in der Folge im Tagesverlauf 1,80 Prozent abgegeben, der breiter gefasste S&P 500 verlor 1,50 Prozent, und die Technologiebörse Nasdaq rutschte ebenfalls ins Minus und verlor knapp 1, 90 Prozent.

Draghi sorgt für Nervosität

Für Nervosität der Anleger sorgten neben den drohenden US-Schuldenproblemen auch Aussagen von EZB-Chef Mario Draghi. Jüngste Daten deuteten darauf hin, dass die Ausläufer der Eurokrise nun auch die deutsche Wirtschaft erreicht hätten. Das zog auch die europäischen Börsen tief ins Minus. Das Eurobarometer Euro Stoxx 50 gab 1,50 Prozent ab.

Auch Gold und Silber konnten ihre deutlichen Gewinne nach dem Wahlsieg Obamas nicht halten. Auch der Ölpreis ist gesunken: Ein Barrel Öl der Sorte WTI verbilligte sich um mehr als drei Prozent, Brent um mehr als zwei Prozent. Der Euro kam ebenfalls unter Druck und notierte bei 1,2753 US-Dollar. (red, DER STANDARD, 8.11.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    An der Wall Street hat es keine Wahlparty gegeben. Die Finanzindustrie fürchtet sich davor, dass US-Präsident Barack Obama bei der Finanzregulierung noch härter durchgreifen wird.

Share if you care.