Von "time is money" zu "time is honey"

Rezension9. November 2012, 15:12
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In "Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine" erklärt Zeitforscher K. A. Geißler, warum das Leben so schnell ist wie noch nie und wie es entschleunigt werden kann

"Von niemand anderem, weder von unseren Vorgesetzten noch von lieben Freunden, lassen wir uns so bereitwillig sagen, was zu tun und was zu lassen sei, als von der Uhr": In seinem Buch "Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine" beschreibt der deutsche Zeitforscher Karlheinz A. Geißler, wie es zum "Diktat der Zeit über das Leben" kommen konnte und wie eine "neue Zeitkultur" gefunden werden kann.

Natur als Zeitgeber

Den weitaus größten Teil des Sachbuchs nimmt die Geschichte ein: In der "Vormoderne" war das gesamte Leben noch vom Rhythmus der Natur bestimmt, von Jahreszeiten, Sonnenstand und dem Lauf der Sterne. Wie das Wetter wurde auch die Zeit als unabänderliche Gegebenheit verstanden, über die nicht weiter nachgedacht wurde.

Das änderte sich, als um das Jahr 1300 die mechanische Uhr erfunden wurde, für Geißler "die wohl folgenreichste Innovation nach dem Rad". Unabhängig von den Zeitgebern der Natur, vor allem auch vom Wetter, erhob der Mensch auf einmal selbst Anspruch auf die Zeit. "Seitdem die Uhrzeit die Herrschaft über Zeit ausübt, fließt die Zeit nicht mehr. Sie tickt vielmehr und muss es über sich ergehen lassen, in immer kleinere Teile zerhackt zu werden", schreibt Geißler.

Beschleunigung von Arbeit und Leben

Mit Benjamin Franklins Dogma "Zeit ist Geld" 1758 und der Erfindung der Dampfmaschine 1769 wurde schließlich der Grundstein für die immer schneller werdende Arbeitswelt gelegt. Während aber bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts  noch eines nach dem anderen erledigt wurde, ortet Geißler seit einigen Jahren eine Gesellschaft von "Simultanten", die alles auf einmal machen, nichts davon aber so richtig.

Seitdem Medienkonsum und Kommunikation mittels Smartphones immer und überall möglich geworden sind, mehren sich die Klagen über Zeidruck immens. Dabei handle es sich allerdings nicht um einen "quantitativen", sondern einen „qualitativen Zeitmangel" - Zeit an sich gäbe es schließlich genug, nur eben nicht genug sinnvoll verbrachte, schreibt der Zeitforscher. Es handle sich um einen Irrtum, wenn wir glauben, dass wir unserer Zeitnot entfliehen können, wenn wir noch mehr aufs Gas steigen; im Gegenteil, dann wird unser Stress noch größer, so Geißler.

Wege aus der Zeitfalle

Das mit 22 Seiten etwas dünn ausgefallene Kapitel "Wege aus der Zeitfalle" soll Abhilfe schaffen: Wir sollten "enthetzen", auf überflüssiges Tempo verzichten und allen Geschehnissen und Dingen wieder, die jeweils angemessene Geschwindigkeit geben. Auch müssten wir unsere Prioritäten neu ordnen, bewusst Pausen einlegen und gezielt qualitativ hochwertige Zeit verbringen, betont Geißler.

Das ist wichtiger denn je, denn Geißler zufolge waren sowohl unsere Zeitfreiheiten als auch unsere Zeitzwänge noch nie so groß wie heute: "Im Netz der Zeit sind die Menschen immerzu beides zugleich, Spinne und Fliege, Täter und Opfer." Erst wenn wir uns aber wieder mehr auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrieren und nicht mehr besinnungslos von einem Termin zum nächsten hetzen, so können wir von der Einstellung "time is money" zur viel erfüllenderen Erkenntnis "time is honey" finden.

Neu sind diese Ratschläge freilich allesamt nicht; dennoch erscheint es wichtig, sich diese wieder in Erinnerung zu rufen. Inmitten der alltäglichen Hektik tut es immer wieder Not, das eigene Haushalten mit der Zeit zu überdenken und sich darauf zu besinnen, dass weniger oft mehr bedeutet. Geißlers Buch liefert zwar keine definitive Lösung für die Zeitproblematik, aber eine überaus lesenswerte Einführung in das Verhältnis von Mensch und Zeit, die zumindest zum Nachdenken anregt. 

Nicht zuletzt, so Geißler am Ende seines Buches, machen die Probleme mit Zeitmanagement und Pünktlichkeit auch Sinn: "Hätten die Menschen nämlich keine Probleme mehr mit der Uhrzeit, dann wären sie selbst zur Uhr geworden. Man wäre wie eine Maschine, ein toter Gegenstand." (Florian Bayer, derStandard.at, 9.11.2012)

Karlheinz A. Geißer (68) ist einer der bekanntesten Zeitforscher Deutschlands. Er arbeitete von 1975 bis 2006 als Professor für Wirtschaftspädagogik in München und ist Mitbegründer des Projekts "Ökologie der Zeit" und der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik.

Karlheinz A. Geißler
Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine
Wege in eine neue Zeitkultur
Oekom Verlag
251 Seiten, 19,95 Euro

  • Misst zwar nicht die Zeit, gibt aber den Takt an - das Metronom.

    Misst zwar nicht die Zeit, gibt aber den Takt an - das Metronom.

  • Karlheinz A. GeißlerAlles hat seine Zeit, nur ich hab keineWege in eine neue ZeitkulturOekom Verlag251 Seiten, 19,95 Euro
 
    foto: oekom verlag

    Karlheinz A. Geißler
    Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine
    Wege in eine neue Zeitkultur
    Oekom Verlag
    251 Seiten, 19,95 Euro

     

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