"In der Musik mehr als nur Noten sehen"

6. November 2012, 22:33
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Der Musikwissenschafter Reinhard Strohm, emeritierter Professor in Oxford, arbeitet derzeit an einem Projekt über die Musikkultur des Mittelalters - Mit dem Balzan-Preisträger 2012 sprach Daniel Ender

STANDARD: Sie arbeiten derzeit an einem vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Forschungsprojekt zum "Musikleben des Spätmittelalters in der Region Österreich" mit. Ist die Musikgeschichte dieser Zeit nicht bereits im Wesentlichen erforscht?

Strohm: Wir haben das Projekt an der Universität Wien - das die dortige Lehrstuhlinhaberin Birgit Lodes leitet - so angelegt, dass es über die allgemeine musikgeschichtliche Darstellung hinausgeht. Marc Lewon, der dritte Hauptmitarbeiter, einer meiner Doktoranden aus Oxford, ist Sänger und Lautenist und wird viel aus der musikalischen Praxis zur mittelalterlichen Liedkunst einbringen. Wir berühren aber auch das Gebiet der Kulturanthropologie, der Frömmigkeitsgeschichte sowie die soziale und wirtschaftliche Realität der damaligen Menschen.

STANDARD: Also die sogenannte "Lebenswelt"?

Strohm: Ja, das halte ich für einen wertvollen Begriff, obwohl er von der Blut-und-Boden-Seite schrecklich missbraucht wurde. Er steht für eine gewisse Universalität, dass man in der Musik mehr als nur die Noten sieht und von der reinen Philologie zu sozialhistorischen und institutionsgeschichtlichen Themenstellungen fortschreitet oder zur Frage, wie es zur Bildung eines bestimmten Repertoires gekommen ist.

STANDARD: Wie kann man sich diesen Prozess im Mittelalter vorstellen? Welche Musik wurde für so wichtig erachtet, dass man sie bewahren wollte?

Strohm: Vielfach war Musik nur für den Tag gedacht, oder sie entsprach nur der Tradition, wie der Kirchenchoral oder das Tanzlied. Es kommt aber im späten Mittelalter zu einer Veränderung des Zeitbewusstseins, das für die Musikpflege eine entscheidende Rolle spielt. Der Theoretiker Johannes Tinctoris meinte, Musik, die älter sei als 40 Jahre, könne man den Menschen nicht mehr zumuten. Gleichzeitig haben aber gebildete Kreise Lieder gesammelt, die 200 Jahre alt waren, etwa des Minnesängers Neidhart, der rund um Wien aktiv gewesen war.

STANDARD: Der Zeitraum, den Sie erforschen, reicht von 1340 bis 1520. Warum wurde er so eingegrenzt?

Strohm: Diese Zeitspanne reicht von Rudolf dem Stifter bis zu Maximilian I. In dieser Zeit gibt es zunehmend populäre Lieder, die auch in kunstvollen mehrstimmigen Kompositionen verwendet wurden. Daneben hat man viel Musik aus anderen Ländern gesammelt. Und um 1520 ist Wien wirklich zu einer musikalischen Weltstadt geworden. Wir behandeln auch Gebiete wie die habsburgischen Vorlande oder Slowenien und Böhmen sowie die Beziehungen zwischen Wien und anderen Städten wie Basel oder Bozen. Unser Projekt soll nicht nur nationalgeschichtlich sein, sondern europäisch. Und wir versuchen, die damalige Mentalität zu verstehen. Wir wollen nicht nur Dokumente erfassen, sondern von ihnen ausgehend zu den Menschen kommen.

STANDARD: Wie kann das funktionieren? Wie bringen Sie die einzelnen Quellen zum Sprechen?

Strohm: Wenn man nur Einzeldokumente betrachtet, etwa einen privaten Brief, kann man daraus unter Umständen nicht allzu viel erfahren. Das ändert sich, wenn Sie ihn mit ähnlichen Dokumenten vergleichen. Eine Seite aus zeitgenössischen Archivdokumenten sagt womöglich gar nichts aus, 100 Seiten schon - wenn zum Beispiel jemand jahrelang bezahlt wird und dann plötzlich nicht mehr. Aus Bozen haben wir ein Schriftstück, in dem genau festgelegt wird, welche Aufgabe die Kirche gegenüber der Stadt zu erfüllen hat, was ihre Chöre singen müssen und wann.

STANDARD: In welcher Form werden Sie die Forschungsergebnisse Ende 2013 präsentieren?

Strohm: Das Projekt wird es auch als Buch geben. Es ist aber vor allem für das Internet gedacht. Daher ist es kein Katalog, sondern eine historisch erzählende Darstellung aus vielen kleinen Kapiteln mit Dokumenten, Bildern und Musikbeispielen. Wir sind gerade dabei, mit vier Ensembles eigens Einspielungen vorzubereiten und diese mit existierenden Aufnahmen zu vernetzen. Am Ende wird es so etwa 60 Hörbeispiele geben.

STANDARD: Vernetzung ist auch das Stichwort, wenn es um den Balzan-Preis geht, der Ihnen für Ihre "weitreichenden Forschungen zur europäischen Musikgeschichte und deren Einbettung in die kultur- und sozialhistorische Entwicklung vom ausgehenden Mittelalter bis in die Jetztzeit" verliehen wurde. Die Hälfte des Preisgeldes geht dabei immer an Nachwuchsforscher. Für welche Art der Forschung haben Sie sich hier entschieden?

Strohm: Die Balzan-Stiftung vergibt ja auch einen Preis für Völkerverständigung, und ich bin überzeugt, dass der Blick der Geisteswissenschaften über Europa hinausreichen muss. Deshalb wird es eine Reihe von Research Lectureships aus verschiedensten Institutionen geben. Wir haben nicht die ganze Musikgeschichte, wenn sie sich nur auf Europa bezieht. Man kann natürlich nicht alles machen, aber merkwürdig ist es schon, dass man Afrika, Asien oder das alte Amerika nicht als Teil der Musikgeschichte erfasst.

STANDARD: Das mag damit zu tun haben, dass außereuropäische Kulturen - auch in der Ethnomusikologie - lange Zeit als "geschichtslos" gegolten haben.

Strohm: Natürlich, das hat mit der Schriftlosigkeit vieler Kulturen zu tun. Aber in China gibt es eine geschriebene Geschichte und in Ländern wie Simbabwe ein kulturelles Gedächtnis, das 200 Jahre zurückreicht. Und seit den Entdeckungen gab es einen enormen Austausch zwischen dem Abendland und anderen Kulturen, etwa durch Jesuitenmissionen.

STANDARD: Sie haben auch in Oxford eine Stelle für Ethnomusikologie eingerichtet.

Strohm: Ja, die habe ich gegen einige Widerstände durchgesetzt. Ich bin ein neugieriger Mensch, und ich habe von außereuropäischer Geschichte immer viel mehr gelernt, als ich mir gedacht hätte. Auch deshalb möchte ich Wind machen für solche Forschungen. Und dafür ist der Balzan-Preis eine gute Gelegenheit. (Daniel Ender, DER STANDARD, 07.11.2012)


Reinhard Strohm, geboren 1942 in München, ist emeritierter Professor in Oxford, Mitglied der British Academy und korrespondierendes Mitglied der American Musicological Society. Am 14. 11. wird ihm in Rom der mit 750. 000 Schweizer Franken (ca. 620.000 Euro) dotierte Balzan-Preis verliehen.

  • "Wir haben nicht die ganze Musikgeschichte, wenn sie sich nur auf Europa 
bezieht." Reinhard Strohm plädiert für die Einbeziehung anderer Kulturen in die 
Geisteswissenschaften.
    foto: standard/christian fischer

    "Wir haben nicht die ganze Musikgeschichte, wenn sie sich nur auf Europa bezieht." Reinhard Strohm plädiert für die Einbeziehung anderer Kulturen in die Geisteswissenschaften.

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