Der Wähler, das politische Tier

6. November 2012, 21:35
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Wissenschaftler erklären, weshalb Konservative die Welt mit anderen Augen sehen - und warum die Politik in den Genen steckt

Aristoteles wusste es schon vor 2000 Jahren. Der Mensch sei "von Natur aus ein politisches Tier", schrieb der griechische Philosoph in seiner "Politik". Es ist das Lieblingszitat einer kleinen Gruppe von Wissenschaftern, die zurzeit die Erforschung der Politik umkrempeln. Sie untersuchen, wie die Gene eines Menschen seine politischen Überzeugungen beeinflussen.

Bereits 1986 veröffentlichten Nicholas Martin, Lindon Eaves und Hans Eysenck im Fachblatt "PNAS" eine klassische Zwillingsstudie. Dabei machten sie sich zunutze, dass eineiige und zweieiige Zwillinge zwar dasselbe Elternhaus und Umfeld haben, aber nur eineiige Zwillinge auch ihr gesamtes Erbgut teilen. Ähneln sich eineiige Zwillinge in einer bestimmten Eigenschaft im Schnitt mehr als zweieiige, so liegt das also an den Genen. Aus den Unterschieden der beiden Zwillingsgruppen in einer bestimmten Eigenschaft lässt sich errechnen, wie stark der Einfluss der Gene darauf ist.

Ergebnis als Tabubruch

Die Eigenschaft, die Martin und Kollegen an 4600 Zwillingspaaren aus Australien und Großbritannien untersuchten, war ihre politische Überzeugung, also etwa ihre Einstellungen zu Todesstrafe und Abtreibung, Gewerkschaften und Einwanderung. Im angelsächsischen Raum werden diese Einstellungen meist auf einer Skala liberal/konservativ verortet, was hierzulande in etwa links/rechts entspricht. Das Ergebnis der Forscher war ein Tabubruch: Die Unterschiede in den politischen Ansichten seien etwa zur Hälfte auf die Gene zurückzuführen.

Doch die Schlussfolgerung verhallte ungehört. "Vielleicht waren die Leute einfach nicht bereit", sagt der Politikwissenschafter John Hibbing von der Universität Nebraska. 2005 veröffentlichte er gemeinsam mit Kollegen eine Studie, die die gleichen Zusammenhänge zwischen Genetik und Politik zeigte. Dieses Mal gab es ein Echo, wenn auch kein freundliches. "Die meisten Politikwissenschafter fanden die Behauptung, Genetik könnte bei der politischen Orientierung eine Rolle spielen absurd und sogar gefährlich", sagt Hibbing. "Viele von uns glauben gerne, dass unsere politischen Überzeugungen rational sind und durch sorgsames Abwägen von Argumenten entstehen. In Wirklichkeit rationalisieren wir sie nur hinterher."

In seinem neuen Buch "The Righteous Mind. Why Good People Are Divided by Politics and Religion" vergleicht der Psychologe Jonathan Haidt die Rolle unseres Verstands mit der eines Regierungssprechers. "Egal, wie schlecht ein Gesetzentwurf ist, der Regierungssprecher wird einen Weg finden, ihn zu loben oder zu verteidigen. Manchmal wird es eine peinliche Pause geben, während der Regierungssprecher die richtigen Worte sucht, aber was Sie niemals hören werden ist: 'Hey, das stimmt. Vielleicht sollten wir das Gesetz noch einmal überdenken.'"

Tatsächlich sind inzwischen zahlreiche Studien in Australien, Dänemark, Schweden und anderen Ländern zu ähnlichen Ergebnissen wie Hibbing gekommen. Zuletzt erschien im September eine Analyse der Forscher Pete Hatemi und Rose McDermott in "Nature Reviews Genetics". Darin haben die Forscher alle Zwillingsstudien zwischen 1974 und 2012 zusammengefasst. Für die meisten politischen Themen fanden die Wissenschafter einen großen genetischen Anteil. Eine Ausnahme bildet interessanterweise die Parteizugehörigkeit. Sie wurde vor allem in den USA untersucht - und ob jemand Demokrat oder Republikaner wird, hängt offenbar in erster Linie davon ab, ob seine Eltern Demokraten oder Republikaner waren.

Dopamin macht liberal

Ohnedies behauptet kein Forscher, dass es ein Gen für Konservatismus oder Sozialdemokratie gibt. Vermutlich haben hunderte oder tausende Gene einen Einfluss auf unsere politischen Überzeugungen. Und diese Gene geben dem Individuum lediglich eine Prädisposition mit, die ein wenig beeinflusst, wie der Mensch die Welt sieht, wie er auf sie reagiert. Der Rest passiert ganz von allein.

So sind zum Beispiel Menschen, die eine bestimmte Variante des Dopaminrezeptors D4 tragen und viele Freunde haben, liberaler als der Durchschnitt. Menschen, die diese Genvariante tragen - das ist aus anderen Untersuchungen bekannt -, suchen häufiger nach neuen Erfahrungen. Zusammen mit einem großen sozialen Umfeld könnte das dazu führen, dass sie mehr verschiedene Erfahrungen machen, und das könnte dazu führen, dass sie liberale Überzeugungen entwickeln.

Aber warum sollten Gene, die sich über Jahrmillionen verändert haben, um den Menschen an seine Umwelt anzupassen, überhaupt einen Einfluss auf politische Überzeugungen haben? Schließlich hat die Evolution unser Erbgut geformt, um das Überleben unserer Jäger-Sammler-Vorfahren zu erhöhen. Und die hatten mit anderen Problemen zu kämpfen als mit Steuern und Wahlen. Was hat die Biologie mit der Ideologie zu tun?

Sehr viel, sagen Psychologen. Denn im Kern geht es bei vielen politischen Fragen unserer Zeit um dieselben Themen, mit denen schon unsere Vorfahren sich beschäftigen mussten: Fortpflanzung, Verteidigung, Kooperation, Überleben. So berührt Einwanderungspolitik die uralte Frage, wen wir als Teil unserer Gruppe akzeptieren, Sozialsysteme werfen die Frage auf, wie Ressourcen am besten aufgeteilt werden, und Außenpolitik beschäftigt sich maßgeblich mit dem Schutz der eigenen Gruppe gegen andere Gruppen.

Fünf Primärfarben der Moral

Jonathan Haidt hat fünf moralische Fundamente ausgemacht, auf denen Werturteile des Menschen fußen: Fürsorge, Fairness, Loyalität, Autorität und Reinheit. Für jedes dieser Module sieht Haidt gute evolutionäre Gründe. So habe die Evolution Menschen begünstigt, die der Anblick eines leidenden Kindes berührt und zum Handeln animiert (Fürsorge). Ein Gerechtigkeitsempfinden sei wichtig gewesen, um in einer Gemeinschaft nicht über den Tisch gezogen zu werden (Fairness), und Ekel habe Menschen davor geschützt, sich mit einer Krankheit anzustecken (Reinheit).

Für Haidt sind die fünf Kategorien so etwas wie die Primärfarben unserer Moral. Aus ihnen lassen sich die verschiedensten Charaktere mischen - und offenbar ist genau das bei Liberalen und Konservativen der Fall. Während Liberale ihre politischen Überzeugungen vor allem aus Fairness und Fürsorge ableiten, werten Konservative alle fünf Module etwa gleich stark.

Viele Studien, auch aus der Hirnforschung, bestätigen inzwischen, dass Konservative und Liberale die Welt mit unterschiedlichen Augen sehen. Doch die Ergebnisse gelten nicht für alle Wähler. "In der Mitte des politischen Spektrums gibt es viele Menschen mit sich widersprechenden Prädispositionen, wie die Wechselwähler, die für die eine oder andere Seite gewonnen werden können", betont Hibbing.

Und dann gibt es noch die Nichtwähler. Der US-amerikanische Forscher John Dawes hat die Daten eines Zwillingsregisters in Kalifornien mit den Wahldaten von Los Angeles verglichen. Auch hier zeigten sich starke Unterschiede zwischen eineiigen und zweieiigen Zwillingen. Ob wir überhaupt wählen gehen, hänge zu 60 Prozent von unseren Genen ab, folgerte Dawes.

Studien in anderen Ländern haben Menschen untersucht, die an Demonstrationen teilnehmen oder an ihren Abgeordneten schreiben, und sind zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Mancher Mensch ist offenbar von Natur aus kein politisches Tier. (Kai Kupferschmidt, DER STANDARD, 7.11.2012)

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    Wie die Entscheidung in der Wahlkabine ausfällt, lässt sich auch auf die Gene zurückführen. Die haben mehr Einfluss auf die politische Überzeugung als vermutet.

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