Überall, wo ich jemals war

6. November 2012, 21:24
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Durch GPS und Digitalisierung orientiert sich die zeitgenössische Kartografie neu und erlebt derzeit einen Boom

"Everywhere I've been" - das Mapping des Alltags ist das neue Tagebuchschreiben. Aaron Parecki zeichnete dreieinhalb Jahre lang mittels zweieinhalb Millionen GPS-Punkten minutiös seine Wege auf. Das Ergebnis sind schwarze Karten durchzogen von bunten Fäden - Röntgenbilder einer Stadt. Parecki ist Mitbegründer der Plattform Geoloqi, die Apps mit Raum-Information füttert und personalisierte Karten für das Mobiltelefon möglich macht.

Diese neuen Technologien führen die Kartografie auf neue Pfade. Die großen Trends fasst Georg Gartner mit den Stichworten "real-time, ubiquitär, medienadäquat und personalisiert" zusammen. Es geht um Karten, die sich in Echtzeit an Nutzer und Situation anpassen, per Handy überall benutzbar und leicht lesbar sind, sagt der Leiter der Forschungsgruppe Kartografie der Technischen Universität (TU) Wien.

Die kartografische Darstellung von Wissen erfährt in der aktuellen Forschungslandschaft einen enormen Boom. Nicht mehr nur politische, demografische oder soziologische Daten werden über die Erdoberfläche gelegt, immer mehr künstlerische, kulturelle und emotionale Infos werden " gemapt". So zeichnet etwa das Projekt Viennavigator an der Komparatistik der Uni Wien an einem literarischen Plan der Hauptstadt.

Das TU-Projekt EmoMap will "emotionale Raumwahrnehmung" visualisieren - Orte können mittels einer App als besonders angenehm oder unangenehm markiert werden. "Die Funktion der Karte als Metapher nimmt sehr stark zu", sagt Gartner zum Mapping von Informationen, die auf den ersten Blick nicht notwendig räumlich sind. Aber eben nur auf den ersten Blick: " Beinahe alle Daten, die wir sammeln, haben Raumbezug. Wir können uns Dinge immer nur visuell vorstellen", sagt Wolfgang Kainz, Professor für Kartografie und Geoinformation an der Uni Wien.

Wir alle sind Kartografen

Auch Kainz sieht einen Boom der Geoinformationssysteme in den letzten 20 Jahren. Ein großer Schwerpunkt sei "Volunteered Geographic Information". Es beruht auf dem Prinzip des "Crowd-sourcing": Viele Menschen spenden geografische Informationen und generieren daraus eine Karte. Der größte Plan, der derzeit so entsteht, ist OpenStreetMap. Jeder, der ein GPS-fähiges Gerät hat, kann die digitale Weltkarte mit Information füttern.

Die partizipative Kartografie "hebt die Trennung zwischen Kartenproduzent und Nutzer auf", sagt Gartner. Sie sei eine große Herausforderungen für die Disziplin. Ihre Rolle gehe weg von der Produktion und hin zur Qualitätssicherung und Kontrolle, sagt Kainz. " Wir alle sind Kartografen" sei das neue Prinzip, erklärt auch Norbert Bartelme, Leiter des Institutes für Geoinformation an der TU Graz. Was die "klassische" Kartografie beisteuern müsse, sei die "Kunst des Weglassens", das Setzen von Prioritäten. Denn eine Karte kann immer nur Modell eines Teiles der Welt sein und muss die vorliegenden Informationen filtern, um lesbar zu sein.

Ein Trend sei auch "Open Government Data", sagt Kainz. Auch die Behörden machen zunehmend offizielle Geodaten zugänglich. "Die Stadt Wien ist hier Vorreiter", sagt Kainz. Die Basiskarte der Hauptstadt hat freie Rechte.

Diese Entwicklungen rufen natürlich eine Neuverhandlung von Datenschutz und Privatsphäre auf den Plan. Sie verändern außerdem nicht allein die wissenschaftliche Praxis, sondern auch die räumliche Wahrnehmung ganz allgemein, sagt Bartelme. "Das herkömmliche Verständnis, dass Norden oben ist, hast sich geändert. Heute ist Norden vorne." Man dreht nicht mehr die rechteckige Karte, sondern folgt dem blauen Punkt am Display.

"Man kann nicht einfach eine gewöhnliche Karte scannen, man muss sie neu denken", erklärt Bartelme bezogen auf die Digitalisierung. Das Kernwort ist hier "räumliche Modellierung", sagt Kainz. Wenn es etwa um dreidimensionale Stadtmodelle geht, die auch zeigen, wie es in den Gebäuden aussieht, müsse die Navigation gut überlegt sein - eine weitere Verantwortung der zeitgenössischen Kartografie.

Dass diese nicht obsolet ist, zeigt nicht nur der Trend zum Kartenzeichnen, sondern ein uraltes Grundbedürfnis der Verortung, ist Bartelme überzeugt. "Der Mensch will sich ständig an irgendwelchen Punkten festkrallen." Auch Gartner betont, Karten seien die "perfekten Strukturierungs- und Ordnungssysteme für Information". Und schlichtweg: Viele Menschen mögen Karten und lesen diese gerne. Und das schon vor der Zeit von Google Maps.

Auch Aaron Parecki interessierte sich schon früh für das Nachzeichnen seiner Wege. Bevor ihm GPS und digitale Karten zu Verfügung standen, verortete er sich durch genauestens und liebevoll geführte Tabellen aus Ankunfts- und Abfahrtszeiten. (grill, DER STANDARD, 07.11.2012)

  • Auch Emotionen können kartografiert werden. GPS und digitale Pläne in Echtzeit 
machen die Maßanfertigung möglich und stellen die Forschung auf neue Beine.
    foto: "i am here"

    Auch Emotionen können kartografiert werden. GPS und digitale Pläne in Echtzeit machen die Maßanfertigung möglich und stellen die Forschung auf neue Beine.

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