Skiindustrie will die weißen Hänge rocken

6. November 2012, 18:54
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Drehfreudige Brettln mit aufgebogenen Spitzen und Enden als neue Hoffnung

Kaprun - Carven war gestern, Snowboarden vorgestern. Jetzt heißt es rocken. Entlang oder abseits der Pisten - fast alles ist mit dem Gerät möglich. Die neue Hoffnung der Skiindustrie, die in ihrer wechselvollen Geschichte schon deutlich bessere Zeiten gesehen hat, heißt Rocker-Ski. Der Trend kommt aus den USA und hat seine Wurzeln in der dortigen Freeride-Szene. Die hippsten Boys und Girls waren schon vor Jahren mit selbstgebastelten Brettern auf den Hängen unterwegs, vorn aufgebogen, hinten aufgebogen und dazwischen eine relativ breite Standfläche - eine abgeschlankte und in die Länge gezogene Version von Snowboard, allerdings mit Alpinbindung.

Industriell gefertigte, stylish designte und unterschiedlich stark gebogene Skier sollen nun vermehrt auch jene Bevölkerungsschichten für den alpinen Skisport begeistern, die bisher eher abseits gestanden sind. Erstens, weil sich der Rocker leicht fahren lässt, dabei auch Fehler verzeiht und der Umgang in überschaubarer Zeit erlernbar ist. Zweitens, weil man hofft, dem Skisport samt vor- und nachgelagerter Industrie dadurch eine Tür in die Zukunft aufstoßen zu können.

"Die gesamte Skiindustrie hat schwierige Jahre hinter sich. Nun sehen wir auf tieferem Niveau endlich wieder Wachstumsmöglichkeiten", sagte Head-Wintersportchef Klaus Hotter am Rande einer Veranstaltung der Allianz Zukunft Winter dem Standard.

2005/06 war der letzte wirklich gute Winter für die Branche, verkaufsmäßig und finanziell. Nach einem dramatischen Schrumpfungsprozess beschäftigt das verbliebene Quartett Atomic, Head, Fischer und Blizzard an einer Handvoll Standorten in Österreich noch 2300 Mitarbeiter. Jeder der Markenhersteller hat zumindest noch einen Außenposten im Osten Europas. Samt vor- und nachgelagerter Industrie sind es 7000 Jobs, die in Österreich mit Skifertigung zusammenhängen.

Standbein Osteuropa

"Ohne Standbein in Osteuropa wäre es wirtschaftlich sehr eng", sagte Wolfgang Mayerhofer, Chef des zum finnischen Amer-Konzerns gehörenden Skiherstellers Atomic. Laut Eigenangaben ist jedes dritte auf der Welt verkaufte Paar Ski eines aus dem Hause Amer. Neben Atomic gehören auch die Marken Salomon, Volant und Dynamic zum Haus.

Der Carver war die letzte große Innovation der Branche, liegt inzwischen aber auch schon gute zehn Jahre zurück. Der Weltmarkt an Alpinskiern hat sich inzwischen um rund zwei Drittel auf etwa 3,1 Millionen Paar pro Jahr reduziert. Das hat damit zu tun, dass die Zahl der Skifahrer weltweit schrumpft und dass andererseits bei vielen Skifahrern Convenience immer wichtiger wird: Statt sich eigene Ski zuzulegen, greifen von Saison zu Saison mehr Wintersportler auf Leihski zurück.

Die größte Sorge bereitet Industrie, Bergbahnen und Tourismusverbänden das zunehmende Desinteresse an sportlicher Aktivität im Allgemeinen und am Skisport im Besonderen. Mit der 1995 erfolgten Aufhebung der verpflichtenden Schulskikurswoche in Österreich seien zigtausende potenzielle Skifahrer für den Skisport verlorengegangen.

Mit der Allianz Zukunft Winter, einem Zusammenschluss am Wintersport interessierter Sparten und Interessenvertretungen, wird versucht gegenzusteuern. Eine der daraus entstandenen Initiativen richtet sich an Anfänger und heißt "In drei Tagen skifahren". Mir der Aktion "In drei Tagen besser skifahren" will man hingegen Personen wieder zum Skifahren bringen, die aus irgendeinem Grund damit aufgehört haben. (Günther Strobl, DER STANDARD, 7.11.2012)

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