Flüchtlingskinder mit Laufzettel verschickt

6. November 2012, 18:52
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Die Odyssee von zwei Buben aus Afghanistan zwischen Traiskirchen und Bregenz ruft Kinder- und Jugendanwälte auf den Plan: Österreich müsse endlich die Kinderrechte bei Betreuung und Asylverfahren beachten.

Bregenz/Wien - Ein Kleintransporter, zwei Kinder, ein Laufzettel. Wie ein Paket wurden Dadoun (10) und Ajmal (12), Flüchtlingskinder aus Afghanistan, im Kinderdorf Vorarlberg abgegeben. Am 24. Oktober um zwei Uhr nachts lieferte man die Brüder von Traiskirchen nach Bregenz. Unbegleitet und unvorbereitet.

"Man hat die Kinder ohne Rücksichtnahme auf freundschaftliche oder familiäre Beziehungen aus der Community in Traiskirchen herausgerissen", kritisiert Kinderdorfleiter Christoph Hackspiel. Weder die Kinder noch die Institutionen in Vorarlberg konnten sich auf den Wechsel vorbereiten, sagt der Psychologe. "Gefragt, ob sie das wollen, hat man die Kinder schon gar nicht."

Zehnjähriger ist unauffindbar

Das Kinderdorf fand eine engagierte und erfahrene Krisenpflegefamilie. Die Buben wollten aber zurück nach Traiskirchen, "ihnen hat das kulturelle Umfeld gefehlt" (Hackspiel). Sie rissen aus, landeten einen Tag später in Traiskirchen. Der ältere Bub wurde abermals nach Vorarlberg gebracht. Er ist seit Dienstag in einer Caritas-Wohngruppe für minderjährige Flüchtlinge im Montafon. Hackspiel: "Dort sind auch Jugendliche aus Afghanistan. Für die Geschwister wäre es aber wichtig, dass sie zusammenbleiben dürfen. Dafür sollten sich die Politiker jetzt einsetzen."

Der Zehnjährige widersetzte sich dem zweiten Transport, indem er sich versteckte. Innenministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck bestätigt die gescheiterte Verschickung nach Vorarlberg. Der Zehnjährige sei unauffindbar. Die Verlegung von Unmündigen in Länderbetreuung finde auf Initiative der Länder statt, ein Vorbereitungsprozedere für die Kinder gebe es nicht, räumt Grundböck ein.

Wider die Kinderrechte

Das Schicksal der beiden Buben mache die Unzulänglichkeiten österreichischer Flüchtlingspolitik deutlich, sagte Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch: "Erstaufnahme und Betreuung von Kindern und Jugendlichen sind alles andere als kindergerecht. Man kann sie doch nicht einfach in dieses Traiskirchen stecken und dann von A nach B schicken."

In einem sechs Punkte umfassenden Papier fordern die Jugendanwaltschaften aller Bundesländer bessere Betreuung und Aufnahmebedingungen, rasche Verfahren, Schul- und Ausbildungsplätze. 600 Jugendliche monatelang in einem Massenlager unterzubringen sei ein Skandal. "Für diese rund 600 geflüchteten jungen Menschen keine geeigneten Betreuungseinrichtungsformen zu finden ist eine Verhöhnung der UN-Kinderrechtskonvention", sagt Rauch.

Polizeieinsatz wegen Abendessen

Am Sonntag zeigte sich erneut die Überforderung der Zuständigen in Traiskirchen. Ein Tumult von rund 100 Untergebrachten führte zu einem Polizeieinsatz. Auslöser war das Abendessen. Es gab Seafood-Paella, Afghanen protestierten gegen diese ihnen unbekannte, als Beleidigung aufgefasste Nahrung. Zwei "besonders laute" Jugendliche, 15 und 16 Jahre alt, wurden daraufhin nach Bad Vöslau verlegt. Betroffene sprechen von Hungerstreik.

Derzeit kommen mehr Asylwerber neu nach Traiskirchen, als in die Länder verlegt werden können, aktuell leben 1499 Menschen dort. Falls die Länder bis Ende November nicht genug Plätze finden, sollen in den Bundesländern Container auf Liegenschaften des Bundes aufgestellt werden. Über die Baubewilligung entscheiden dann die Bürgermeister. (Jutta Berger/Irene Brickner, DER STANDARD, 7.11.2012)

  • Das Traiskirchener Lager während einer Feuerwehrübung. So leer sind die Gebäude derzeit aber nicht, rund 1000 Flüchtlinge, darunter 600 Minderjährige, warten auf Verlegung.
    foto: robert newald

    Das Traiskirchener Lager während einer Feuerwehrübung. So leer sind die Gebäude derzeit aber nicht, rund 1000 Flüchtlinge, darunter 600 Minderjährige, warten auf Verlegung.

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