580 Seiten Sparkatalog für die Griechen

Markus Bernath aus Athen
6. November 2012, 18:41

Weiteres Sparpaket: Zur Mehrheit im Athener Parlament wird es laut GSEE-Chefökonom reichen, für den Weg aus der Krise nicht

Er ist der Mann mit den schlechten Zahlen, und jetzt kommt er gerade aus dem Morgenfernsehen von Mega TV. "Das muss man den Leuten ja einmal erklären", sagt er grimmig: "Pensionskürzungen, Gehaltskürzungen, das Ende der Tarifverhandlungen". 580 Seiten lang ist der jüngste Sparkatalog der griechischen Regierung, rund 150 Sparmaßnahmen haben die Kreditgeber dieses Mal den Griechen aufgezwungen. "Verhandlungen gab es nicht, wir stehen unter internationaler Kontrolle", stellt Savas Robolis fest, der Wirtschaftsprofessor und Chef des gewerkschaftseigenen " Instituts der Arbeit".

Robolis sagte vor drei Jahren schon die 25 Prozent Arbeitslosigkeit voraus und ist dafür als verantwortungsloser Schwarzmaler kritisiert worden. 2013 geht die Talfahrt der Griechen nur weiter, da ist er sich sicher. Es werden 29 Prozent Arbeitslose, und die reale Arbeitslosigkeit mit all den Unter- und Minimalbeschäftigten werde dann bei 35 Prozent liegen, glaubt der Professor. Unerhörte Zahlen in Europa. "Man muss das einmal in eine historische Perspektive setzen. 30 Prozent Arbeitslosigkeit war die Zahl der Großen Depression in den USA 1929", sagt Robolis im Gespräch mit dem Standard. Das ganze Sparpaket, das Griechenlands Abgeordnete am heutigen Mittwoch annehmen soll, ist nur wieder sinnloses Stückwerk, versichert Robolis: "Nach sechs Monaten wird die Regierung wieder kommen und weitere Sparmaßnahmen vorlegen."

Minus in der Kasse

Denn was die Sozialkassen im Land durch die fortgesetzten Pensionskürzungen einsparen, verlieren sie an Beitragszahlungen durch arbeitslos gewordene Griechen; die müssen sie wiederum mit Arbeitslosengeld unterstützen. Robolis hat auch für das Kassenminus eine Zahl: sechs Milliarden Euro im nächsten Jahr.

Draußen auf der Patission, der Straße vor dem Polytechnikum von Athen, stimmen sich die Demonstranten ein. "Listes, listes, Kapitalistes!", rufen sie, "Räuber, Räuber, Kapitalisten". Es ist wieder Generalstreik. Die Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes und Dachgewerkschaft der Privatwirtschaft GSEE, der auch das Institut von Savas Robolis angehört, haben gleich für zwei Tage zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen.

Neben den Pensionsbeziehern verlieren auch Beamte an Universitäten, der Justiz, Armee und der Polizei erneut beim Gehalt. Robolis nennt seinen eigenen Fall: Der Uni-Professor verdiente vor der Krise 3200 Euro im Monat nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge. Nach verschiedenen Sparrunden fiel er auf 2200 Euro herunter; jetzt nimmt ihm der Staat nochmals 20 Prozent. Macht unter 1800 Euro nach 40 Berufsjahren, schätzt der Ökonom.

"Die Griechen sind einmal mehr enttäuscht. Die Politiker können nichts ändern, so heißt es jetzt", sagt Gerassimos Moschonas. Der Politikwissenschaftler und Kenner der linken Parteien ist fassungslos. Die Troika der Kreditgeber habe der Regierung von Antonis Samaras nicht das geringste Zugeständnis gemacht. "Sie destabilisieren die Regierung. Ein kleines Geschenk nur hätte die Demokratische Linke in der Koalition gehalten", glaubt Moschonas. Die kleine pro-europäische Partei wird sich bei der Abstimmung über das Sparpaket am Mittwoch um Mitternacht enthalten und dazu noch einige Abgeordnete der ebenfalls mitregierenden Pasok mit sich ziehen. Die Dreier-Koalition, die antrat, um Griechenland in der Eurozone zu halten, ist auf 157 oder 153 Sitze herunter, so wird in Athen geschätzt. Nur zwei bis sechs Sitze über der Mehrheit. (Markus Bernath aus Athen, DER STANDARD, 7.11.2012)

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Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Ein Test inwieweit man die Masse "ausnehmen" kann, auf Kosten ein paar weniger.

Ein Pilotprojekt für die EU - das wird uns ziemlich sicher allen so gehen, wenn nicht aus irgendeinem Grund ein radikaler Umbruch passiert - hoffentlich ein friedlicher.

Was mich wundert

"Draußen auf der Patission, der Straße vor dem Polytechnikum von Athen..."

Was für ein Glück für die Reichen in und um Athen, daß der Mob sich noch nicht auf ihre Häuser, Villen, Yachten, Autos, Geschäfte etc. fokusiert....

Wenn das mal die Runde macht, dann wird es ungemütlich für die Reichen....

Welcher "Mob"?

Der MOB geht gegen Ausländer los und das ist derselbe Mob, der den Reichen die Yacht bewacht und ihren Dünnschiss gurgelt.

ich fürchte die griechen zeigen unsere zukunft

in ein paar jahren gehts uns genauso

Griechische Tragödie...

Man kann das Theater um die griechische Wirtschaft bald nicht mehr nachvollziehen.

Es werden im Quartalszeiträumen immer wieder neue Sparpakete verabschiedet, die die Menschen verunsichern und Ihnen keine Zukunftsperspektive geben.

Gleichzeitig wird aber nur eine marginaler Teil der
Sparpakete umgesetzt. Ist bis heute ein größeres
griechisches Staatsunternehmen mehrheitlich privatisiert worden? Natürlich nicht. Nunmehr wird auf dem Rücken aller gespart, obwohl jeder weiss, dass die reichen Griechen defacto keine Steuern zahlen, weil die griechische Finanzverwaltung hochgradig unfähig und bestechlich ist. Ich kenne etliche Beispiele dazu, die nicht in den Medien stehen. Wer sagt denen endlich, dass sie bankrott sind und handelt danach?

Wenn man, wie ich, seit Monaten die GR-Kommentare der Poster liest, darf man zum Glück einen Gedankenwandel der Schreiber feststellen:

viele Poster schreiben über die Menschen Griechenlands, verstehen die Probleme, bedenken die europäische und außereuropäische Politik.

Aber natürlich gibt es immer noch die Wiederkäuer der Sünden der Vergangenheit und der besserwisserischen Oberflächlichkeit.

Bleibt zu hoffen, dass letztere Gruppe kleiner wird....

"Dass wir aus dieser Krise heil herauskommen, kann Ihnen nur ein Scharlatan verkaufen"

Deutscher Vermögensverwaltungsexperte Martin Mack spricht über die Systemkrise, Alternativen zum "Rettungs-Sozialismus" und warum uns Schlimmeres als Lehman droht.

http://goo.gl/UF31g

Auf welcher Seite....

..steht was über die Reeder?

re:

vergiss die reeder! die interessiert das nicht, die sind bereits in london oder haben ihre firmen an der nasdaq gelistet. in der heutigen zeit kann man eine reederei auch aus den schweizer bergen führen. so traurig es ist, von den reedern ist nix zu holen, ob man will oder nicht.

Mag sein...

3200 Netto ist aber auch nicht schlecht !!!

als uniprof im europ. Vergleich ist das eher ein (unter)durchschnittlicher wert. beeindruckt mich jetzt weniger. aber klar, absolut gesehen sind 3200 euro schon viel geld. mein kommentar bezieht sich nur auf die relation zu ähnlichen stellen in anderen unis.

1000 seiten würden nicht reichen,

um die inkompetenz der eu zu beschreiben.

Ein kleines Geschenk nur hätte die Demokratische Linke

in der Koalition gehalten... Wie viele Geschenke will Griechenland noch, bisher sind es doch schon weit über 100 Milliarden Euro?

Unschön an manchen Leserkommentaren zu sehen, wie sehr die billige Propaganda von den angeblich faulen und nicht wirtschaften könnenden Griechen verfangen hat. Lieber beten viele diesen oberflächlichen Unsinn nach, als zu bemerken, dass Griechenland nichts anderes als ein Versuchslabor ist, nur halt mit richtigen Menschen als Laborratten, in dem ausgetestet wird, wie weit das Kapital den Bogen spannen kann, bevor es zur Revolution oder zu einer faschistischen Machtergreifung kommt.

das spiel mit den medial aufgebauten feindbildern und sündenböcken ist ein altbekanntes - das hat vor 80 jahren auch hervorragend funktioniert, und nachdem wir offenbar ressistent dagegen sind, aus der geschichte zu lernen, scheinen wir gezwungen selbige permanent zu wiederholen - es ist immer leichter einen sündenbock auf die bühne zu zerren, als das versagen jenes sytems zuzugeben, dem man dient, von dem man profitiert und das man zu schützen versucht.

also werden die "fremdgedachten" weiterhin in standard und krone schmökern, dem orf und den politclowns ergriffen lauschen, und leicht berechenbar die dort verbreiteten lügen aufsaugen und verinnerlichen.....

ja,

so sind die. Selbstständiges Denken bei manchen nicht möglich. Glauben alles was die Massenmedien ihnen vorbeten.

Was beim Glauben das Höchste ist, wissen wir ja. :)

Heute zieht man es bei den Griechen durch, was sie bei uns in 20 Jahren machen werden.

eher,

innerhalb der nächsten 5 Jahre. Soviel ist sicher.

Wir sind genauso Pleite wie die Griechen, der Unterschied wir haben ein besseres Rating und können daher noch ein paar Papierln absetzen.

http://www.hartgeld.com/media/pdf... get-AT.pdf

Igendwann wird's zuviel des Sparens, und dann kann das Pulverfass explodieren... hoffen wir, dass es nicht so weit kommt.

..... und wir nicht mehr die gleiche Wärung haben

da hoffst du leider umsonst. denn ich bermerke nicht wirklich, dass die großkopferten beginnen würden, dass von ihnen konstruierte riesige pulverfass zu verkleinern ... im gegenteil

Hoffen war das letzte Übel in der Büchse der Pandora.

Das Problem

..ist fernab der Lebensweise der Griechen.
Ein Wirtschaftliches Rating. Gewinn um jeden
Preis.

Die Haltbarkeit von Produkten ist egal.
Produkte werden limitiert damit der Kurs
nicht stagniert oder es nur wenig Gewinn gibt.
Klar, wird sonst auch gleich auf Verlust im
Vergleich spekuliert. Ein Kopfgeld wird ausgesetzt.
USB 2.0 / 3.0 / Glühbirnen / Strümpfe.
Warum mein Braun Rasierer im Bad rostet..

Wir als Konsumenten und Angestellte
haben keinen Zugang zu diesem System.
Es kostet uns jedoch viel..

Ein Rating erfolgt nicht nach sozialen und ökonomischen Prinzipien sondern nach wirtschaftlichen Vergleichen die in der Praxis hinken.

Wann ist ein Produkt gut?
Wann erfüllt es einen Sozialen zweck?
Wann ist es nur mehr Geldschneiderei?

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