"Wir müssen die Uhren neu stellen"

Interview |
  • Musikerin und Autorin Patti Smith macht sich 
nicht über Politik und Terrorismus, sondern über die Einstellungen ihrer 
Mitbürger Sorgen: " Jeder Mensch ist dazu angehalten, etwas an seinem Leben zu 
ändern."
    foto: standard/robert newald

    Musikerin und Autorin Patti Smith macht sich nicht über Politik und Terrorismus, sondern über die Einstellungen ihrer Mitbürger Sorgen: " Jeder Mensch ist dazu angehalten, etwas an seinem Leben zu ändern."

Patti Smith, anlässlich der Viennale in Wien, unterstützte Barack Obama. Die US-Punk-Rock-Veteranin wünscht sich eine forschere Umweltpolitik: Amerika muss aufwachen

STANDARD: In einem Interview mit dem "Daily Telegraph" haben Sie gesagt, dass die US-Politik auf die falschen Pferde setzt. Sie fürchten weniger die Gefahr des Terrorismus als das Bienensterben. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Patti Smith: Das wurde etwas aus dem Zusammenhang gerissen: Ich sagte, ich hätte Angst vor Umweltterrorismus - man muss sich nur den Anstieg von Krebserkrankungen ansehen, der aus Umweltverschmutzungen resultiert. Unsere Umwelt verändert sich; egal, wohin man geht, der Müll, die Verschmutzung nehmen zu, neue Viren entstehen. Davon bin ich stärker betroffen als vom Terrorismus. Terrorismus ist ein Geisteszustand. Man kann ihn nicht wirklich besiegen. Wir waren im 17. Jahrhundert selbst Terroristen, die amerikanische Revolution war eine Art Guerillakrieg. Terroristische Taktiken sind sehr raffiniert heute: Ursprünglich ging es jedoch um einen Kampf der Schwachen gegen die Starken. Ich meine damit nicht, dass Terrorismus kein wichtiges Thema ist - es ist durchaus verstörend, dass wir mit bestimmten Leuten keinen Dialog finden können.

STANDARD: Obama hat in dieser Hinsicht einen moderateren Kurs als seine Vorgänger verfolgt. Sie waren eine Anhängerin, sind Sie nach seiner ersten Amtszeit ernüchtert?

Smith: Nein, bin ich nicht. Er ist mir jedoch zu militärisch geworden - ich wollte nicht, dass er sich noch stärker in Afghanistan engagiert. Ich wollte, dass er Guantánamo Bay schließt, was er versprochen hat. Doch was auch immer ich über ihn denke - etwa dass er sich zu wenig mit Umweltthemen befasst: Er musste mit einem republikanischen Kongress zusammenarbeiten, und das hat vieles verhindert. Das Problem war viel weniger Obama als die Struktur unseres Landes.

STANDARD: Sie meinen die Aufteilung in Demokraten und Republikaner?

Smith: Ja, es ist zu einfach, Amerika in zwei Teile zu trennen und dann zu sagen, nichts kann getan werden. Obama ist ein guter Mann. Er hat meine Stimme, auch wenn er nicht in jeder Hinsicht für mich spricht. Ich habe das Gefühl, dass er es wirklich besser machen wollte. Wir brauchen etwa eine aggressivere Umweltpolitik - eine der Überraschungen des Wirbelsturms Sandy war, dass ein früherer Republikaner wie der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg danach Obama unterstützte. Er sorgte sich um die Umwelt und hatte das Gefühl, dass Obama dafür der Richtige war. Das ist ein Riesenschritt für einen US-Politiker - insbesondere für einen republikanischen.

STANDARD: Sie leben in Manhattan, waren Sie mit dem Krisenmanagement nach dem Sturm zufrieden?

Smith: Die Regierung verwaltet unser Geld, und die Leute brauchen Hilfe. Die Nationalgarde muss einschreiten, bestimmte Gegenden schützen. Wir sind von diesen Ressourcen abhängig. Doch zuallererst hängen wir voneinander ab - schließlich haben auch staatliche Organisationen öfters versagt. Es ist schon wahr, verglichen mit anderen Krisenregionen der Welt ist der Sturm glimpflich verlaufen. Doch es gibt Leute auf Staten Island oder entlang der Küste, die alles verloren haben. Man muss sich fragen, was mit unserer Umwelt passiert - inwiefern wir dafür verantwortlich sind, dass es zu solchen Verschiebungen bei Naturkatastrophen kommt.

STANDARD: Was genau müsste die neue Regierung umweltpolitisch unternehmen - den Beitritt zum Kioto-Protokoll?

Smith: Ich meine weniger Regeln und Verordnungen als eine Politik, die an das Bewusstsein des Volkes appelliert. Jeder Mensch ist dazu angehalten, etwas an seinem Leben zu ändern. Es geht um das Ausmaß an Müll, um das übertriebene Konsumieren - etwas, das gegen unsere kapitalistischen Prinzipien geht. Jimmy Carter hat das schon in den 1970er-Jahren versucht. Ein Opfer zu bringen, das hat man damals als Angriff verstanden. Dann kam Reagan mit der Ansage: Bringt keine Opfer, ihr braucht viel mehr - man soll drei Autos haben! Das ist vielleicht gut für die Wirtschaft - für die Ökologie, für uns ist es schlecht. Wir müssen die Uhren neu stellen.

STANDARD: In großen US-Städten wie New York scheint grünes Denken schon angekommen zu sein. Biologisch bewusst zu essen liegt im Trend. Besteht das Problem nicht darin, dass man die ärmeren Schichten damit nicht erreicht?

Smith: Dafür braucht man eine Führerschaft, die inspiriert. Man muss die Leute überzeugen, ihren Lifestyle zu ändern. Natürlich ist es bei den ärmeren Schichten am schwierigsten. Die Zeichen sind überall zu sehen: Fettsucht, Diabetes bei Kindern, das viele Salz, der viele Zucker. Wir benötigen ein Bewusstsein dafür, dass wir aus der Spur geraten sind und die Qualität des Lebens verloren haben. Die Antwort darauf ist eben nicht, dass man sich einfach für alles Pillen besorgt. Es bedeutet nicht, dass man sich Asthma-Mittel holt, weil die Luftverschmutzung so groß ist.

STANDARD: Haben Sie schon einmal überlegt, selbst für ein Amt zu kandidieren?

Smith: Nein, ich spreche einfach als Bürgerin, nicht weil ich eine Expertin bin. Ich bin nicht einmal sehr politisch - ich bin unorganisiert, mein Haus ist unaufgeräumt, ich kämme selten meine Haare. Aber ich habe Menschenverstand. Thomas Paine hat dies so eloquent formuliert - er sprach vom "common sense". Es gibt tausend kleine, einfache Dinge, die man tun kann. Die Regierung gibt all das Geld für Homeland Security aus, damit wir sicher sind - ich fühle mich jedoch nicht sicher, weil ich weiß, dass es Wiesen gibt, in die Chemikalien gesickert sind, und Meeresstrände, die geschlossen sind, weil sich zu viele Bakterien im Wasser tummeln. Das sind die Dinge, die uns terrorisieren.

STANDARD: In den USA gibt es eine neue Welle von Grassroots-Bewegungen wie Occupy Wall Street. Unterstützen Sie solche Initiativen?

Smith: Ich unterstütze alle Menschen, die etwas verändern wollen. Aber wir brauchen nicht nur ein paar hundert Leute und ein wenig Öffentlichkeitswirksamkeit, sondern ein neues Bewusstsein. Gandhi war ein Meister kleiner Lösungen. Kauft kein Salz, macht euer eigenes Salz; kauft keine englische Kleidung, webt eure eigene: zwei Lösungen, die die Ökonomie des britischen Königreichs zu spüren bekam. Sie haben sich von der kolonialen Vorherrschaft befreit - nicht durch symbolische Anstrengungen, sondern durch praktische Ideen.

STANDARD: Sie waren in den 1960er-Jahren Teil einer Generation, die politisch sehr engagiert war. Lässt sich diese Geschlossenheit heute überhaupt noch erzielen?

Smith: Wir hatten einen Beweggrund: den Vietnamkrieg. Er hat alle berührt, egal, welcher Gesellschaftsschicht man angehörte. Es gab kein Internet, keine Handys. Es war, als hätte man ein Gehirn, eine kulturelle Stimme. Jetzt gibt es ganz viele kulturelle Stimmen. Wir sind schlecht informiert, und wir sorgen uns um die falschen Dinge: Es ist an der Zeit, Opfer zu bringen, Einstellungen zu revidieren. Das war aber auch notwendig, um den Vietnamkrieg zu beenden. Ich bin 65 und habe viel erlebt, ich liebe die Kunst, aber es gibt nichts Wichtigeres als unser Wasser und unsere Luft. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 7.11.2012)

Patti Smith (65) ist eine US-Punk- und Rockmusikerin, Fotografin und Lyrikerin. Zuletzt veröffentlichte sie den Bestseller "Just Kids" über ihre Jahre mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe in New York und das Album "Banga".

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