Laufen statt saufen

  • Ein bisserl Leiden ist Teil des Konzepts. Schließlich läuft man, um zu beweisen, dass es geht.
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    foto: thomas rottenberg

    Ein bisserl Leiden ist Teil des Konzepts. Schließlich läuft man, um zu beweisen, dass es geht.

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Den Ballermann erlebten die 9.000 Starter beim Mallorca-Marathon 2012 nur en passant - Einen Rausch bekamen die Athleten unterwegs, aber spätestens nach Kilometer dreißig schrien auch sie: Hölle, Hölle, Hölle!

"Das ist kein schneller Marathon." Ein guter Trainer ist auch nach dem Rennen für seine Schützlinge da. Mit Lob und Trost. Also stand Michael Buchleitner am vorletzten Oktobersonntag vor der Kathedrale von Palma de Mallorca - und lobte: "Auf dieser Strecke läuft keiner persönliche Bestzeit - unter solchen Bedingungen schon gar nicht. Selbst Spitzenläufer würden sicher 15 Minuten abziehen, wenn sie die Zeit mit Berlin, Wien oder einer anderen Stadt vergleichen wollten."

Sieger - über sich selbst

Dennoch wusste Michael Buchleitner, was kommen würde: Die Erschöpften strahlten. Und sie fühlten sich als das, was sie sind: Sieger - über sich selbst. Und über jene 42,195 Kilometer in und um Palma de Mallorca, auf die der 27-fache Lauf-Staatsmeister und dreifache Olympionike ein kleines Journalistenteam drei Monate lang vorbereitet hat. Für einige war es der erste Marathon überhaupt - für manche der siebente in diesem Jahr: Auf die Zeit, hatten alle vorher gesagt (und bis zum Start vielleicht sogar geglaubt), käme es gar nicht an.

Denn wie ein inoffizielles Motto stand beim Start auf dem Shirt einer oberösterreichischen Teilnehmerin: "Schnell kann jeder". Schließlich hat "schnell" oft wenig mit einem schönen, feinen und entspannt-unaggressiven Lauferlebnis zu tun. Doch genau Letzteres will der vom Reiseriesen Tui im Oktober heuer zum neunten Mal ausgetragene Marathon sein.

Nicht ohne Grund gilt der Mallorca-Marathon als einer der schönsten Laufbewerbe im Mittelmeerraum. Und ist - noch - ein bisserl ein Geheimtipp im boomenden Markt der Renn-Reisen: 9000 Starter, nur 1400 davon über die volle Distanz, verleihen dem Event ein geradezu familiäres Flair. Und dass es neben dem Halbmarathon noch einen Zehn-Kilometer-Bewerb gibt, verschafft auch weniger Geübten ein Erfolgserlebnis: "Extremsport oder ein Grenzgang ist alles, was nur einen Schritt über das hinausgeht, was man bis dahin getan hat", sagte Reinhold Messner einmal. In anderem Kontext zwar, aber es passt trotzdem.

Ausstiegsdroge für Ballermänner

Als "Einstiegsdroge" in diese Form des individuellen Grenzganges in der Masse - gekoppelt mit ein paar Tagen Familienurlaub zu Nachsaisonpreisen bei Noch-Badewetter - bietet sich der Bewerb in Mallorca förmlich an. Er verlängert die Saison - und passt so ins Kalkül des Reiseriesen. Dass der Marathon zudem wie eine Entschuldigung wirkt für das Image, das der Ballermann-Sauftourismus der Insel aufdrückt, ist freilich eine Sache der persönlichen Wahrnehmung.

Mallorca ist wirklich kein schneller Marathon: Zwei Stunden und 32 Minuten brauchte der Sieger - der Spanier Miguel Capo Soler - dieses Mal. Zum Vergleich: In Berlin lag die Siegerzeit heuer bei 2:04:15. Und in Wien lief der Kenianer Henry Sugut im Frühjahr 2:06:58. Buchleitners beste Marathonzeit lag bei zwei Stunden und zwölf Minuten - das war 1999 in Hamburg.

Gründe für diese "Entschleunigung" gibt es viele - doch in der rasant wachsenden Zielgruppe der reisenden Hobbyläufer spricht keiner davon gegen eine Teilnahme. Sicher, die Streckenführung ist für Läufer, die nach Bestzeiten gieren, schlicht ungeeignet. Wer aber tolle Blicke auf Architektur, Geschichte, Landschaft und Meer schätzt, wird bestens bedient: Palma liegt an einem Berghang - und der Lauf führt kreuz und quer durch die historische Altstadt. Gestartet wird fast auf Meeresniveau, zu Füßen der das Stadtbild beherrschenden Kathedrale. Den Hafen entlang geht es hinauf zu einem Kastell; zurück zum Hafen; bergauf, hinauf in die Altstadt; dort bis Kilometer 16 ständig rauf und runter; durch enge, verwinkelte Gassen; durch schattige Alleen und über historische Plätze; vorbei an Palazzi, Brunnen und Kathedrale.

Wo sich Marathon- und Halbmarathonläufer bei Kilometer 20 trennen, zeigt der Höhenmesser über 250 gelaufene Höhenmeter an. Zum Vergleich: Berlin hat 70, Wien gerade einmal 50. Das verhindert ebenso Spitzenzeiten wie eine andere Mallorca-Besonderheit: Die Veranstalter bezahlen Profis keine Startgelder. Und der Siegerpreis alleine - eine Woche in einem Luxusresort - spornt wohl nur wenige Spitzenläufer an, hier Höchstleistungen zu erbringen.

Sehr schneller Strandspaziergang

Zum Drüberstreuen "bremste" heuer auch das Wetter: Die zehn öden, durch Industriegebiet führenden Kilometer zu den Albtraumhotels und Kampftrinkerzonen am Ballermann gingen frontal in den Wind. Der hatte oft über 30 km/h. Die Route zurück, immer am Strand entlang, führte - sobald die Ballermann-Saufzone passiert war - durch wunderschönes Landschaftsschutzgebiet, vorbei an Ausgrabungen, durch kleine Dörfer und Häfen. Bloß: Strandspaziergang war das dennoch keiner. Denn die Promenade windet sich Dünen hinauf und hinunter, der Wind drehte ständig und ließ die Läufer just ab Kilometer 30, dem Fegefeuer jedes Marathons, verzweifeln oder gar aufgeben.

Andere jubelten: So viele Kitesurfer wie an diesem Tag, sagten Einheimische später, sieht man hier selten. Die Gischt, die den Läufern auf den letzten sieben Kilometern ins Gesicht stob und die hölzernen Boardwalk-Planken rutschig wie Seife machte, wurde kaum als willkommene Erfrischung empfunden.

Egal - ein bisserl Leiden ist Teil des Konzepts. Schließlich läuft man, um zu beweisen, dass es geht. Immerhin hatte Buchleitner beim ersten Treffen, Monate vor den letzten Schritten ins Ziel, postuliert, dass jemand, der ohne Einschränkungen gehen kann, einen Halbmarathon schafft. Vermutlich sogar einen Marathon - wenn er das will. Selbst die Aussage "schnell kann jeder" ist nicht ganz falsch - doch nur wenige können das lange genug. Langsames Laufen sieht dennoch ganz anders aus. In Mallorca gilt jedenfalls genauso wie überall sonst: Einen Dauerlauf bewältigt man zuerst mit dem Kopf - und erst dann mit den Beinen.

Und deshalb besiegt jeder, der bis ins Ziel kommt, den einzigen relevanten Gegner: sich selbst. Ganz egal über welche Distanz - und in welcher Zeit. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD, Rondo, 9.11.2012)

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