Kosmetik: Volle Ampulle

8. November 2012, 17:25
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Die Kosmetikbranche hat sich Anleihen aus der Medizin geholt und füllt Hautkuren in Ampullen, Pipetten und Spritzen ab

Jeden Herbst dieselbe Eigenwahrnehmung: Wie bei einer Schlangenhäutung schuppt sich die Sommerbräune, die Haut wirkt fahl, und spätestens im November wird das Gefühl einer hauttechnischen Rundumerneuerung ziemlich stark. Aus einem archaischen Blickwinkel gesehen, durchlaufen wir wahrscheinlich gerade das jährliche Fellwechsel-Programm. Die Haut ist bedürftig, dort und da haben sich neue Pigmentstörungen (nennen wir sie nicht Altersflecken!) gebildet, und auch alle anderen Defizite fallen viel mehr ins Auge, wenn die Bräune verschwindet - da gibt es trockene Stellen, erweiterte Äderchen, dort lauert ein Pickel: Nichts also könnte in dieser dermatopsychischen Krisensituation besser als eine Kur sein.

Ein paar Wochen lang ein bisschen mehr Einsatz im Badezimmer, ein zusätzliches Ritual? In den Parfümerien warten eigens dafür geschnürte Pakete gegen Schönheitsmängel aller Art. Augenfalten, Haarausfall, Pigmentflecken, Akne: So ziemlich gegen alles ist eine Ampulle, eine Spritze oder Phiole gewachsen, die gute Resultate in der Bekämpfung derselben verspricht. Und wahrscheinlich schaffen es diese als Medikamente vermarkteten Seren und Wässerchen wirklich, dass sich die Situation verbessert.

Placebo-Effekt

Der Placebo-Effekt ist nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Kosmetik eine nicht zu unterschätzende Größe. Damit wird die Wirkung bezeichnet, die nicht durch einen Wirkstoff, sondern ein Scheinmedikament erzielt wird. Diesen Effekt beobachten Mediziner auch in strengstens überwachten klinischen Studien. Die Erklärung: Es wirkt die Kraft der Suggestion, die in der Lage ist, durch subjektives Empfinden tatsächlich eine objektiv messbare körperliche Funktion zu erzielen. Das erkennt auch die Schulmedizin an.

Es besteht also durchaus mehr als nur Hoffnung, dass Seren, Cremen und Tinkturen Falten mindern, Augenringe aufhellen und sogar Haare nachwachsen lassen. Auf die innere Einstellung kommt es an. Die medizinisch anmutenden Verpackungen sollen dabei unterstützend wirken, denn auch die Darreichungsform ist in der Medizin ein Faktor. Wenn ein paar Ampullen den Jahreszeitenwechsel ein bisschen sanfter gestalten - warum nicht? (Karin Pollack, Rondo, DER STANDARD, 9.11.2012)

  • Substanzen als Therapie. Was optisch an Medikamente erinnert, soll subjektiv fahle, faltige Haut verbessern.

    Substanzen als Therapie. Was optisch an Medikamente erinnert, soll subjektiv fahle, faltige Haut verbessern.

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