Trauma in Wiederholungen

Die Kunsthalle Wien widmet Performancekünstler Mike Parr erstes Solo in Europa

Wien - Bei Mike Parrs letzter Performance in Wien flippte das Publikum aus, wurde handgreiflich, manche schimpften ihn sogar "Nazi", erinnert sich der Künstler. 1978 war das, während des von Grita Insam, Ursula Krinzinger und anderen organisierten Performancefestivals. Marina Abramovic habe damals zu ihm gesagt "In Wien müssen wir vorsichtig sein, denn hier wird alles interpretiert, indem es durch den Wiener Aktionismus gefiltert wird!"

Womöglich diesem Ratschlag folgend machte er damals nicht sich, sondern vielmehr die Vernissagegäste zu Darstellern. Parr wollte sich aber auch dem Wunsch widersetzen, mit einer seiner Selbstverletzungsperformances den Einheizer zu geben. Nach dem Abriegeln des Raums wurde angekündigt, dass man erst nach dem Zahlen von 30 Schilling gehen dürfe, denn die Künstler wollten einmal richtig chic essen gehen. Eine Ansage, die ihre Wirkung nicht verfehlte.

Nachdem die parallel zu Parr geplante Abramovic-Ausstellung in der Kunsthalle nicht zustande gekommen ist, muss er sich nun allein gegen den Interpretationsfilter Wiener Aktionismus stellen. Die hergestellte Nähe stört ihn. "Ich habe nicht 40 Jahre in Australien gearbeitet, um als Fußnote des Wiener Aktionismus zu enden."

Mike Parr ritzt und verbrennt seine Haut, tackert Fotos auf seinen Körper, lässt sich Mund oder das ganze Gesicht mit Nadel und Faden zunähen - vordergründig liegt es also nahe, die Arbeiten des 67-jährigen Australiers mit Günter Brus oder Rudolf Schwarzkogler zu vergleichen. Betrachtet man allerdings seine Ausstellung "Edelweiß", Parrs erste Ausstellung in Europa, wachsen Zweifel. Denn während bei den gegen repressive gesellschaftliche Zustände agierenden Wiener Aktionisten die Motive stets recht deutlich lesbar sind, dominieren in Parrs Arbeiten biografische Aspekte und die stete Selbstverletzung.

Obendrein stellt Parr selbst die Existenz politischer Kunst infrage. Selbst wenn politische Momente, etwa die australische Einwanderungspolitik und der Umgang mit Fremden, in seinen Arbeiten auftauchen, seien diese eng mit seiner Person verbunden.

Bekannt wurde Parr 1977 mit der aufsehenerregenden Performance "Armchop", bei der er sich eine mit Fleisch und Blut gefüllte Prothese abhackte. Dem Künstler selbst fehlt ein Arm. Erst als Teenager erfuhr Parr, dass er nicht ohne das Gliedmaß geboren wurde. Dass ihm der Arm kurz nach der Geburt amputiert worden war, verschwieg die Familie. Sein "Verstümmelt"- und Anders-Sein anzusprechen schien unzumutbar.

Vor dem Hintergrund dieses Traumas erscheinen Parrs heftige Performances wie eine permanente Reinszenierung dieser seelischen Erschütterung. Der sich unbehaglich fühlende Betrachter wird zum Teil dieser Retraumatisierung. Selbstheilungsversuch oder Kunst? Oder beides? (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 7.11.2012)

Bis 24.2., Performance "The Lie Detector", 7.11., 18.00

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