Ärzte befürchten "Ausdünnung" des Gesundheitssystems

6. November 2012, 17:48
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Die Ärzteschaft mobilisiert gegen die für 2013 geplante Gesundheitsreform: Österreich drohe eine "Amerikanisierung" der Gesundheitsversorgung

Innsbruck/Salzburg - Karl Forstner, Präsident der Salzburger Ärztekammer, findet starke Worte: Die Gesundheitsreform sei "nichts anderes als ein großes Sparprogramm im Gesundheitswesen und ein Machwerk machtbesessener, zentralistischer Politiker".

Forstner und Kollegen mehrerer anderer Länder-Ärztekammern kritisieren die zwischen Bund, Ländern und Sozialversicherungsträgern ausgehandelten Einsparungen in der Höhe von 3,4 Milliarden Euro bis zum Jahr 2016.

Diese Summe ist Teil des Stabilitätspaktes, den Österreich nach Brüssel gemeldet hat. Sie soll sich aus der Koppelung der öffentlichen Gesundheitsausgaben im Aufteilungsschlüssel 60:40 zwischen Ländern und Sozialversicherung an das Bruttoinlandsprodukt ergeben. Bis 2020 sollen dann elf Milliarden Euro eingespart werden.

Aktuell verwerfe die Regierung gerade ihr eigenes Regierungsprogramm, beklagt auch der Präsident der Tiroler und der Österreichischen Ärztekammer, Artur Wechselberger. In der Vereinbarung sei noch von "Gesundheitszielen" die Rede, SPÖ und ÖVP wollten in der Regierungsperiode 2008 bis 2013 Krankheiten von Herzinfarkt über Diabetes bis zu Übergewicht den Kampf ansagen. Jetzt aber werde allein an der Kostenschraube gedreht: "Unter dem Namen Gesundheitsreform werden wesentliche Versorgungsziele geopfert."

"Unerträgliche Arbeitsbedingungen"

Die Salzburger Ärztekammer zeichnet die Folgen des Programms in düsteren Farben. Die heute schon "unerträglichen Arbeitsbedingungen" in den Spitälern würden sich "dramatisch verschlechtern". Nulllohnrunden und Absenkungen der Lebensverdienstsummen würden zu einer weiteren Abwanderung führen; schon jetzt würden 700 Ärzte jährlich das Land verlassen. Eine Bestandsgarantie für Spitäler sei so nicht aufrechtzuerhalten.

Ähnlich katastrophal sehen die Mediziner die Entwicklung bei den niedergelassenen Ärzten. In Tirol etwa drohe die Einstellung des Nachtbereitschaftsdienstes der Sprengelhausärzte. Erst 2011 wurde dieses Pilotprojekt zur Entlastung der Ambulanzen und Notärzte eingeführt.

Das Sparprogramm gefährde - neben dem bekannten Nachwuchsmangel bei den Hausärzten in ländlichen Regionen - nun auch die wohnortnahe Versorgung durch Kassenfachärzte. Allein in Tirol fehlten schon 80 Kassenärzte. Madi Ramen, er vertritt die niedergelassenen Ärzte in der Tiroler Kammer, warnt vor "Polikliniken" - Ärztehäusern, in größeren Orten.

Privatmedizinischer Sektor

Die Salzburger Ärztevertreter sehen eine "schleichende Ausdünnung" des Gesundheitssystems. Der steirische Ärztekammervize Martin Wehrschütz meint, dass es nicht "ohne Rationierungen der medizinischen Leistungen" gehen werde.

Die Nachfrage werde aber nicht sinken, folglich werde sich ein privatmedizinischer Sektor entwickeln, prognostiziert die Salzburger Standesvertretung. Somit sei aber der Wahlarztrückersatz gefährdet, der derzeit eine untergeordnete Rolle in den Budgets spiele. "Wird er ein bedeutender Kostenfaktor, so kann er durch einfache Mehrheit im Parlament gänzlich abgeschafft werden", warnt der Salzburger Ärztevize Walter Arnberger. Was bleibt, sei eine Amerikanisierung mit oft nur rein privat finanzierter medizinischer Hilfe. Die Leidtragenden seien dann vor allem ältere Patienten und chronisch Kranke. (Verena Langegger/Thomas Neuhold, DER STANDARD, 7.11.2012)

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