Homo floresiensis darf nicht "Hobbit" genannt werden

Middle-earth Enterprises spricht Machtwort: Neuseeländischer Professor musste den Titel eines anthropologischen Vortrags ändern

Wellington - Vielleicht hätte das Tolkien Estate die Sache gelassener gesehen, doch J. R. R. Tolkiens Erben wurden gar nicht erst gefragt. Sie sind nämlich nicht im Besitz der Rechte, auf die es ankommt: Neben Merchandising- und Filmrechten gehören auch die Rechte an den Titeln der Tolkien-Bücher sowie den darin vorkommenden Namen und Ausdrücken dem US-amerikanischen Unternehmen Middle-earth Enterprises. Und das wahrt seinen Besitz wie der Drache Smaug seinen Goldschatz.

Diese Erfahrung musste nun auch ein Professor an der neuseeländischen Victoria University machen, wie der "Guardian" berichtete. Brent Alloway wollte in Wellington einen Vortrag mit dem Titel "Der andere Hobbit" organisieren. Gemeint war in diesem Fall der Homo floresiensis, dessen fossile Überreste 2003 auf der indonesischen Insel Flores entdeckt worden waren. Es war die anthropologische Sensation des neuen Jahrtausends: Niemand hatte damit gerechnet, dass es bis vor vielleicht 18.000 Jahren noch eine zweite Menschenart auf der Erde gegeben haben könnte - auch nach dem Aussterben des Neandertalers waren wir also entgegen allen Erwartungen noch nicht allein.

Nur weil es alle tun ...

2003 stand die Unterhaltungsbranche noch ganz im Zeichen von Peter Jacksons "Herr der Ringe"-Verfilmung. Die Tolkien-Figuren hatten den Sprung von der Fantasy-Fangemeinde ins allgemeine popkulturelle Bewusstsein vollzogen - und weil die Vertreter des Homo floresiensis ganz wie Tolkiens "Halblinge" nur etwa einen Meter groß wurden, bürgerte sich für sie rasch der Spitzname "Hobbits" ein. Der wurde in medialen ebenso wie in wissenschaftlichen Diskursen verwendet, und so griff auch Alloway bei der Planung seines Vortrags auf ihn zurück. Zwei der "Hobbit"-Entdecker, Mike Morwood und Thomas Sutikna, wurden eingeladen, um den aktuellen Forschungsstand über unseren kleinwüchsigen Verwandten zu präsentieren.

Alloway räumt ein, dass die Veranstaltung nicht zufällig in zeitlicher Nähe zur anstehenden "Hobbit"-Filmpremiere angesetzt war, dennoch hatte er keine namensrechtlichen Bedenken: "Ich bin da etwas naiv hineingeraten." Die Rechtsabteilung von Middle-earth Enterprises hat ihm diese Naivität rasch ausgetrieben. Alloways Anfrage auf Verwendung des Titels "Der andere Hobbit" wurde strikt abgelehnt. Und auch wenn Alloway darauf hinweist, dass der Homo floresiensis weltweit als "Hobbit" bezeichnet wird, wollte er sich auf keinen Rechtsstreit einlassen. Der Vortrag findet nun unter dem akademischer klingenden Titel "Eine neuentdeckte Spezies kleiner Menschen - Auflösung der Legende vom Homo floresiensis" statt. (red, derStandard.at, 6. 11. 2012)

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