Lange Zeugenbefragung im Marionnaud-Prozess

6. November 2012, 17:00
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Angeklagte sollen Bonuszahlungen durch geschönte Zahlen erschlichen haben - Beide weisen Vorwürfe zurück

Wien - Im Prozess um angeblich frisierte Bilanzen bei der Parfumerie- und Kosmetikkette Marionnaud in Österreich ist heute Dienstag, am zweiten Verhandlungstag, ein Zeuge rund vier Stunden lang befragt worden. Der als Geschäftsführer in Österreich eingesetzte Manager wurde zu den Berichten und Bilanzen einvernommen, die der offenbar tatsächlich in Österreich tätige Manager und sein Finanzchef, die nun heute beide auf der Anklagebank sitzen, regelmäßig lieferten. Während laut Anklage die beiden sich durch geschönte Bilanzen in den Jahren 2006 bis 2008 Bonizahlungen von rund 200.000 Euro erschlichen haben sollen, weisen die Angeklagten alle Vorwürfe zurück. Die Verhandlung wurde vertagt.

Die französische Parfumeriekette Marionnaud wurde 2005 von AS Watson übernommen, die zum Mischkonzern Hutchison Whampoa des chinesischen Milliardärs Li Ka-Shing gehört. Der Mutterkonzern etablierte sein Boni-System, das auf monatlich abzuliefernden sogenannten MPS-Berichten beruhte. Laut Anklage wurde für das Jahr 2006 ein Verlust der Marionnaud Autriche von 7 Mio. Euro ausgewiesen, der tatsächlich doppelt so hoch gewesen sei. Für 2008 wurden 16 Mio. Euro Verlust statt tatsächlich 26 Mio. Euro angegeben. Nach tatsächlichen Zahlen hätten die beiden Angeklagten 2006 und 2008 gar keine Boni erhalten, für 2007 eine deutlich geringere Zahlung, als sie tatsächlich bekamen.

Der Zeuge mit französischer Muttersprache wurde heute auf Englisch befragt, ein Dolmetscherwechsel mitten in der verspätet begonnenen Verhandlung trug auch nicht zur Beschleunigung bei. Rund vier Stunden versuchte der Geschäftsführer zu erklären, wie das Bonus-System aufgebaut wurde und wie die verschiedenen Berichte über Österreich-Geschäft und Holding erstellt und weitergeleitet wurden.

Kompliziert

Dabei wurde deutlich, dass die monatliche Berichterstattung und jährliche Bilanzierung im Konzern sehr kompliziert erfolgte. Die Marionnaud Autriche Gmbh ist einerseits als operative Gesellschaft für das Parfümeriegeschäft in Österreich zuständig, was vom Erstangeklagten geleitet wurde. Weiters ist sie auch Muttergesellschaft für mehrere Ländergesellschaften. Die Bilanzen für beides erstellte der Zweitangeklagte. Mit der Holding-Funktion hatte der Erstangeklagte aber nichts zu tun, wie auch der Zeuge heute bestätigte. Die Holding-Konstruktion hat offenbar steuerliche Gründe, denn die Entscheidungen fielen nicht in der Holding sondern im Konzern, wurde heute im Prozess deutlich.

Die beiden Angeklagten hätten die operativen Ergebnisse für Österreich geschönt, indem sie Kosten für Österreich als jene der Holding verbuchten, so der Zeuge heute. Dadurch habe das Österreich-Geschäft immer ein positives EBIT (Betriebsergebnis) aufgewiesen, was für die Boni-Zahlungen entscheidend gewesen sei. Erst durch eine Kontrolle seitens seiner Finanzverantwortlichen seien die falschen Buchungen aufgeflogen. Daraufhin hat der Konzern eine Sachverhaltsdarstellung bei Gericht eingebracht, die zu dem Prozess führte. Erst nach einem zweijährigen Restrukturierungsprogramm habe Österreich wieder ein positives Betriebsergebnis erbracht, so der Zeuge.

Vom Verteidiger des Zweitangeklagten wurde heute mehrfach hevorgehoben, dass laut dem Gutachten des österreichischen Gerichtssachverständigen die Österreich-Bilanzen nach UGB (Unternehmensgesetzbuch, Anm.) korrekt erstellt worden seien. Es habe insgesamt vier verschiedene Berichtsarten gegeben, auch die Unterscheidung nach den Bilanzierungsstandards IFRS und UGB könne zu Differenzen führen.

Der Vorsitzende des Schöffensenats, Richter Michael Tolstiuk, vertagte die Verhandlung schließlich auf den 13. Dezember um 9 Uhr (Saal 102). Dann werden die Zeugenbefragungen fortgesetzt, ein Urteil erwartet er noch nicht. (APA, 6.11.2012)

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