Rundschau: Zeitreisen und Höllentrips

    Ansichtssache24. November 2012, 10:13
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    Neue Romane unter anderem von John Scalzi, Joe Haldeman, Jay Lake, Jack McDevitt und Horror-Regisseur Tobe Hooper

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    coverfoto: golkonda

    Christopher Golden (Hrsg.): "Hellboy: Medusas Rache"

    Broschiert, 280 Seiten, € 17,40, Golkonda 2012 (Original: "Odd Jobs", 1999)

    Nein, im Gegensatz zum Vorangegangenen ist das jetzt kein Comic. Das "Hellboy"-Franchise geht ja längst weit darüber hinaus: Es umfasst Verfilmungen, Animes, Computerspiele, Actionfiguren ... und erst wer den chinesischen Hellboy-Schlüsselanhänger kennt, hat wirklich alles gesehen.  Und Bücher gibt's, jede Menge sogar, Romane ebenso wie Kurzgeschichtensammlungen. Die erste dieser Anthologien erschien 1999 unter dem Titel "Odd Jobs" und liegt nun erstmals auf Deutsch vor. Die AutorInnen, die Herausgeber Christopher Golden hier in den 90er Jahren versammelte, werden Horror-Fans vermutlich geläufiger sein als denen von SF oder Fantasy. Sie alle kommen aus der Schnittmenge von Comics, Horror- und Krimiliteratur und jener nebelhaften Crossover-Zone, in der TV-Serien Romane und Graphic Novels Drehbücher gebären.

    Dämonische Widersacher

    Ganz wie es der Originaltitel verspricht, hat Hellboy sich in diesen 14 Erzählungen mit einer Reihe höchst unterschiedlicher Gegner auseinanderzusetzen. Die können frei erfunden sein oder der Mythologie entstammen - unter denen der letzteren Gruppe finden sich auch einige weniger bekannte Exemplare, denen man gerne hinterhergoogelt. Etwa der "Nuckelavee" in der gleichnamigen Geschichte von Christoper Golden & Hellboy-Schöpfer Mike Mignola, eine exzeptionell scheußlich designte Spukgestalt der schottischen Folklore. Oder die tragische "La Llorona" aus Lateinamerika, die in Philip Nutmans "Eine Mutter weint um Mitternacht" ihren Auftritt hat.

    Es können aber auch ganz normale Menschen sein ... selbst wenn sie in der Regel von Dämonen besessen sein müssen, um Hellboy dazu zu provozieren, mit seiner Steinfaust zuzuschlagen: Etwa ein christlicher Südstaaten-Hassprediger ("Wo ihr Feuer nicht erlischt" von Chet Williamson) oder die höchsten Kreise der US-Regierung in Craig Shaw Gardners "Dämonenpolitik". Da sorgen besessene Politiker für Stillstand im Staat ... stammt aus den 90ern, liest sich aber wie eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation. Da sind Hellboy wohl doch ein paar Dämonen im Kapitol entwischt.

    Hellboys Hintergrund

    Beim Kauf des Buchs sollte man mit der Hellboy-Geschichte übrigens einigermaßen vertraut sein; Kontextwissen liefern die Erzählungen nämlich nicht. Hellboy (in unserer Welt 1993 als Comic-Figur geboren) ist ein von Nazi-Okkultisten beschworener Höllendämon, der als Baby den Alliierten in die Hände geriet, von einem Professor adoptiert wurde und jetzt für dessen Behörde zur Untersuchung und Abwehr Paranormaler Erscheinungen arbeitet. Und er ist zumindest langlebig, weshalb er hier sowohl im Vietnamkrieg als auch bei den Nachwehen des Manhattan-Projekts oder im New York der Gegenwart mitmischen kann. Auch Nebenfiguren wie den amphibischen Abe Sapien oder die pyrokinetisch begabte Liz Sherman sollte man schon vorab kennen. Einblicke in Liz' tragische Vorgeschichte liefert allerdings Poppy Z. Brite in "Brenn, Baby, brenn". Brite ist vermutlich die bekannteste der hier versammelten AutorInnen und hat auch die beste Geschichte beigesteuert - ironischerweise kommt Hellboy selbst darin gar nicht vor.

    Dessen Erfinder Mike Mignola ergänzt den Band mit einer Reihe von Illustrationen ganz im gewohnten und beliebten Look. Also in etwa so, als hätte ein Tagger nur noch eine Dose Schwarz übrig gehabt und würde sich in deutschem Expressionismus versuchen. Schreiberisch hielt sich Mignola hingegen zurück. Im Vorwort erklärt er, dass ihm als einziges der Satz "An einem guten Tag roch Hellboy wie eine geröstete Erdnuss" eingefallen wäre - in dem steckt allerdings mehr Potenzial als in der ganzen unbeholfenen Titelgeschichte "Medusas Rache" von Yvonne Navarro, die man getrost überblättern kann. Zum Glück folgt unmittelbar darauf einer der besten Beiträge, "Puzzle" von Stephen R. Bissette. In der gleichermaßen unheimlichen wie traurigen und ekelerregenden Geschichte verschlägt es Hellboy nach Paris, wo ein unglücklicher Uni-Mitarbeiter im Archiv Teile eines Kopfes findet und diesen zusammensetzt. Was der dann mit ihm macht, hätte die Hollywoodsche Selbstzensur aus jedem Verfilmungsversuch herausgeschnitten.

    Schwarzer Humor

    Zu meiner persönlichen Top Ten der Filmzitate gehört immer noch eines aus "Hellboy", Teil 1: "Ich hab doch nur ein Foto gemacht!" - "Wenn Sie noch eines machen, schlitze ich Ihnen ein zweites Arschloch." Das setzt einen Standard, aber bei weitem nicht alle AutorInnen dieser Anthologie werden Hellboys satanisch-sarkastischem Tonfall gerecht. Matthew J. Costello macht einen guten Job in "Eine Nacht am Strand", das sich um Menschen dreht, die im bizarren Ambiente von Coney Island verschwinden. Auch andere setzen auf schwarzen Humor, und das sind - von Bissette und Brite abgesehen - auch die interessantesten Geschichten. Sei es der Auftritt einer geschäftstüchtigen Riesenratte mit Messie-Syndrom in Greg Ruckas "Versicherungen" oder "Die Vogelscheuche" von Rick Hautala & Jim Connolly. Darin betritt Hellboy mit einer großen Kühlbox in der Hand eine Bar und beginnt einer anwesenden Frau eine gruselige Geschichte zu erzählen. Und während wir immer öfter schaudernde Seitenblicke auf die ominöse Kühlbox werfen, verarschen uns die Autoren genauso wie Hellboy seine Zuhörerin.

    Neulich hat sich eine Bekannte bei mir beklagt, dass ihr Tween-Sohn nur dann etwas liest, das keine Bilder enthält, wenn der Deutschlehrer mit der Pumpgun hinter ihm steht. Also hier hätte er eine ideale Umsteigemöglichkeit auf die bildlose Literatur.

    Die Jahresendzeit-Pest ... und wir machen mit

    Die nächste Rundschau kann ich schon jetzt auf den 15. Dezember festnageln - es soll ja genug Zeit für panische Weihnachts- und Weltuntergangseinkäufe bleiben. Und zwar wird es sich dabei um eine JAHRES-BEST-OF handeln, wie einige UserInnen es sich gewünscht haben. Ergänzt allerdings um ein paar Bücher, die hier bislang noch nicht besprochen wurden. Shop til you drop! (Josefson, derStandard.at, 24. 11. 2012)

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