Rundschau: Zeitreisen und Höllentrips

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coverfoto: heyne

John Scalzi: "Redshirts"

Broschiert, 432 Seiten, € 14,40, Heyne 2012 (Original: "Redshirts", 2012)

Die Empfehlung des Monats ist ein ebenso unterhaltsamer wie intelligenter Einblick in Erzählmechanismen der SF. Oder genauer gesagt in eines von deren Subformaten, die billig abgekurbelte TV-Serie. Unter Genre-Fans schon längst ein Begriff, dürften die Redshirts spätestens mit der 1999er "Star Trek"-Parodie "Galaxy Quest" auch ins Bewusstsein eines breiteren Publikums vorgedrungen sein. Jammert und zittert sich da doch Sam Rockwell als namenloses Crewmitglied durch den ganzen Film, stets in Angst vor einem plötzlichen Tod, weil er die falsche Uniformfarbe trägt: Rot.

Redshirts sind StatistInnen - insbesondere solche, die schon nach einem kurzen Auftritt zu Tode kommen, weil die Story es zu verlangen scheint. Das Prinzip gilt für sämtliche Actionfilme und -serien, nicht nur für die Science Fiction allein. Der Name allerdings hat seinen Ursprung tatsächlich in "Star Trek", wo es zum ersten Mal so richtig auffiel. Denn während Kirk & Co noch der tödlichsten Bedrohung auf wundersame Weise entkamen, starben die rot uniformierten niedrigen Chargen rings um sie wie die Fliegen.

Der Opferungseffekt ...

Diesen Redshirts hat US-Autor John Scalzi nun mit seinem gleichnamigen Roman - erst heuer im Original erschienen - ein Denkmal gesetzt. Einer davon hat gleich im Prolog eine Erleuchtung: Während Fähnrich Davis bei einer Außenmission auf irgendeinem Planeten von Monstern à la "Im Land der Raketenwürmer" umzingelt wird, dämmert ihm seine eigentliche Rolle. Nicht er selbst ist von Bedeutung, sondern sein Tod ... und das auch nur, weil dieser die eigentlichen Hauptfiguren mit einer neuen Ladung Human Drama aufpolieren wird: Schuldgefühle, Vorwürfe, Aussöhnung und Rehabilitierung - einer Vision gleich sieht Davis künftige Handlungsstränge vor sich. Es war eine wunderbare Geschichte. Ganz großes Drama. Und alles hing von ihm ab. Von diesem Moment. Von seinem Schicksal. Von Davis' Bestimmung. Fähnrich Davis dachte: Scheiß drauf, ich will leben! Und er wich zur Seite aus, um den Landwürmern zu entgehen. Doch dann stolperte er über einen, und ein anderer Landwurm fraß sein Gesicht, und er starb trotzdem.

Weil aber die "Intrepid", Flaggschiff der Sternenflotte der Universalen Union im 25. Jahrhundert, laufend Crew-Nachschub braucht, finden sich bald die nächsten Fähnriche ein. Rund um Andrew Dahl bildet sich eine Clique von Neulingen, und die stellen rasch fest, dass auf der "Intrepid" etwas ganz Merkwürdiges am Laufen ist. Zarte Hinweise gibt es ja genug: Etwa dass sich die niederrangigen Offiziere sofort in einem Lagerraum verstecken, wenn jemand aus der Führungsriege der "Intrepid" im Anmarsch ist. Oder dass ein seltsamer haariger Kerl auf Andrew mit der Warnung losspringt: Halte dich von der Story fern! Vor allem aber eine höchst ungewöhnliche Todesstatistik bei Außeneinsätzen: Während der Captain und seine Brückenkumpels jeder Gefahr mit heiler Haut entkommen oder sich zumindest aberwitzig schnell regenerieren, liegt die Sterblichkeitsrate unter ihren Begleitmannschaften jenseits von Gut und Böse. Andrew & Co können den Opferungseffekt sogar auf jeden einzelnen Führungsoffizier mathematisch herunterbrechen.

... und wie man ihm ein Schnippchen schlägt

Was aber dagegen tun? Da wartet Jenkins, besagter haariger Kerl, mit einer spektakulären Hypothese auf: Man befinde sich zwar in der Realität - doch einer, die von einer Fernsehserie geschaffen wurde; im Multiversum ist schließlich jede Version so real wie alle anderen. Also müsste man nur zu den Drehbuchschreibern dieser Serie in der Zeit zurückreisen und sie dazu bringen, weniger verschwenderisch mit Fähnrichsleben umzugehen. Leider kennt man die Serie nicht ... kann man gar nicht, denn jede fiktive Zeitlinie (wie in diesem Fall die der Universalen Union) muss immer kurz vor dem Zeitpunkt abzweigen, an dem sie erdacht wurde. Andernfalls könnten ihre BewohnerInnen ja sich selbst in alten TV-Archiven bewundern, und DAS wäre doch mal ein Zeitparadoxon, das sich gewaschen hat.

Wie Andrew und seine Freunde die Ära der Serie dann doch ausfindig machen, ist gleich das nächste Beispiel für Scalzis Durchschauen von Storytelling-Mechanismen. Zeitreisen in die Vergangenheit gehören zwar zum Grundrepertoire der SF, aber der Teufel steckt im Detail. Obwohl für Gäste aus der Zukunft alles Vergangenheit ist, treffen sie stets berühmte Persönlichkeiten, wenn sie in die "Geschichte" reisen, aber nur Otto Normalverbraucher, wenn sie die "Gegenwart" - also die Zeit, in der die Story geschrieben wurde - aufsuchen. Also kramt man aus den Schiffsarchiven Zeitreiseberichte heraus, forscht nach solchen ohne bemerkenswerte Begegnungen und identifiziert das Jahr 2012 als vermutliche Produktionszeit der Serie. Was sich als wahr herausstellt: "Intrepid" läuft dort seit 2007 ... witzigerweise genauso lange wie eine gleichnamige Fan-Fiction-Serie, die begeisterte Trekkies in unserer realen Welt produzieren. Hier feiert die Metafiktion wahrlich fröhliche Urständ!

Scharfer Blick und unerwartete Menschlichkeit

Das Buch ist damit zwar noch nicht einmal bei der Hälfte angekommen, hat aber schon so viele Gags und intelligente Einsichten geliefert, wie es AutorInnen, die sich stur innerhalb der Genre-Vorgaben bewegen, in ihrem ganzen Lebenswerk nicht hinkriegen. Natürlich ist Scalzi kein Pionier der Metafiktion: Die "Scream"-Serie hat augenzwinkernd die Erzählmechanismen des Horrorfilms aufs Korn genommen, Terry Pratchett hat selbiges für die Fantasy geleistet und unter dem Stichwort Narrativium gleichsam zum Naturgesetz erhoben. In Sachen Trash-SF gab es neben "Galaxy Quest" zuletzt auch z. B. den Roman "Die Nacht der lebenden Trekkies" - alles gute Ansätze, die Scalzi hier weiter ausarbeitet. Ohne "Star Trek" & Co zu desavouieren, richtet er ebenso humorvoll wie gnadenlos den Scheinwerfer überall dorthin, wo es die Serienware an Logik mangeln lässt. In einer klimaktischen Szene von "Galaxy Quest" fand Sigourney Weaver alias "Gwen DeMarco" den Weg zum Maschinenraum von einem wirbelnden Chaos mechanischer Teile versperrt und rief fassungslos: "Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn!" Den ProtagonistInnen von Redshirts entfährt derselbe Ruf immer wieder - und für manchen lauten "Das ist doch völlig idiotisch" auch die berühmten letzten Worte.

Im Original trägt "Redshirts" den Titelzusatz "A Novel With Three Codas", und diese drei Zusatzteile, die immerhin ein Viertel des Romans ausmachen, sind wichtig. Hier kommen drei Figuren zu Wort, die im Roman selbst nur eine kleine Nebenrolle spielen durften. Was aber nicht bloß eine erzählerische Verbeugung vor den Redshirts der Redshirts ist, sondern eine weitere Ebene der Metafiktion erschließt. Und die macht das vorangegangene Geschehen paradoxerweise zu etwas Echtem - nicht schlecht, der Trick. Außerdem wird es in den drei Codas noch einmal sehr menschlich. Was vielleicht das Unerwartetste an "Redshirts" überhaupt ist: Obwohl der Roman eine hochkomische Abrechnung mit gedankenfrei produzierter SF-Fließbandware darstellt, hat er auch wirklich berührende Momente. Gesamtnote daher: Großartig!

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