Rundschau: Zeitreisen und Höllentrips

Ansichtssache | Josefson
24. November 2012, 10:13
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coverfoto: heyne

John Scalzi: "Redshirts"

Broschiert, 432 Seiten, € 14,40, Heyne 2012 (Original: "Redshirts", 2012)

Die Empfehlung des Monats ist ein ebenso unterhaltsamer wie intelligenter Einblick in Erzählmechanismen der SF. Oder genauer gesagt in eines von deren Subformaten, die billig abgekurbelte TV-Serie. Unter Genre-Fans schon längst ein Begriff, dürften die Redshirts spätestens mit der 1999er "Star Trek"-Parodie "Galaxy Quest" auch ins Bewusstsein eines breiteren Publikums vorgedrungen sein. Jammert und zittert sich da doch Sam Rockwell als namenloses Crewmitglied durch den ganzen Film, stets in Angst vor einem plötzlichen Tod, weil er die falsche Uniformfarbe trägt: Rot.

Redshirts sind StatistInnen - insbesondere solche, die schon nach einem kurzen Auftritt zu Tode kommen, weil die Story es zu verlangen scheint. Das Prinzip gilt für sämtliche Actionfilme und -serien, nicht nur für die Science Fiction allein. Der Name allerdings hat seinen Ursprung tatsächlich in "Star Trek", wo es zum ersten Mal so richtig auffiel. Denn während Kirk & Co noch der tödlichsten Bedrohung auf wundersame Weise entkamen, starben die rot uniformierten niedrigen Chargen rings um sie wie die Fliegen.

Der Opferungseffekt ...

Diesen Redshirts hat US-Autor John Scalzi nun mit seinem gleichnamigen Roman - erst heuer im Original erschienen - ein Denkmal gesetzt. Einer davon hat gleich im Prolog eine Erleuchtung: Während Fähnrich Davis bei einer Außenmission auf irgendeinem Planeten von Monstern à la "Im Land der Raketenwürmer" umzingelt wird, dämmert ihm seine eigentliche Rolle. Nicht er selbst ist von Bedeutung, sondern sein Tod ... und das auch nur, weil dieser die eigentlichen Hauptfiguren mit einer neuen Ladung Human Drama aufpolieren wird: Schuldgefühle, Vorwürfe, Aussöhnung und Rehabilitierung - einer Vision gleich sieht Davis künftige Handlungsstränge vor sich. Es war eine wunderbare Geschichte. Ganz großes Drama. Und alles hing von ihm ab. Von diesem Moment. Von seinem Schicksal. Von Davis' Bestimmung. Fähnrich Davis dachte: Scheiß drauf, ich will leben! Und er wich zur Seite aus, um den Landwürmern zu entgehen. Doch dann stolperte er über einen, und ein anderer Landwurm fraß sein Gesicht, und er starb trotzdem.

Weil aber die "Intrepid", Flaggschiff der Sternenflotte der Universalen Union im 25. Jahrhundert, laufend Crew-Nachschub braucht, finden sich bald die nächsten Fähnriche ein. Rund um Andrew Dahl bildet sich eine Clique von Neulingen, und die stellen rasch fest, dass auf der "Intrepid" etwas ganz Merkwürdiges am Laufen ist. Zarte Hinweise gibt es ja genug: Etwa dass sich die niederrangigen Offiziere sofort in einem Lagerraum verstecken, wenn jemand aus der Führungsriege der "Intrepid" im Anmarsch ist. Oder dass ein seltsamer haariger Kerl auf Andrew mit der Warnung losspringt: Halte dich von der Story fern! Vor allem aber eine höchst ungewöhnliche Todesstatistik bei Außeneinsätzen: Während der Captain und seine Brückenkumpels jeder Gefahr mit heiler Haut entkommen oder sich zumindest aberwitzig schnell regenerieren, liegt die Sterblichkeitsrate unter ihren Begleitmannschaften jenseits von Gut und Böse. Andrew & Co können den Opferungseffekt sogar auf jeden einzelnen Führungsoffizier mathematisch herunterbrechen.

... und wie man ihm ein Schnippchen schlägt

Was aber dagegen tun? Da wartet Jenkins, besagter haariger Kerl, mit einer spektakulären Hypothese auf: Man befinde sich zwar in der Realität - doch einer, die von einer Fernsehserie geschaffen wurde; im Multiversum ist schließlich jede Version so real wie alle anderen. Also müsste man nur zu den Drehbuchschreibern dieser Serie in der Zeit zurückreisen und sie dazu bringen, weniger verschwenderisch mit Fähnrichsleben umzugehen. Leider kennt man die Serie nicht ... kann man gar nicht, denn jede fiktive Zeitlinie (wie in diesem Fall die der Universalen Union) muss immer kurz vor dem Zeitpunkt abzweigen, an dem sie erdacht wurde. Andernfalls könnten ihre BewohnerInnen ja sich selbst in alten TV-Archiven bewundern, und DAS wäre doch mal ein Zeitparadoxon, das sich gewaschen hat.

Wie Andrew und seine Freunde die Ära der Serie dann doch ausfindig machen, ist gleich das nächste Beispiel für Scalzis Durchschauen von Storytelling-Mechanismen. Zeitreisen in die Vergangenheit gehören zwar zum Grundrepertoire der SF, aber der Teufel steckt im Detail. Obwohl für Gäste aus der Zukunft alles Vergangenheit ist, treffen sie stets berühmte Persönlichkeiten, wenn sie in die "Geschichte" reisen, aber nur Otto Normalverbraucher, wenn sie die "Gegenwart" - also die Zeit, in der die Story geschrieben wurde - aufsuchen. Also kramt man aus den Schiffsarchiven Zeitreiseberichte heraus, forscht nach solchen ohne bemerkenswerte Begegnungen und identifiziert das Jahr 2012 als vermutliche Produktionszeit der Serie. Was sich als wahr herausstellt: "Intrepid" läuft dort seit 2007 ... witzigerweise genauso lange wie eine gleichnamige Fan-Fiction-Serie, die begeisterte Trekkies in unserer realen Welt produzieren. Hier feiert die Metafiktion wahrlich fröhliche Urständ!

Scharfer Blick und unerwartete Menschlichkeit

Das Buch ist damit zwar noch nicht einmal bei der Hälfte angekommen, hat aber schon so viele Gags und intelligente Einsichten geliefert, wie es AutorInnen, die sich stur innerhalb der Genre-Vorgaben bewegen, in ihrem ganzen Lebenswerk nicht hinkriegen. Natürlich ist Scalzi kein Pionier der Metafiktion: Die "Scream"-Serie hat augenzwinkernd die Erzählmechanismen des Horrorfilms aufs Korn genommen, Terry Pratchett hat selbiges für die Fantasy geleistet und unter dem Stichwort Narrativium gleichsam zum Naturgesetz erhoben. In Sachen Trash-SF gab es neben "Galaxy Quest" zuletzt auch z. B. den Roman "Die Nacht der lebenden Trekkies" - alles gute Ansätze, die Scalzi hier weiter ausarbeitet. Ohne "Star Trek" & Co zu desavouieren, richtet er ebenso humorvoll wie gnadenlos den Scheinwerfer überall dorthin, wo es die Serienware an Logik mangeln lässt. In einer klimaktischen Szene von "Galaxy Quest" fand Sigourney Weaver alias "Gwen DeMarco" den Weg zum Maschinenraum von einem wirbelnden Chaos mechanischer Teile versperrt und rief fassungslos: "Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn!" Den ProtagonistInnen von Redshirts entfährt derselbe Ruf immer wieder - und für manchen lauten "Das ist doch völlig idiotisch" auch die berühmten letzten Worte.

Im Original trägt "Redshirts" den Titelzusatz "A Novel With Three Codas", und diese drei Zusatzteile, die immerhin ein Viertel des Romans ausmachen, sind wichtig. Hier kommen drei Figuren zu Wort, die im Roman selbst nur eine kleine Nebenrolle spielen durften. Was aber nicht bloß eine erzählerische Verbeugung vor den Redshirts der Redshirts ist, sondern eine weitere Ebene der Metafiktion erschließt. Und die macht das vorangegangene Geschehen paradoxerweise zu etwas Echtem - nicht schlecht, der Trick. Außerdem wird es in den drei Codas noch einmal sehr menschlich. Was vielleicht das Unerwartetste an "Redshirts" überhaupt ist: Obwohl der Roman eine hochkomische Abrechnung mit gedankenfrei produzierter SF-Fließbandware darstellt, hat er auch wirklich berührende Momente. Gesamtnote daher: Großartig!

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23 Postings
Macht's gut und Danke für ....

Als ich vor über 10 Jahren in dieses Posting Universum gelangte, fand ich das Paradies. Als geborener Metamorph konnte ich seit 2002 in rund 1700 Postings und etwa 70 Identitäten die Bewohner dieser oft surrealen Welt studieren. Man kannte mich als xiinch, Mack Megaton, Neunfinger Logan, Eftalan Quest, Artjom oder Maxim Kammerer in allen Rubriken dieser Sphäre.

Nun hat sich das politische Umfeld dramatisch geändert. Identitäten sind gefordert, scharfe Benutzerprofile wünscht man sich. Leider widerspricht das meinem Grundauftrag als Prospektor, ich muss meine wahre Identität auch weiterhin tarnen.

Vielen Dank für ein spannendes Jahrzehnt, das Handtuch ist gepackt, der Daumen draussen, schnell noch ein Bier und [plooopp]...

Nach 7 Jahren und 4800 Postings

weiß außer den Standard.at Administratoren und ein paar Freunden noch immer niemand, wer Titeuf ist. Unter diesem Namen habe ich auch alle 4800 Postings geschrieben.
Wenn der Standard zur Verwendung des echten Namens zwingen würde, könnte ich sie verstehen und würde mich ihnen anschließen.

So empfinde ich ihre Reaktion eher als überzogenes Gejammere.

Guter Zeitpunkt und guter Thread!

Ich schließe mich an.

10 Jahre und fast 9000 Posts mit "Abodroc" und "Sotho Talker"

Es war sehr schön es hat mich sehr gefreut.

Wäre nett wenn derstandard einen "Verabschiedungsthread" erstellen würde. da könnte man über die Highlights "psoten"

Jetzt noch in den nächsten Tagen in mühsamer Kleinarbeit die eigenen Postings kopieren als schöne Erinnerung. (Auch das macht einem derstandard schwerer als zuvor...)

in dem sinne ebenfalls... machts gut und danke für den fisch

You say Goodbye

I say Hello

derStandard.at/Wissenschaft
13
5.12.2012, 12:59

Das wäre aber sehr schade. Und die Anonymität bleibt doch auch bei einem Pseudonym gewahrt?

Science Fiction & Fantasy

Großes Lob für die Politik: Der offizielle Armutsbericht der Bundesregierung ist eines der Werke, die für den renommierten Deutschen Science Fiction Preis nominiert worden sind.
http://tinyurl.com/armut-fiction

war das hier nciht viel länger unter den top-themen?

irre ich mich, oder war die rundschau nicht sonst vel länger weiter oben bzw. oben recht sauf der seite und damit präsenter?

guck, da isse ja wieder...

Wie immer was dabei, super Sache!

Nachtflug

werde ich mir zulegen - klingt nach "my cup of tea".

Noch was. Spaceman. Hatte ich doch glatt übersehen, obwohl ich das exzellente "100 Bullets" vom selben Team seinerzeit verschlungen habe.
Apropos 100 Bullets. Wer crime/noir comics mag ist mit der "Criminal" - Reihe von Brubaker/Phillips bestens bedient. Allerwärmste Empfehlung. Die Geschichten gehören zu den großartigsten graphic Novels, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Finger weg von "Red Shirts"

Das Buch ist noch schlechter als die Flachheiten die Scalzi üblicherweise abliefert.

Dem kann ich nur zustimmen. Das Geschichte war zu Ende, aber ein Viertel vom Buch war noch übrig.

Werter Herr Josefson, wie immer eine schmackhafte Mischung. Ich hätte eine Frage Zu ihrem Leseverhalten, lesen sie schon elektronisch oder ausschließlich Taschenbuch, gebundene Science Fiction gibt es ja so gut wie gar nicht. Welche Genres lesen sie noch obwohl ich mir nicht vorstellen kann, das bei dieser Menge noch Zeit für zusätzliche Lektüre bleibt:-)

J. Josefson
02
25.11.2012, 11:27

Ich hab ein Buch gern in der Hand. Wirkliche "Taschenbücher" gibt's ja leider gar nicht mehr, ich fand die superpraktisch.
Und nein, viel Zeit für andere Titel bleibt daneben wirklich nicht mehr, außer für Sachbücher.

scalzi

ja, ja, sicher. aber scalzi hatte schon mehr erzählerischen fluss. in allen anderen büchern. der thematik geschuldet meinetwegen. aber trotzdem... nicht, dass ich das buch nciht verschlungen habe...

gerade die wichtigkeit von scotty wurde also später echt durchs rote t-Shirt symbolisiert..? ich wusste es!!

Gibt es doch tatsächlich ein Buch über die Geschichten von Hellboy.*Schauder*

Selbst bin ich gerade mit Band 4 von Steven Eriksons "Das Spiel der Götter" beschäftigt. Eine wirklich schicke Fantasy Reihe, mit mmn sehr gut gezeichneten Figuren. Bin schon gespannt als was sich Kruppe entpuppt.

Hab schon gewartet dass hier mal wer den Erikson erwähnt. Hab alle 10 verschlungen. Danach R. Scott Bakker und Joe Abercrombie. Nicht ganz aber fast ein bissl wie der Erikson. Any other Tips?

K.J. Parker: "Engineer Trilogy" oder aktuell "Sharps".

Ken Scholes: "Psalms of Isaak" Serie (ist aber noch nicht abgeschlossen.

Ian Cameron Esslemont (Malazan Empire), Tad Williams (Shadowmarch), Robert VS Redick.

Patrick Rothfuss, The Name of the Wind und The Wise Man's Fear. Echte Pageturner.

Ein klassisches Epos mit Dämonen und Magie, erzählt als - sehr kurzweilige - Retrospektive eines talentierten Tausendsassas namens Kvothe... :)

Hab ich daheim stehen aber schreckt mich derzeit noch aufgrund des kleinen Drucks ab. Na ja, die Bücher hab ich ja zum Lesen gekauft. Als nächstes ist bei mir aber vermutlich endlich mal der Omnibus mit der gesamten "Hitchhiker's"-Reihe dran. (Na fast gesamt, ich glaub die unbeendeten Teile sind nicht dabei.)
Wird natürlich mit Handtuch gelesen (auch wenn das Handtuch dabei im Bad verbleibt).
Danach schauen wir mal wegen Name of the Wind. Steht im "zu-lesen"-Regal eh schon eine Ewigkeit vorn. Genauso wie Der Graf von Monte Christo.

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