Polnische Zeitung entließ Redakteure wegen Smolensk-Berichts

6. November 2012, 15:06
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Artikel über angeblichen Sprengstoff in Unglücksflugzeug sei "nicht belegt" gewesen - Ex-Präsident Walesa fordert Russland zur Rückgabe des Wracks auf

Warschau - Die zweitgrößte polnische Qualitätszeitung "Rzeczpospolita" hat sich wegen eines Beitrags über das Flugzeugunglück bei Smolensk im April 2010 von Chefredakteur Tomasz Wroblewski und weiteren leitenden Redakteuren getrennt. Auch der Autor des Textes, der als Enthüllungsjournalist geltende Cezary Gmyz, verliert seinen Arbeitsplatz. Der Artikel hatte behauptet, an Wrackteilen des Flugzeuges seien Spuren von Sprengstoff gefunden worden.

"Dieser Text war überhaupt nicht belegt, schon der Titel war eine grobe Verfälschung der Tatsachen", erklärte der Eigentümer der Zeitung, Grzegorz Hajdarowicz, in einer Pressemitteilung. Die "Rzeczpospolita" legte dabei auch Details ihrer internen Nachforschungen offen. So hätte der Autor des Artikels, Gmyz, Aufnahmen und Dokumente, die er von seinen Quellen erhalten hatte, in einer Anwaltskanzlei hinterlegen sollen. Dies sei jedoch trotz vorheriger Zusicherung nicht geschehen, erklärte Hajdarowicz.

"Reihe von Lügen"

Gmyz verglich den Umgang mit ihm am Dienstag gegenüber dem Internetportal "wpolityce.pl" mit der Pressezensur in der kommunistischen Volksrepublik Polen. Die Erklärung des "Rzeczpospolita"-Herausgebers enthalte "eine Reihe von Lügen", so Gmyz.

Der Artikel mit dem Titel "Trotyl am Wrack der Tupolew" rief in der vergangenen Woche heftige Reaktionen in Polen hervor. Er bezog sich auf die Untersuchungen polnischer Wissenschafter in Russland und schien die These zu stützen, dass es sich bei der Flugzeugkatastrophe um ein Attentat auf den an Bord befindlichen damaligen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski handelte. Diese Behauptung wurde von Politikern der rechtskonservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) aufgestellt.

Die polnische Staatsanwaltschaft wies die Darstellung in der "Rzeczpospolita" zurück. Die an den Wrackteilen gefundenen Spuren könnten auch von ganz anderen Substanzen als Trotyl und Nitroglycerin herrühren, hieß es. Auch die Zeitung relativierte ihren Artikel noch am Erscheinungstag im Internet, Chefredakteur Wroblewski bot seinen Rücktritt an. Besonders heftig fiel die Reaktion des Oppositionsführers Jaroslaw Kaczynski, Zwillingsbruder des verstorbenen Präsidenten und PiS-Vorsitzender, aus: "Die Ermordung von 96 Personen ist ein ungeheuerliches Verbrechen", erklärte er gegenüber Journalisten.

Auch wegen der so entstandenen Aufregung verurteilen in Polen immer mehr Politiker Russland dafür, dass es die Wrackteile der Unglücksmaschine bisher nicht zurückgab und dadurch Spekulationen wie die der "Rzeczpospolita" befördere. "Das ist ein widerliches Spiel", erklärte Ex-Präsident Lech Walesa gegenüber Radio Zet. Das Flugzeug sei polnisches Eigentum und müsse auch zurückgegeben werden. Die polnische Regierung fordert die Überführung des Wracks seit langem, in den Augen der Opposition jedoch nicht vehement genug. (APA, 6.11.2012)

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