Kurze Miniröcke und die sexuellen Fantasien des armen Professors

Gastkommentar | Thomas Schmidinger
7. November 2012, 08:16

Kritische Anmerkungen zu Leopold Federmairs Text "Was hat es mit "Sekuhara" auf sich?

Wie kann man sich die Textproduktion des Schriftstellers und Übersetzers Leopold Federmairs vorstellen, der, wie uns DER STANDARD berichtet, zuletzt mit dem Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung ausgezeichnet wurde?

Sitzt hier ein einsamer österreichischer Unilektor an einer japanischen Universität, ständige aufgegeilt von seinen flirtenden Studentinnen, deren "Miniröcke so kurz" sind, "dass man ihr Höschen sieht, wenn sie im Unterricht" aufstehen, und der sich ständig darüber ärgert, dass ihm die bösen japanischen Universitäten untersagen wollen, sich mit diesen Studentinnen sexuell zu vergnügen? Und jetzt wird ihm auch noch eine Chefin vorgesetzt, die kein "verführerisches Verhalten an den Tag legt", sondern "ein geschlechtsloses Wesen, über fünfzig, ohne Kinder und Ehemann", also völlig ungeeignet für die sexuellen Fantasien, die sich Herr Federmair über japanische Frauen so ausgemalt hatte.

Wir haben ja alle so unseren kleinen privaten Fetischismen und Fantasien, und dagegen ist auch grundsätzlich nichts einzuwenden. Spätestens wenn diese aber mit der Forderung verbunden werden, ein Professor dürfe doch bitte mit seinen Studentinnen, die doch angesichts ihres "verführerischen Verhaltens" ohnehin selbst schuld seien, hat diese Argumentation nichts mehr mit einer rationalen Auseinandersetzung zu tun, sondern erinnert vielmehr an den Auslöser der mittlerweile weltweit organisierten sogenannten "Slutwalks".

Gegenseitiger Respekt vor persönlichen Entscheidungungen

Der kanadische Polizeibeamte Michael Sanguinetti hatte am 24. Jänner 2011 erklärt, dass es "Frauen vermeiden sollten, sich wie Schlampen anzuziehen, um nicht zum Opfer zu werden". Seither organisierten sich weltweit Frauen und solidarische Männer und andere Nichtfrauen in sogenannten Slutwalks, um für die Unantastbarkeit der sexuellen Integrität des Menschen, den gegenseitigen Respekt vor der persönlichen Entscheidung gegen oder für sexuelle Annäherungen und das Recht, sich zu kleiden, wie frau will, auf die Straße zu gehen.

Federmairs Argumentation in dem STANDARD-Beitrag "Was hat es mit Sekuhara auf sich?" solidarisiert sich hier mit Sanguinetti und dem Stammtischgebrüll männlicher Selbstgefälligkeit zum männerbündischen Gerede über die "Schlampen", die sich nicht zu wundern brauchen, wenn sie sich so anziehen und benehmen.

Spätestens hier frage ich mich, was diese männerbündischen Sexualfantasien in der Wochenendbeilage des STANDARD verloren haben.

Politische Korrektheit abhandengekommen?

In den letzten Jahren habe ich in keiner österreichischen Tageszeitung einen frauenfeindlicheren Artikel gelesen, der sexuelle Belästigung an Universitäten offener verharmlost als der Artikel von Leopold Federmair in der letzten Wochenendbeilage des STANDARD.

Mag sein, dass Federmairs sexuelle Fantasien mit seinen japanischen Studentinnen enttäuscht wurden. Mag auch sein, dass es sich noch nicht bis zu Federmair durchgesprochen hat, dass sich seit dem Ende der griechischen Päderastie in den letzten 2.000 Jahren die Pädagogik von der Sexualität getrennt weiterentwickelt hat. Dass Sex zwischen Lehrenden und Studierenden an Universitäten verboten ist, ist jedenfalls keine japanische Besonderheit, sondern weltweit Standard bei allen Universitäten, die halbwegs etwas auf sich halten. An österreichischen Universitäten würden ihm als Lehrendem jedenfalls auch seine Studentinnen versagt bleiben.

Selbstverständlich kommen solche Übergriffe auch in Österreich vor. Lehrende, die dabei erwischt werden, bekommen aber völlig zu Recht gravierende Probleme. In diesem Zusammenhang wird davon ausgegangen, dass es in einem Abhängigkeitsverhältnis, wie es zwischen Lehrenden und Studierenden existiert, letztlich keine Einvernehmlichkeit geben kann.

Sex ohne Abhängigkeitsverhältnis

Dies hat nichts mit Lustfeindlichkeit zu tun und führt auch entgegen der Annahme Federmairs nicht in ein verallgemeinertes "Scheinleben von angepassten Zombies, vor denen niemand etwas zu befürchten hat und die niemanden zu fürchten brauchen". Und es ist entgegen den Mutmaßungen des österreichischen Literaten nicht der Grund dafür, dass "keine Kinder mehr gezeugt" würden und Japan deshalb "an demografischer Überalterung" leide. Sex gehört einfach nicht in das Abhängigkeitsverhältnis zwischen meist männlichen Lehrern und meist weiblichen Schülerinnen beziehungsweise Studentinnen, sondern in die freie Wildbahn, wo sich Menschen ohne klare Hierarchien und Abhängigkeiten begegnen können.

Dort kann in der freiwilligen Begegnung erwachsener und mündiger Menschen alles geschehen, was auf andere vielleicht auch noch so befremdlich wirken möge. Wer guten Sex will, wird diesen wohl auch mit anderen Menschen als mit seinen Studentinnen genießen können und notfalls - wenn man sich wirklich einmal in eine Studentin verlieben sollte - eben zumindest darauf warten können, bis sie nicht mehr seine Studentin ist. Das sollte auch Herr Federmair langsam verstehen oder zumindest akzeptieren müssen.

Dass DER STANDARD diesen partiarchalen Ergüssen professoraler Libido im Jahr 2012 eine ganze Seite einräumt, ist beschämend. Es werden damit nicht nur Frauen herabgewürdigt, sondern letztlich auch männliche Lehrende, wenn diese ausschließlich als schwanzgesteuerte Wesen darstellt werden, die sich bei ihren Studentinnen einfach nicht zurückhalten können. (Thomas Schmidinger, derStandard.at, 7.11.2012)

Thomas Schmidinger ist Politikwissenschaftler und Lektor an der Universität Wien und der Fachhochschule Vorarlberg sowie Mitglied des Betriebsrats für das wissenschaftliche Personal der Universität Wien.

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dieser professor, selber geb. 1957/55 Jahre alt, mokiert sich also über seine vorgesetzte, die "über 50" ist, und phantasiert von seinen - halb so alten - studentinnen?
klingt ja nach schlimmster männlicher midlife-crisis und unfähigkeit, eine weibliche vorgesetzte zu ertragen, die offenbar noch dazu jünger ist als er. für einen sexisten ist das ja wohl eine doppelte schmach.

nach dem versuch einer verbalen lynchaktion besteht theoretisch und praktisch die möglichkeit, zum telefonhörer zu greifen und um verzeihung zu bitten.

http://de.wikipedia.org/wiki/Leop... _Federmair

"Sitzt hier ein einsamer österreichischer Unilektor an einer japanischen Universität, ständige aufgegeilt von seinen flirtenden Studentinnen, deren "Miniröcke so kurz" sind, "dass man ihr Höschen sieht, wenn sie im Unterricht" aufstehen, und der sich ständig darüber ärgert, dass ihm die bösen japanischen Universitäten untersagen wollen, sich mit diesen Studentinnen sexuell zu vergnügen?"

wenn sich herr schmidinger informiert hätte, wüsste er, dass federmair mit japanischer frau und tochter lebt.

Wahnsinn.

Dieser Text ist um klassen schlechter, als die formulierten, diskussionswürdigen "Ansätze" Federmairs, die wenigstens noch so etwas wie "Stil" haben.

Es geht hier gar nicht um Sex, Sekuhara oder Ähnliches.

Es geht um den kulturellen Marianangraben, der sich auftut, wenn man als Europäer mit Japanern zu tun hat.

Die Sexualität ist nur die Spitze eines Eisberges an kulturellen Unterschieden zwischen Europa und Japan. Und der Japaner-Sex ist das befremdlichste an diesem ganzen Volk.

Was Herr Federmair und seine "Widersacher" hier beschreiben, haben bereits die Zillertakler Schürzenjäger gewusst, wenn auch nicht akademisch, sondern volkstümlich ausgedrückt: "Wos woaß i wos dös is, des woaß kana, oba sicha wieda wos von die Japaner..."

eine frage

"Und der Japaner-Sex ist das befremdlichste an diesem ganzen Volk."

Was bedeutet dieser Satz?

J-Sex

Bei vielen Postings merkt man, daß von Sexualität in Japan nur ein paar Auswüchse, Extremformen ins europäische Bewußtsein dringen. Weil die Massenmedien nur das zeigen. Meiner Erfahrung nach ist Japan ein Land, in dem man sich dauernd um Normalität bemüht und damit auch reüssiert. Im Guten wie im Schlechten. Das gilt auch für Sex. Ein Problem sehe ich darin, daß vieles Persönliche und Emotionale nach außen hin nicht gezeigt wird, auch nicht andeutungsweise. Das kann u.a. Sekuhara und Voyeurismus begünstigen. (Aus diesem Grund mein Plädoyer für mehr Sinnlichkeit.)

Federmair gegen die Vertrockneten. Runde 2

Sachlich sind sie,na klar,geschenkt,im Recht...
Der förmliche Furor gegen Federmair hingegen legt eine persönl., befremdliche Animosität od. sonstige pers. Betroffenheit nahe...
Sie dürften den Hrn.Federmaier,sei er nun sexistisch oder nicht ,nun wirklich gar nicht mögen...

Die heftigen Diskussionen zu meinem Text

haben bei mir Erinnerungen aus den letzten zwei Jahren wachgerufen. Nur eine will ich hier mitteilen. Bei einer meiner ersten Begegnungen mit der neuen Institutsleiterin habe ich ihr gesagt, daß ihr Vorgänger wegen Sekuhara entlassen worden sei. Sie hatte es nicht gewußt. Meine Offenheit, dachte ich, würde zu einer guten Zusammenarbeit beitragen. Seitdem habe ich mit ihr kein einziges auch nur irgendwie persönliches Gespräch führen können. Warum? Weil sie - meine Beobachtung, mein Schluß - dazu nicht imstande ist, es nie gelernt hat. Mehr will ich dazu hier nicht mehr sagen. An geeigneter Stelle, falls es je zu einer Aufarbeitung kommt, werde ich es tun. (Übrigens ist es auch unfair, mir Informationen zu entlocken, die mir schaden können.)

12.11.2012, 17:17

Danke für diesen Kommentar. Es ist beängstigend dass jemand wie Federmair Studentinnen unterrichten darf.

"In den letzten Jahren habe ich in keiner österreichischen Tageszeitung einen frauenfeindlicheren Artikel gelesen, der sexuelle Belästigung an Universitäten offener verharmlost als der Artikel von Leopold Federmair in der letzten Wochenendbeilage des STANDARD."

Wo im Artikel von Herrn Federmair steht die frauenfeindliche Aussage? Ich als Frau spüre sie nicht. Er rechtfertigt keineswegs die sexuelle Belästigung. Er ist kritisch gegenüber der etwas mangelnden Kommunikationsfähigkeit und Offenheit der Professorin, aber nicht der Frau / der Frauen gegenüber.

Erbärmluch

Mein Gott, Herr Schmiedinger, wie erbärmlich! Wie erbärmlich Ihr Rekurs auf die "politische Korrektheit". Wie erbärmlich Ihr zwanghaftes Hineininterpretieren von etwas, was im Artikel überhaupt nicht steht, so etwa nach dem Motto: Ich interpretiere etwas hinein, was ich dann wunderbar verteufeln kann. Wie erbärmlich diese Anbiederungsgesten. Man mag sich nicht ausdenken, in welchen Systemen Sie noch reüssiert hätten, wenn sich die Gelegenheit ergeben hätte.

Immer schön die Opfertäterumkehr betreiben. Aus welchen Systemen DAS kommt, wissen wir ja.

Opfer-Täter-Umkehr ist etwas grausliches,- aber

wer genau tut das in diesem Kontext?
Bitte um Zitate.

Wenn ich gegen Gewalt bin, wuerde man mir in derselben Manier unterstellen, ich würde heimlich von Gewalt phantasieren, sonst würde ich sie nicht kritisieren. Diese Methode nennt man Opfertaeterumkehr.

Aus dem Arikel zu Sekuhara:
"Die Frau, die wir bekommen haben, ist allerdings keine Frau, sie ist ein geschlechtsloses Wesen, über fünfzig, ohne Kinder und Ehemann"

Na servas. Verstehe, eine Frau, die nicht den männlichen Vorstellungen von Schönheit entspricht, außerdem alt und noch dazu unverheiratet und ohne Kinder - das kann ja keine "richtige Frau sein". Dass sich Herr Federmair anmaßt, zu beurteilen, wer als richtige Frau gilt und wer nicht, spricht eh schon Bände. Wie soll ich die Ansichten so eines Menschen ernst nehmen, für den "unverheiratet" und "kinderlos" eine Frau quasi disqualifizieren?

Glauben Sie im Ernst, daß es solche Personen nicht gibt? Bezweifeln Sie, daß es Personen gibt, die ihre Geschlechtlichkeit nie entfalten, vielleicht auch auf Sie verzichten, sie aber aus irgendwelchen Gründen nicht zum Ausdruck bringen? Glauben Sie wirklich, daß es völlig unerheblich ist, wie jemand aussieht? Glauben Sie nicht, daß die Art, wie man lebt, mit den Jahren auf das Aussehen Einfluß hat? Wollen Sie wirklich sagen, daß man eine Frau wie die in meinem Text kurz beschriebene nicht erwähnen darf?

wenn sie echt glauben, dass die "entfaltung der geschlechtlichkeit" einer frau sich nur durch ehe und kinderkriegen manifestieren kann, und alle kinderlosen und unverheirateten frauen ergo ungeschlechtliche wesen, keine richtigen frauen sind, bzw. sie das durch einen blick auf das aussehen beurteilen können - vermutlich ist ihre chefin nicht geschminkt und trägt keine miniröcke - na dann leben sie halt weiter mit ihren machistischen stereotypen von geschlechtlichkeit, frausein, etc. aber belästigen sie ihre umwelt nicht damit.
und übrigens schauen sie auch keinen tag jünger aus als sie sind, sondern verlebt und älter als 55.

Asexualität und Antisexualität

Die Wirklichkeit ist tausendmal vielfältiger als die unvermeidlichen Stereotypen, die wir im Kopf herumtragen. Ich erzähle noch ein Detail, es hat sich vor wenigen Tagen ereignet. Eine Studentin schreibt - mit Begeisterung - über Schnitzlers "Reigen". In einem Monat soll sie die Diplomarbeit bei ihrer(geschlechtslosen) Betreuerin abgeben. Plötzlich teilt ihr die Professorin mit, sie könne doch nicht über einen so schamlosen Autor schreiben, sie dürfe gewisse Worte nicht in einer Diplomarbeit verwenden. Die Studentin ist verzweifelt, was soll Sie jetzt tun?
Wohlgemerkt, das Thema ist nicht Jelinek, sondern Schnitzler.

Hut ab, Herr Federmair, dass Sie hier mit richtigem Namen posten. Trotzdem finde ich, Sie reden sich um Kopf und Kragen und jeder Ihrer Rechtfertigungsversuche offenbart noch mehr, welch Geistes Kind Sie sind - und Ihr Unverständnis und Ihr mangelndes Einfühlungsvermögen. Die Kritik an Ihren Aussagen ist durchaus berechtigt.
Natürlich darf man Frauen wie die Beschriebene erwähnen; nur, dass diese Beschreibung Ihre Interpretation ist, eine abwertende und degradierende Interpretation, über einen Menschen, von dessen (Innen)Leben Sie keine Ahnung haben. Das ist - mit Verlaub - eines Menschen, der sich selbst damit rühmt, ein neutral Betrachter/Beschreiber sein zu wollen, unwürdig.

Was hat die Entfaltung der Gerschlechtlichkeit mit der Eignung für ein Rektorenamt zu tun?
Laufhausstudium betreiben wollen: gar nichts.

Von einem Rektorat ist hier überhaupt nicht die Rede. Aber wenn Sie schon das Wort gebrauchen: Es gibt Personen, bei denen weiß ich (und nicht nur ich), daß die Universität, wären sie Rektor und hätten realiter die entsprechenden Befugnisse, den Bach runtergehen würde.

Ist das jetzt ein ja oder ein nein?

Wahrscheinlich wird meine Antwort wieder einmal verspätet freigeschaltet, so kommts dann zu Wiederholungen. Also nochmal: Bei einm Rektorat geht es nicht ums Unterrichten, nicht um den täglichen Umgang mit Studenten. Das konkrete Anforderungsprofil für einen Institutsleiter und Lehrer kann man nur konkret bestimmen, je nach der jeweiligen Situation des Instituts. In der von mir beschriebenen Situation spielt Geschlechtlichkeit sehr wohl eine Rolle. Anforderungen gibt es jedoch eine ganze Reihe. Zu Fachqualifikation und Organisationsfähigkeit sollten meiner Meinung nach auch menschliche Fähigkeiten und Kommunikationsbereitschaft treten.

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