Kurze Miniröcke und die sexuellen Fantasien des armen Professors

Gastkommentar |

Kritische Anmerkungen zu Leopold Federmairs Text "Was hat es mit "Sekuhara" auf sich?

Wie kann man sich die Textproduktion des Schriftstellers und Übersetzers Leopold Federmairs vorstellen, der, wie uns DER STANDARD berichtet, zuletzt mit dem Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung ausgezeichnet wurde?

Sitzt hier ein einsamer österreichischer Unilektor an einer japanischen Universität, ständige aufgegeilt von seinen flirtenden Studentinnen, deren "Miniröcke so kurz" sind, "dass man ihr Höschen sieht, wenn sie im Unterricht" aufstehen, und der sich ständig darüber ärgert, dass ihm die bösen japanischen Universitäten untersagen wollen, sich mit diesen Studentinnen sexuell zu vergnügen? Und jetzt wird ihm auch noch eine Chefin vorgesetzt, die kein "verführerisches Verhalten an den Tag legt", sondern "ein geschlechtsloses Wesen, über fünfzig, ohne Kinder und Ehemann", also völlig ungeeignet für die sexuellen Fantasien, die sich Herr Federmair über japanische Frauen so ausgemalt hatte.

Wir haben ja alle so unseren kleinen privaten Fetischismen und Fantasien, und dagegen ist auch grundsätzlich nichts einzuwenden. Spätestens wenn diese aber mit der Forderung verbunden werden, ein Professor dürfe doch bitte mit seinen Studentinnen, die doch angesichts ihres "verführerischen Verhaltens" ohnehin selbst schuld seien, hat diese Argumentation nichts mehr mit einer rationalen Auseinandersetzung zu tun, sondern erinnert vielmehr an den Auslöser der mittlerweile weltweit organisierten sogenannten "Slutwalks".

Gegenseitiger Respekt vor persönlichen Entscheidungungen

Der kanadische Polizeibeamte Michael Sanguinetti hatte am 24. Jänner 2011 erklärt, dass es "Frauen vermeiden sollten, sich wie Schlampen anzuziehen, um nicht zum Opfer zu werden". Seither organisierten sich weltweit Frauen und solidarische Männer und andere Nichtfrauen in sogenannten Slutwalks, um für die Unantastbarkeit der sexuellen Integrität des Menschen, den gegenseitigen Respekt vor der persönlichen Entscheidung gegen oder für sexuelle Annäherungen und das Recht, sich zu kleiden, wie frau will, auf die Straße zu gehen.

Federmairs Argumentation in dem STANDARD-Beitrag "Was hat es mit Sekuhara auf sich?" solidarisiert sich hier mit Sanguinetti und dem Stammtischgebrüll männlicher Selbstgefälligkeit zum männerbündischen Gerede über die "Schlampen", die sich nicht zu wundern brauchen, wenn sie sich so anziehen und benehmen.

Spätestens hier frage ich mich, was diese männerbündischen Sexualfantasien in der Wochenendbeilage des STANDARD verloren haben.

Politische Korrektheit abhandengekommen?

In den letzten Jahren habe ich in keiner österreichischen Tageszeitung einen frauenfeindlicheren Artikel gelesen, der sexuelle Belästigung an Universitäten offener verharmlost als der Artikel von Leopold Federmair in der letzten Wochenendbeilage des STANDARD.

Mag sein, dass Federmairs sexuelle Fantasien mit seinen japanischen Studentinnen enttäuscht wurden. Mag auch sein, dass es sich noch nicht bis zu Federmair durchgesprochen hat, dass sich seit dem Ende der griechischen Päderastie in den letzten 2.000 Jahren die Pädagogik von der Sexualität getrennt weiterentwickelt hat. Dass Sex zwischen Lehrenden und Studierenden an Universitäten verboten ist, ist jedenfalls keine japanische Besonderheit, sondern weltweit Standard bei allen Universitäten, die halbwegs etwas auf sich halten. An österreichischen Universitäten würden ihm als Lehrendem jedenfalls auch seine Studentinnen versagt bleiben.

Selbstverständlich kommen solche Übergriffe auch in Österreich vor. Lehrende, die dabei erwischt werden, bekommen aber völlig zu Recht gravierende Probleme. In diesem Zusammenhang wird davon ausgegangen, dass es in einem Abhängigkeitsverhältnis, wie es zwischen Lehrenden und Studierenden existiert, letztlich keine Einvernehmlichkeit geben kann.

Sex ohne Abhängigkeitsverhältnis

Dies hat nichts mit Lustfeindlichkeit zu tun und führt auch entgegen der Annahme Federmairs nicht in ein verallgemeinertes "Scheinleben von angepassten Zombies, vor denen niemand etwas zu befürchten hat und die niemanden zu fürchten brauchen". Und es ist entgegen den Mutmaßungen des österreichischen Literaten nicht der Grund dafür, dass "keine Kinder mehr gezeugt" würden und Japan deshalb "an demografischer Überalterung" leide. Sex gehört einfach nicht in das Abhängigkeitsverhältnis zwischen meist männlichen Lehrern und meist weiblichen Schülerinnen beziehungsweise Studentinnen, sondern in die freie Wildbahn, wo sich Menschen ohne klare Hierarchien und Abhängigkeiten begegnen können.

Dort kann in der freiwilligen Begegnung erwachsener und mündiger Menschen alles geschehen, was auf andere vielleicht auch noch so befremdlich wirken möge. Wer guten Sex will, wird diesen wohl auch mit anderen Menschen als mit seinen Studentinnen genießen können und notfalls - wenn man sich wirklich einmal in eine Studentin verlieben sollte - eben zumindest darauf warten können, bis sie nicht mehr seine Studentin ist. Das sollte auch Herr Federmair langsam verstehen oder zumindest akzeptieren müssen.

Dass DER STANDARD diesen partiarchalen Ergüssen professoraler Libido im Jahr 2012 eine ganze Seite einräumt, ist beschämend. Es werden damit nicht nur Frauen herabgewürdigt, sondern letztlich auch männliche Lehrende, wenn diese ausschließlich als schwanzgesteuerte Wesen darstellt werden, die sich bei ihren Studentinnen einfach nicht zurückhalten können. (Thomas Schmidinger, derStandard.at, 7.11.2012)

Thomas Schmidinger ist Politikwissenschaftler und Lektor an der Universität Wien und der Fachhochschule Vorarlberg sowie Mitglied des Betriebsrats für das wissenschaftliche Personal der Universität Wien.

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