Politshow zwischen Partyvolk und "Balkanpop"

6. November 2012, 12:50
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Ob Turbofolk, Folklore oder Bälle: Das Sponsoring von Events aus der Szene gehört zum festen Repertoire politischer Parteien

Wien - Bunt, grell und kaum zu übersehen: So präsentieren sich die Stars vom Balkan und aus der Türkei auf den zahlreichen Plakaten, die man in den Straßen Wiens finden kann. Weniger auffällig, aber dafür immer öfter stößt man dabei auch auf Parteilogos der FPÖ, die auf Plakaten und Flyern prangen. Aber auch andere Parteien machen kein Geheimnis daraus, Migranten als große Wählergruppe gezielt bei solchen Veranstaltungen anzusprechen.

Während die SPÖ in Wien schon seit Jahren in dieser Eventszene aktiv ist, hat die FPÖ spätestens im Vorfeld der Wien-Wahl 2010 erkannt, dass ihre "Ausländer raus"-Strategie potenzielle Wähler ausschließt. Immerhin stellen die Serben in Österreich mit rund 300.000 Menschen die zweitgrößte Migrantengruppe dar - noch vor den Türken, und die knapp 70.000 Kroaten stehen an sechster Stelle.

Blaue Strategie

Die FPÖ verfolgt dabei ein Konzept: Sie wirbt vor allem um christliche Gruppen - im Speziellen um die Gunst der Serben. Einige von ihnen haben sich seit der Aussage des Ex-Kanzlers Alfred Gusenbauer (SPÖ) im Jahr 2008, die Unabhängigkeit des Kosovo anzuerkennen, von den Roten abgewandt.

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache wusste das für sich zu nutzen und unterstützte im Jahr 2008 serbische Proteste gegen die Unabhängigkeit. Im Zuge einer Benefizgala für Serben im Kosovo lernte er auch Konstantin Dobrilović kennen. Der ehemalige Priesteranwärter und studierte Theologe ist Vorsitzender der von der FPÖ eigens gegründeten Christlich-Freiheitlichen Plattform (CFP). Diese dient der "Wahrung der abendländischen Traditionen des Christentums", so die Beschreibung auf der Homepage. Der Plakatspruch "Abendland in Christenhand" bei der Wien-Wahl vor zwei Jahren, das blaue Gebetsband der Serbisch-Orthodoxen, das Strache auf Plakaten trug, und der öffentliche Auftritt mit dem Kreuz rundeten das Bild ab.

Massenmagnet "Turbofolk"

Dass die Partei nur auf bestimmte Gruppen abzielt, dementiert CFP-Vorsitzender Dobrilovic: "Wir wollen alle ansprechen." Aber: "Wir unterscheiden schon zwischen denen, die sich integrieren, und denen, die es nicht tun." Er sieht dahinter dennoch kein Wahlkalkül: "Wir gehen nicht auf Serbenfang. Die FPÖ unterstützt die Gemeinschaft, und dazu gehören Folklore und Turbofolk-Konzerte."

Netter Nebeneffekt: Solche Konzerte locken tausende Besucher an. Die Mischung aus volkstümlichen Elementen, eingängigen Melodien und elektronischen Beats ist seit 25 Jahren ein Garant für massentaugliche Events. Die Lieder handeln meist von denselben Dingen: von Liebe, Herzschmerz und Alkohol. Mitsingen und Mittanzen lautet die Devise - auch für den Parteichef: Anfang Oktober 2010, eine Woche vor der Wien-Wahl, tauchte Strache auf dem Konzert der Popstars Severina und Goran Bregovic auf. Aber auch anders wird geworben: "Wir verteilen Flyer, Feuerzeuge, Kugelschreiber. Aber niemand hält politische Reden", erklärt Dobrilović.

"Gefördert werden auch kleine Veranstaltungen", erzählt Nemanja Damnjanović, FPÖ-Bezirksrat in Wien-Simmering und verantwortlich für die Kontakte in der Szene. Mit einem Kollegen entwickelte er Anfang 2012 ein Konzept für die FPÖ, um das Sponsoring professioneller zu gestalten.

Ein kleiner Auszug aus dem blauen Eventkalender: Anfang Oktober holte die FPÖ etwa eine junge Sängerin von "Zvezde Granda", einer erfolgreichen serbischen Castingshow, nach Wien. Im Dezember findet eines der größeren Events statt: Der "Becki Oskar Popularnosti" - eine "Oscar"-Verleihung für besonders erfolgreiche Musiker und Unternehmer aus Ex-Jugoslawien. Rund 30 Stars werden dort sein. Der Abend wurde bereits mehrmals von der SPÖ gesponsert, die FPÖ ist zum zweiten Mal dabei. Damnjanovic stellt aber klar: "Wir förden nur mit kleinen Beträgen."

Einige Veranstalter wollen aber mehr: "Wir brauchen Geld, keine Gummibären", sagt etwa Slobodan Lajić, Eventmanager bei der Agentur Estrada Events, die schon zahlreiche Superstars aus Ex-Jugoslawien nach Wien geholt hat. Am Samstag ist die serbische Poplegende "Ceca" am Start. Wenn die Summe stimmt, hätte der Unternehmer nichts gegen Parteisponsoring.

"Billiger Stimmenfang"

Politikwissenschafter Thomas Schmidinger sieht die blauen Annäherungsversuche kritisch: "Das Ziel der FPÖ ist Wählermaximierung. Sie nützt ethnisierte Konflikte aus und schafft Feindbilder." Auch die Wiener SPÖ-Politikerin Nurten Yilmaz ist skeptisch: "Das ist billiger Stimmenfang. Die Strategie der FPÖ ist grob und plump." Ihre Partei hingegen sei schon seit den 90er-Jahren strukturell aktiv - "noch bevor der Vorwurf des Wählerstimmenfangs greifen konnte, weil viele damals nicht Staatsbürger waren."

Vor allem die türkische Community wird fleißig von der SPÖ unterstützt - aber auch serbische und kroatische Veranstalter können sich auf rote Organisationen verlassen. Berührungsängste gibt es keine. Jadranka Vincek von der Österreichisch-Kroatischen Gemeinschaft für Kultur und Sport freut sich über die alljährliche rote - und neuerdings auch blaue - Unterstützung beim "Kroatischen Ball": "Es sind immer Politiker da, die SPÖ hat einen eigenen Tisch. Sie stellen sich nur kurz vor, teilen aber kein Material aus."

Vorsichtiger ist die kleinere alternative Szene in Wien. Matthias Angerer, Chef des "Ost Klubs": "Wir sind politisch unabhängig und haben auch einen höheren musikalischen Anspruch." Er glaubt nicht an den blauen Erfolg - genauso wenig wie SPÖ-Politikerin Yilmaz: "Logos auf Plakaten werden nicht reichen. Die FPÖ muss sich in Zukunft schon mehr überlegen - oder es ganz lassen." (Jelena Gučanin, DER STANDARD, 6.11.2012)

  • Die FPÖ buhlt um die Serben: Mitte Oktober 2012 sponserte sie eine serbische Veranstaltung in der Wiener Längenfeldgasse. Neben Folkloretänzen standen auch serbische Popstars - darunter eine Sängerin aus einer erfolgreichen Castingshow - und Komiker auf dem Programm
    foto: privat

    Die FPÖ buhlt um die Serben: Mitte Oktober 2012 sponserte sie eine serbische Veranstaltung in der Wiener Längenfeldgasse. Neben Folkloretänzen standen auch serbische Popstars - darunter eine Sängerin aus einer erfolgreichen Castingshow - und Komiker auf dem Programm

  • Von kroatischem Pop und serbischem Turbofolk bis hin zu Folklore, edlen Bällen und Silvesterpartys: All das wird mittlerweile auch von politischen Parteien unterstützt.
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    Von kroatischem Pop und serbischem Turbofolk bis hin zu Folklore, edlen Bällen und Silvesterpartys: All das wird mittlerweile auch von politischen Parteien unterstützt.

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