"Republikaner haben den Enthusiasmus. Demokraten nicht."

6. November 2012, 12:34
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Wie sehen Amerikas Kommentatoren das Rennen ums Weiße Haus - ein kurzer Überblick

Peggy Noonans glaubt in ihrem Blog auf WallStreetJournal.com, dass Romney die Wahl gewinnen wird: "Während jeder auf die Umfragen und den Sturm ("Sandy", Anm.) starrt, rutscht Romney in die Präsidentschaft. Er steigt leise auf, und sein Aufstieg dauert schon eine Weile."

Amerikas Bevölkerung koche gerade etwas im Geheimen aus - einen Wahlsieg Mitt Romneys. Bei den Wahlveranstaltungen des Republikaners tauchen mehr und mehr Menschen auf, die Wahlkampfspots seien genau richtig und Romney habe an Fahrt gewonnen, meint Noonans. Anhänger, die zu Wahlkampfbeginn ausschließlich Anti-Obama gewesen waren, seien nun Pro-Romney. "Es gibt keinen Zweifel mehr, dass die Republikaner die Leidenschaft und den Enthusiasmus haben. Die Demokraten haben sie nicht." 

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Dana Milbank von der Washington Post ist weniger optimistisch was die Wahlchancen Romneys betrifft. Er  zeigt sich auch überrascht über seinen gemäßigten Ton der letzten Tage. Zwar sei der Republikaner "in den letzten Tagen des Wahlkampfes erbaulich, optimistisch und inspirierend gewesen - ein anderer Mann, als wir ihn die letzten Monaten erleben konnten." Doch er glaubt nicht an den Erfolg der Taktik. Hätte es diesen gemäßigten Ton früher gegeben, wären Romneys Chancen größer. Der Republikaner verbreite "eine nette Stimmung, doch das wäre glaubwürdiger, hätte er das letzte Jahr nicht damit verbracht, seinen Gegnern ins Knie zu schießen."

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Kevin M. Kruse, Professor für Geschichte an der Universität Princeton, meint in seinem Gastkommentar für die New York Times, dass diese Wahl beweisen könnte, dass man tatsächlich die Mehrheit der Wähler ungestraft täuschen könne. Zwar wurde in früheren Wahlkämpfen auch die Wahrheit gebogen, doch schlicht zu lügen (und dabei erwischt zu werden), konnte der Karriere eines Politikers nachhaltig schaden. Der Nachrichtenzyklus sei langsamer gewesen, was mehr Möglichkeit für Analysen und Überprüfung eröffnet habe.

Der Aufstieg von Talk-Radio und der allgemeine Niedergang des Respekts gegenüber Nachrichtenorganisationen, Wissenschaftern, Rechtsanwälten und Journalisten hätten dazu beigetragen, dass Lügen in Wahlkämpfen einfacher geworden sei. Die meisten Nachrichtenredaktionen hätten ihre Rolle als politische Schiedsrichter aufgegeben. "Fact checking, einst die Grundlage für alle Berichte, war von nun an die Domäne von einigen Wenigen."

Noch nie sei in einer Wahlkampagne so klar und unverschämt gelogen worden. Diese "fundamentale Verschmähung von Fakten" sei etwas völlig Neues. Das Romney-Team habe wohl eine Wette abgeschlossen, dass Fakten ungestraft ignoriert werden können.  

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Joe Scarborough warnt auf politico.com sowohl Republikaner als auch Demokraten -  aber vor allem die Medien - sich nicht zu sicher über den Ausgang der US-Wahl zu sein. Er erinnert an die Überraschungssiege von Ronald Reagan 1980, George W. Bush 2004 und auch an den Sieg Obamas gegen Hillary Clinton in den demokratischen Vorwahlen 2008. "Das Team des Präsidenten wurde sich Tag für Tag sicherer, nachdem eine Umfrage nach der anderen ihre Sichtweise bestätigte, dass das Rennen knapp werden würde und ihre organisatorische Stärke den Unterschied machen würde."

Auch das Romney-Team sei sich zu selbstsicher. Doch Scarborough findet an der amerikanischen Demokratie etwas Magisches. "Wir können uns ärgern, mit Theorien um uns schlagen, Über-Analysieren und darüber dozieren, warum unsere Seite gewinnen wird. Aber am Ende liegt es immer noch in den Händen der Amerikaner."

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Und zuletzt wagt Richard Cohen von der Washington Post bereits einen Blick in die Zukunft und gibt Kindern launige Tipps für ihre Wahlkämpfe. (stb, derStandard.at, 6.11.2012)

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