De Gaulles Schatten

Kolumne5. November 2012, 18:37
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Drei Wochen vor dem Europagipfel weckt Regierungschef Cameron berechtigte Befürchtungen über die Zukunft Großbritanniens in der Europapolitik

Die beschämende Abstimmungsniederlage des britischen Regierungschefs David Cameron im Unterhaus bei einem nichtbindenden Votum über das EU-Budget weckt knapp drei Wochen vor dem Europagipfel berechtigte Befürchtungen über die Zukunft Großbritanniens in der Europapolitik. Der Weg vom Abseitsstehen in manchen Kernfragen zur offenen Frontstellung gegen die Mehrheit durch eine Vetodrohung ist kurz. Hatte Charles de Gaulle doch Recht mit seiner lebenslangen Opposition zu einem britischen Beitritt?

Erst sein Nachfolger Georges Pompidou machte 1973 den Weg frei für die Aufnahme Großbritanniens (und Irlands, Dänemarks und Norwegens). Doch in Wirklichkeit war der erfolgreiche Beitritt das Werk des konservativen Premiers Edward Heath, des einzigen britischen Spitzenpolitikers, der nach dem Zweiten Weltkrieg "entschlossen und begeistert daran arbeitete, das Schicksal seines Landes mit dem seiner kontinentalen Nachbarn zu verbinden" (Tony Judt, Geschichte Europas). Ich hatte sein Engagement als Financial Times-Korrespondent in den entscheidenden Jahren wiederholt in Wien erlebt, und Bruno Kreisky war mit ihm, als Außenminister und später als Bundeskanzler, deshalb besonders freundlich verbunden.

Doch Heath war eine Ausnahme. Trotz der Zweidrittelmehrheit bei dem Referendum konnte selbst Heath die Briten, insbesondere die Engländer, nicht dazu bringen, sich europäisch "zu fühlen" (Judt). Vor allem Margaret Thatcher und ihre konservativen Nachfolger haben sich der europäischen Einigung widersetzt. Auf der Seite der Labourpartei war der Schatzkanzler und spätere Präsident der EU-Kommission (1977-1980), Roy Jenkins, der einzige konsequent proeuropäische Staatsmann. Wie Premierminister James Callaghan in seinen Memoiren enthüllte, hatte Jenkins wegen des "tiefen Misstrauens" des eurokritischen Flügels der Labourabgeordneten den von ihm vor allem begehrten Posten des Außenministers nicht erhalten.

Selbst Jenkins, den ich durch familiäre Kontakte näher kennenlernen durfte, war in Wirklichkeit weder sprachlich noch durch seinen Erfahrungsschatz dem damals agierenden Duo - Valéry Giscard d'Estaing und Helmut Schmidt - gewachsen. Er hatte vergeblich gehofft, durch das Brüsseler Intermezzo eine triumphale Rückkehr in die heimische Politik zu feiern, möglicherweise sogar durch die Gründung einer gemäßigten pro-europäischen Gruppierung das Amt des Premiers zu erobern.

Würde Cameron beim Gipfeltreffen über das Budget von seinem Vetorecht - trotz Ermahnungen durch vernünftige konservative Politiker wie Exminister Kenneth Clarke - Gebrauch machen, könnte ein solcher Schritt der Spaltung Europas gefährlichen Auftrieb geben. Die wirkliche Macht bleibt in Europa bei den größten Ländern. Ortega y Gasset hatte bereits 1930 festgestellt, dass Europa praktisch "die Dreieinigkeit Frankreich, England und Deutschland" sei.

Bruno Kreisky war nicht der einzige Kontinentaleuropäer mit ausgeprägter Anglophilie. Jene, die den "unnachgiebigen Widerstandswillen im Krieg" (Kreisky) und die eindrucksvolle politische Kultur in Großbritannien nicht vergessen haben, würden trotz allem einen britischen Abschied von der EU mit einem Gefühl verhaltener Trauer betrachten. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 6.11.2012)

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