Tägliche Turnstunde: "Genug anderer Mist wird auch finanziert"

Rosa Winkler-Hermaden
6. November 2012, 11:12

Fehlendes Personal und zu wenige Turnsäle - Sind es Ausreden, oder ist der tägliche Sportunterricht tatsächlich nicht umsetzbar?

Der Lehrer steht vorne an der Tafel und unterrichtet, hinten im Klassenzimmer sitzen acht Schüler auf dem Ergometer und strampeln. Einmal am Tag kommt jeder Schüler dran, egal ob gerade Mathematik, Englisch oder Biologie unterrichtet wird. Eine Stunde pro Tag ist dem Radeln verschrieben. 

Durch ein Schreib- und Lesepult, das am Ergometer befestigt ist, können die Schüler dem Unterricht in gewohnter Weise folgen. Die speziellen Ergometer-Klassen gibt es seit fünf Jahren im Gymnasium in der Ödenburger Straße in Wien-Floridsdorf. Mittlerweile gibt es in ganz Österreich Nachahmer.

"Aufmerksamkeit steigt"

Durch die körperliche Betätigung soll die Leistung gesteigert werden, sowohl die Fitness als auch die Konzentrationsfähigkeit. Der 41-jährige Sportlehrer Martin Jorde hatte die Idee dazu. "Das Gehirn wird besser durchblutet und die Aufmerksamkeit steigt", erklärt er die Vorteile. In den Klassen sei das Aggressionspotenzial gesunken.

Ein Projekt ganz im Sinne der Initiatoren der Petition für eine tägliche Turnstunde? Noch bis Jahresende kann man auf turnstunde.at für die Forderung unterschreiben. Bisher haben sich mehr als 79.000 Personen (Stand 5. November) auf der von der Bundessportorganisation (BSO) betriebenen Website eingetragen.

Kein Turnsaal, voller Lehrplan

Doch so mancher Lehrer fragt sich, wie die Forderung nach dem täglichen Sportunterricht in der Praxis umgesetzt werden soll. In Graz macht sich Unmut breit, eine Volksschullehrerin schreibt in einem verzweifelten E-Mail an derStandard.at: "Nicht jede Schule hat einen Turnsaal. Welche Stunden werden aus dem Lehrplan zugunsten der täglichen Turnstunde gestrichen? Kann die tägliche Turnstunde in Schulen, die nicht ganztägig sind, überhaupt durchgeführt werden?"

Tatsächlich hält auch Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) die Umsetzung für schwierig. Sie ist der Meinung, dass die tägliche Turnstunde nur in einer Ganztagsschule sinnvoll umsetzbar sei. 

Via "Kronen Zeitung" ließ sie ausrichten, dass sie die tägliche Schulstunde zwar begrüße, aber die finanziellen Mittel nicht reichen. Laut Berechnungen des Bildungsministeriums würde die Einführung pro Jahr 200 Millionen Euro Personalkosten verursachen. Dazu kämen einmalig 100 Millionen Euro für Aus- und Weiterbildung der Pädagogen.

Mehr Vereinssport

Warum haben dann alle 183 Parlamentsabgeordneten die Petition unterschrieben, wenn es ohnehin unrealistisch ist? Dieter Brosz, Sportsprecher der Grünen, bezeichnet es als Ausrede, dass Schmied finanzielle Gründe ins Treffen führt. Er plädiert dafür, auch Mittel aus der Sportförderung in den Schulen anzuwenden. Immerhin sei Sportminister Norbert Darabos von derselben Partei wie Schmied, die beiden sollten hier seiner Meinung nach zusammenarbeiten, statt "hanebüchene Diskussionen" zu führen. Brosz will dem Vereinssport einen höheren Stellenwert an den Schulen geben, dadurch könnten Personalengpässe abgefedert werden. 

In den Volksschulen sieht Brosz Handlungsbedarf. Dort unterrichten die allgemeinen Lehrer auch "Sport und Bewegung". Deren Ausbildung dazu sieht der Grün-Politiker aber als nicht ausreichend an.

Basis für körperliche Entwicklung

Hier gibt ihm Otmar Weiß von der Universität Wien recht. "Das goldene motorische Lernalter ist die Volksschule", sagt der Sportwissenschaftler im Gespräch mit derStandard.at. Hier sei der tägliche Turnunterricht besonders wichtig, da die Basis für die weitere körperliche Entwicklung gelegt werde.

Dennoch hält Weiß die Forderungen der BSO für überzogen. "Man kann nicht plötzlich eine tägliche Turnstunde fordern, wenn es davor jahrelang Stundenkürzungen gegeben hat."

Weiß fordert vielmehr, dass Bewegung in den Regelunterricht eingebracht wird. "Der Deutschunterricht muss nicht im Sitzen stattfinden", sagt er, "man kann einen 'Buchstabentag' veranstalten, bei dem sich die Kinder durch die ganze Schule bewegen." An der Uni Wien liefert er im Universitätslehrgang Psychomotorik interessierten Pädagogen Ideen für diese flexibleren Unterrichtsformen.

Wissenschaftliche Untermauerung

Die Schüler im Gymnasium in der Ödenburger Straße werden sich jedenfalls auch weiterhin viel bewegen und strampeln auch in Zukunft am Zimmerfahrrad. Jedes Jahr gibt es für die Ergometer-Klasse mehr Nachfrage als Angebot an Plätzen. Sportlehrer Jorde hat gerade auch seine Dissertation über die Ergometer-Klasse verfasst, um seine Idee wissenschaftlich zu untermauern. Nun fiebert er der Beurteilung durch die Professoren entgegen.

Als langjährigerer Förderer von mehr Sportunterricht unterstützt er die Initiative für eine tägliche Turnstunde. Seine Begründung für eine baldige Umsetzung: "Genug anderer Mist wird auch finanziert." (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 6.11.2012)

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Welch tolle Argumentation:

Genügend anderer Mist wird auch finanziert, also muss man auch diesen Mist finanzieren!

Mist bleibt Mist.

Tägliche Turnstunde: "Genug anderer Mist wird auch finanziert" *lol*

Probleme, Probleme, Probleme...

...alles ist so schwer, so mühsam und überhaupt!

Bedenkenträger, gehts doch endlich aus dem Weg, verziehts Euch in den Keller zum heulen, aber laßts die Menschheit einfach erfolgreich und fortschrittlich sein!

Du weißt noch nicht einmal, was da genau gemacht werden soll, aber, dass es fortschrittlich ist, da bist du dir schon sicher? Die größten Bedenken haben doch die, die einen Turnunterricht genossen haben, der (vor allem von den sportlich minder Begabten) als qualvoll erlebt wurde (ich habe das bei allen meinen SportlehrerInnen so erlebt, obwohl alle nett waren), und keineswegs die Lust an der Bewegung förderte. Und soviel scheint sich da nicht geändert zu haben - zumindest nicht durchgängig an allen Schulen, wenn man manche Postings hier so liest. Und dennoch sind aus diesen VersagerInnen/VerweigerInnen nicht lauter "Fettsäcke" geworden - also ich bezweifle auch schon mal die Grundannahme. Die "Bladheit" hat mehr mit Kalorienzufuhr zu tun.

,,genug anderer mist wird auch finanziert''
stimmt parteinförderung für die grünen

Glaubst du wirklich, du wärest lustig?

AHS mit 2 klassen je schulstufe, bedeutet, der turnsaal muss 16 stunden am tag genutzt werden (abzueglich der einen oder anderen klassenzusammenlegung, noch nicht gerechnet die trennung burschen / maedchen).... wie soll das gehen, viele schulen haben nur einen turnsaal.

Schul Wellness 2020

Erst 10er Jause, dann Bauchaufschwung am Reck und dann verschwitzt Leiten lesen ...

Das ist Wellness 2020 !

vy-

Schule - Versuchslabor?

Jetzt wird es wirklich peinlich! Nach diesem Artikel habe ich kleine Goldhamster in ihren Laufrädern im Kopf. Ich möchte mein Kind nicht so sehen. Wie wär es, wenn "echte" Bewegung statt finden würde?

japanische Methode?

Vorschlag: alle Schüler treten jeden Morgen im Schulhof oder in der Sporthalle an und führen Kniebeugen, Rumpfbeugen und Armkreisen durch! Kann von jedem Lehrer oder Direktor gemacht werden (übergewichtig oder sportlich) wie in Japan dann auch mit patriotischen Liedern??? Wann werdet ihr Obrigkeitshörigen auch den Eltern wieder Verantwortung für die körperliche Ertüchtigung der Kinder überlassen???

Ich denke sie verwechseln hier Japan mit China. Ich kenne den Jap. Schulalltag und habe von soetwas noch nicht gehört. Vielleicht machen einzelne Schulen das so, aber die Regel ist es sicher nicht.

Schwachsinn "Tägliche Turnstunde"

Gerade die Schüler würde man mit einer täglichen Turnstunde vor den Kopf stoßen: Wieviel Zeit bleibt denn von der Stunde, wenn man das zweimalige Umziehen abzieht, dazu kommt das geordnete Abholen aus der Klasse... Wenn man noch Zeit für anschließende Körperpflege nach dem Schwitzen geben will, offenbart sich diese Farce. Wenn schon, dann eine tägliche Doppelstunde! (Welche anderen Gegenstände man dafür kürzen will, möchte ich nicht entscheiden.)
Vielmehr plädiere ich für zwei Doppelstunden wöchentlich in den Sekundarstufen I und II (Regelschulen ohne sportl. Schwerpunkt). Zusätzlich sollten außerdem die Pausenräume und -höfe mit ausreichend Sportplätzen und Sportgeräten verschiedenster Art ausgestattet werden, für eine bewegte Pause.

Die plakativ geforderte tägliche Turnstunde wäre wünschenswert, ist aber unter den gegebenen Rahmenbedingungen undurchführbar bzw. unfinanzierbar. Da erzeugt man für eine wichtige und gute Sache nur Widerstände - ob gerechtfertigt oder nicht - und wirkt kontraproduktiv.
Wünschenswert wäre es schon, auf allen Schulstufen und in allen Schultypen 3 Wochenstunden Bewegung und Sport abhalten zu können, von qualifizierten und engagierten Lehrkräften, die auf höchstem Niveau ausgebildet wurden.
Das müssen uns unsere Kinder und Jugendlichen wert sein!

"Aufmerksamkeit steigt"

die märchenerzähler sind wieder unterwegs. sind übrigens gutbezahlte jobs, die indoktrineure des ministeriums.

Unsinn

Die tägliche Turnstunde ist schlicht Unsinn ! Keine Lehrer (braucht man, wenns im Unterricht sein soll), keine Turnsäle - es fehlt an allem. Die Ganztagsschule ist kontraproduktiv ! Wir sind in die Schule mit dem Rad gefahren oder gelaufen, haben einen Apfel für Vormittag mitbekommen, 1/4 l Milch hat der Schulwart ausgeteilt. Bitte nur keine Leistung, kein Zwang, wir sind ja soooo tol(l)erant !

wenn die eltern aufhören würden, ihre kinder mit dem auto zur schule zu bringen, wäre die tägliche sportstunde wohl hinfällig, da dies durch eine anreise per pedes oder fahrrad "automatisch erledigt" werden würde. und: kostet nichts, reduziert aber die schadstoffemissionen und die gefahr von unfällen im schulumfeld.

Problem Lehrer

Zuwenig Turnsäle,so eine dumme Ausrede zu wenig Lehrer das ich nicht lache! Wer hat den zu Hause einen Sportlehrer. Wo ein Wille da ein Weg. Die Schüler wollen Sport machen , nur die was es leiten und mitmachen und vorzeigen sollen sind dafür nicht eingestellt. Der Lehrer soll doch das machen was die Ministerin fordert. Kann nicht sein das die Schüler ein Recht drauf haben nicht durchgeführt wird. Die Lehrer sollen endlich ihre Arbeit machen. Ist eh klar wenn eine Lehrerin oder Lehrer selbst nichts von Sport hält und schwer übergewichtig ist wie soll es funktionieren. Die Lehrer sollen unangemeldet einen Eignungstest für die Schule machen. Sportlich und auch einen Urin Test abgeben, ob etwas genommen wird z.B Marihuana. Es wird gemunkelt.

Was nehmen Sie? Das Zeug wirkt jedenfalls.

Vielleicht lassen Sie mal einen Urintest durchführen und teilen uns das Ergebnis mit.

Ich bin seit Wochen

wieder mal im Bildungsforum unterwegs und ich glaub, Ihnen muss ich gleich mal folgen. Sie könnte dauerhaft zu meiner großen Erheiterung beitragen. Schade, dass man die Poster, denen man folgt, nicht in Gruppen einteilen kann. "Keine Ahnung von nix" oder so zum Beispiel... :-)

Oder ganz kurz: Schnüss.

Es kommt auf die Qualität dieser Turnstunden an, nicht auf die Anzahl.

Derzeit beschränkt sich die Turnstunde in der Schule meiner älteren Tochter oft nur darauf, die Kinder wie Zirkuspferde im Kreis laufen zu lassen. Damit treibt man den jungen Menschen jede Lust aus, auch in der Freizeit Sport zu betreiben. Solange Sport keinen Spass macht, sind zusätzliche Turnstunden Geldverschwendung.

Ich hätte damals liebend gern meine Turnstunden mit Im-Kreis-Laufen verbracht, wenn man mich dafür mit Vorwärts-, Rückwärts- und Flugrollen, Bock- oder Sprungkastenspringen, Seil- und Stangenklettern, Felgenauf- und Umschwung und ähnlichem Horror in Ruhe gelassen hätte!

Sie hätten sich auf das Minderheitengesetz berufen sollen!

Was soll ich sagen? Ich hab alles davon "genossen" (und noch mehr ;-). Es hat ja seinen Grund, warum ich da nicht unterschreib. Kinder sind Individuen. Man sollte Verschiedenes anbieten, dann wird es auch genutzt, aber nicht zwingen. Der Tischtennistisch bei uns in der Schule war nachmittags dauerbesetzt z.B. Heutzutage könnte man auch eine Boulderwand hinstellen usw. Und man sollte die Kinder auf Bäume im Schulhof klettern und sich austoben und miteinander raufen lassen. Oder sozial schwachen Kindern Ermäßigungen bei Sportvereinsgebühren zugestehen. Das bräuchte es. Aber eine tägliche Turnstunde nicht.

@imho1980

Du sprichst mir aus der Seele! Felgeaufschwung -meine schrecklichste Demütigung als Mehlsack! Blasen an den Händen vom Seilklettern. Das war keine Motivation für mich. Zum Glück wurde unsere Sportlehrerin schwanger und wir machten Stretching und spielten Volleyball! Erst nach der Schule habe ich meine Liebe zu Ausdauersport entdeckt, ganz ohne Zwang und Demütigung, wenn man es nicht gleich schaffte!

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