Tägliche Turnstunde: "Genug anderer Mist wird auch finanziert"

Fehlendes Personal und zu wenige Turnsäle - Sind es Ausreden, oder ist der tägliche Sportunterricht tatsächlich nicht umsetzbar?

Der Lehrer steht vorne an der Tafel und unterrichtet, hinten im Klassenzimmer sitzen acht Schüler auf dem Ergometer und strampeln. Einmal am Tag kommt jeder Schüler dran, egal ob gerade Mathematik, Englisch oder Biologie unterrichtet wird. Eine Stunde pro Tag ist dem Radeln verschrieben. 

Durch ein Schreib- und Lesepult, das am Ergometer befestigt ist, können die Schüler dem Unterricht in gewohnter Weise folgen. Die speziellen Ergometer-Klassen gibt es seit fünf Jahren im Gymnasium in der Ödenburger Straße in Wien-Floridsdorf. Mittlerweile gibt es in ganz Österreich Nachahmer.

"Aufmerksamkeit steigt"

Durch die körperliche Betätigung soll die Leistung gesteigert werden, sowohl die Fitness als auch die Konzentrationsfähigkeit. Der 41-jährige Sportlehrer Martin Jorde hatte die Idee dazu. "Das Gehirn wird besser durchblutet und die Aufmerksamkeit steigt", erklärt er die Vorteile. In den Klassen sei das Aggressionspotenzial gesunken.

Ein Projekt ganz im Sinne der Initiatoren der Petition für eine tägliche Turnstunde? Noch bis Jahresende kann man auf turnstunde.at für die Forderung unterschreiben. Bisher haben sich mehr als 79.000 Personen (Stand 5. November) auf der von der Bundessportorganisation (BSO) betriebenen Website eingetragen.

Kein Turnsaal, voller Lehrplan

Doch so mancher Lehrer fragt sich, wie die Forderung nach dem täglichen Sportunterricht in der Praxis umgesetzt werden soll. In Graz macht sich Unmut breit, eine Volksschullehrerin schreibt in einem verzweifelten E-Mail an derStandard.at: "Nicht jede Schule hat einen Turnsaal. Welche Stunden werden aus dem Lehrplan zugunsten der täglichen Turnstunde gestrichen? Kann die tägliche Turnstunde in Schulen, die nicht ganztägig sind, überhaupt durchgeführt werden?"

Tatsächlich hält auch Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) die Umsetzung für schwierig. Sie ist der Meinung, dass die tägliche Turnstunde nur in einer Ganztagsschule sinnvoll umsetzbar sei. 

Via "Kronen Zeitung" ließ sie ausrichten, dass sie die tägliche Schulstunde zwar begrüße, aber die finanziellen Mittel nicht reichen. Laut Berechnungen des Bildungsministeriums würde die Einführung pro Jahr 200 Millionen Euro Personalkosten verursachen. Dazu kämen einmalig 100 Millionen Euro für Aus- und Weiterbildung der Pädagogen.

Mehr Vereinssport

Warum haben dann alle 183 Parlamentsabgeordneten die Petition unterschrieben, wenn es ohnehin unrealistisch ist? Dieter Brosz, Sportsprecher der Grünen, bezeichnet es als Ausrede, dass Schmied finanzielle Gründe ins Treffen führt. Er plädiert dafür, auch Mittel aus der Sportförderung in den Schulen anzuwenden. Immerhin sei Sportminister Norbert Darabos von derselben Partei wie Schmied, die beiden sollten hier seiner Meinung nach zusammenarbeiten, statt "hanebüchene Diskussionen" zu führen. Brosz will dem Vereinssport einen höheren Stellenwert an den Schulen geben, dadurch könnten Personalengpässe abgefedert werden. 

In den Volksschulen sieht Brosz Handlungsbedarf. Dort unterrichten die allgemeinen Lehrer auch "Sport und Bewegung". Deren Ausbildung dazu sieht der Grün-Politiker aber als nicht ausreichend an.

Basis für körperliche Entwicklung

Hier gibt ihm Otmar Weiß von der Universität Wien recht. "Das goldene motorische Lernalter ist die Volksschule", sagt der Sportwissenschaftler im Gespräch mit derStandard.at. Hier sei der tägliche Turnunterricht besonders wichtig, da die Basis für die weitere körperliche Entwicklung gelegt werde.

Dennoch hält Weiß die Forderungen der BSO für überzogen. "Man kann nicht plötzlich eine tägliche Turnstunde fordern, wenn es davor jahrelang Stundenkürzungen gegeben hat."

Weiß fordert vielmehr, dass Bewegung in den Regelunterricht eingebracht wird. "Der Deutschunterricht muss nicht im Sitzen stattfinden", sagt er, "man kann einen 'Buchstabentag' veranstalten, bei dem sich die Kinder durch die ganze Schule bewegen." An der Uni Wien liefert er im Universitätslehrgang Psychomotorik interessierten Pädagogen Ideen für diese flexibleren Unterrichtsformen.

Wissenschaftliche Untermauerung

Die Schüler im Gymnasium in der Ödenburger Straße werden sich jedenfalls auch weiterhin viel bewegen und strampeln auch in Zukunft am Zimmerfahrrad. Jedes Jahr gibt es für die Ergometer-Klasse mehr Nachfrage als Angebot an Plätzen. Sportlehrer Jorde hat gerade auch seine Dissertation über die Ergometer-Klasse verfasst, um seine Idee wissenschaftlich zu untermauern. Nun fiebert er der Beurteilung durch die Professoren entgegen.

Als langjährigerer Förderer von mehr Sportunterricht unterstützt er die Initiative für eine tägliche Turnstunde. Seine Begründung für eine baldige Umsetzung: "Genug anderer Mist wird auch finanziert." (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 6.11.2012)

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