Mourinho der Talente und die drei Tenöre

5. November 2012, 18:35
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Inter Mailand, 2010 Gewinner der Champions League und danach ziemlich tief gefallen, hat wieder einen Star. Der schießt keine Tore, sondern sitzt auf der Trainerbank und ist jünger als sein Kapitän

Mailand - Am 26. März dieses Jahres hat Inter Mailands Präsident Massimo Moratti die Fußballgemeinde, also eigentlich die gesamte italienische Öffentlichkeit, nicht schlecht verblüfft. Der 67-jährige Öl-Tycoon bestimmte einen gewissen Andrea Stramaccioni zum Nachfolger des mit den Nerazzurri völlig glücklosen Trainerdinos Claudio Ranieri. Mit dem Namen Stramaccioni wussten nur ausgesprochene Experten des Calcio etwas anzufangen. Als Mann, der nicht einmal einen Eintrag bei Wikipedia habe, wurde der erst 36-jährige Römer in den Gazzetten vorgestellt.

Spätestens seit verwichenem Samstag, seit dem 3:1-Erfolg im Derby d' Italia beim davor in 49 Ligaspielen en suite ungeschlagegen Meister Juventus Turin ist der Name Andrea Stramaccioni geläufig. Kurz "Strama" nennen sie den Coach, der Inter aus der Asche einer durchwachsenen Saison 2010/11 und eines Horror-Spieljahres 2011/12 mit zuletzt sieben Siegen in Folge beinahe schon an die Spitze der Serie A geführt hat.

Mit U19 zum Sieg in der NextGen Series

Und sie nennen ihn den "Mourinho der Talente". Natürlich nicht, weil Stramaccioni zweieinhalb Jahre jünger als der argentinische Inter-Kapitän Javier Zanetti ist, sondern weil der promovierte Jurist mit der Primavera, also gleichsam der U19 des 18-fachen italienischen Meisters, am 25. März in London und im Elfmeterschießen gegen Ajax Amsterdam die erstmals ausgetragenen NextGen Series, quasi die Champions League für Nachwuchsfußballer, gewonnen hatte.

Dass Präsident und Mehrheitseigentümer Moratti einen in der Nachwuchsarbeit firmen Trainer verpflichtet, war schon früher erwartet worden. Schließlich hatte der Portugiese Jose Mourinho nach dem Gewinn der Champions League 2010 eine edle, aber ziemlich antiquierte Truppe verlassen, um bei Real Madrid anzuheuern. Innert 22 Monaten scheiterten dessen Nachfolger Rafael Benitez, Leonardo, Gian Piero Gasperini und Ranieri teilweise spektakulär am Umbau ohne Qualitätsverlust, an der Sattheit der Stars und natürlich auch an der Ungeduld Morattis und der Tifosi.

Eigene Spielerkarriere schon mit 19 zu Ende

Stramaccioni, der seine eigene Profikarriere als Verteidiger bei Bologna wegen einer Knieverletzung schon als 19-Jähriger hatte beenden müssen, führte der Mannschaft frisches Blut zu, setzt aber auch auf Routiniers wie Zanetti und dessen Landsleute Walter Samuel (34) und Esteban Cambiasso (32). Gegen Juve glänzte vor allem die Offensive mit Diego Milito (33, zwei Treffer), Rodrigo Palacio (30), beide ebenfalls Argentinier, und Italiens Antonio Cassano (30), die danach als die "drei Tenöre" gefeiert wurden.

Der Hauptverdienst am Erfolg gebühre aber Stramaccioni, sagte Präsident Moratti über den 18. Trainer seiner bisher 17-jährigen Amtszeit. Dass die Liebe schnell dahin sein kann, ist selbst dem mit A-Teams unerfahreren Coach bewusst. Schon als Nachwuchschef der AS Roma feierte er spektakuläre Erfolge und war das Herzibinki des 2008 verstorbenen Präsident Franco Sensi. Als US-Investoren das Ruder übernahmen, wurde Stramaccioni entlassen. "Ich schäme mich nicht zuzugeben, dass ich geweint habe." (lü, DER STANDARD, 6.11. 2012)

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    Coach Andrea Stramaccioni muss sich bei den Profis mehr aufregen als beim Nachwuchs. Dafür kennt ihn jetzt auch Wikipedia.

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