US-Präsidentenwahl: Und plötzlich ist Clint Eastwood am Telefon

Reportage6. November 2012, 08:00
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Wer in Ohio verliert, kann nicht Präsident werden - da sowohl Barack Obama als auch Mitt Romney diese politische Faustregel beherzigen, wird dort hart um jede einzelne Stimme gekämpft

Tish Wagner sehnt den 7. November herbei, den Tag nach dem Votum. Dann hat es ein Ende, dann quillt ihr Briefkasten nicht mehr über wegen der unzähligen Kampagnenpostkarten, klingelt nicht mehr alle paar Minuten das Telefon, dröhnt der Weltuntergangston negativer Wahlspots nicht mehr ständig aus dem Radio, dann ist die Schlacht endlich vorbei. Neulich rief Clint Eastwood an, um mit unverwechselbarer Reibeisenstimme zur Wahl Mitt Romneys aufzufordern - nur einmal aufgezeichnet und dann millionenfach verbreitet, versteht sich. Kurz darauf meldete sich eine Frau aus dem republikanischen Hauptquartier und sagte, dass sie Claire heiße. Den Rest hörte sich Tish nicht mehr an.

Bei ihr landet das alles auf dem Anrufbeantworter, es ist einfach zu viel. Dann sind da noch die derben Karikaturen auf Facebook, von denen sie täglich ein halbes Dutzend bekommt. Eine zeigt Romney als fröhlich pfeifenden Sonnyboy, der nicht mit in den Vietnamkrieg ziehen musste und dessen Söhne ebenso wenig in der Armee dienten wie er selbst. "Warum? Weil wir reich sind und ihr nicht!" Oder der TV-Spot, der Barack Obama vorwirft, den vom Staat geretteten Autokonzern Chrysler an die Italiener von Fiat verscherbelt zu haben. Absurd.

Trostlos

Tish hat das Glück oder das Pech, je nachdem, als unabhängige Wählerin registriert zu sein. Noch dazu in Ohio. Die Unabhängigen in der Mitte werden so heftig umworben wie hochbegabte Basketballspieler der besten College-Mannschaften. Und Ohio ist die wichtigste Arena des Landes. Wer im Buckeye State nicht gewinnt, lautet die Faustregel aus Demoskopie, Erfahrung und Wahlarithmetik, kann nicht Präsident werden. Nirgendwo sonst sind Obama und Romney so oft aufgetreten, nirgends wird so hart um einzelne Stimmen gekämpft.

Die Schlussoffensive zielt vor allem auf Leute wie Tish Wagner, die in einem Kaff namens Nelsonville eine Mischung aus Boutique und Souvenirladen betreibt. Nelsonville hat schon bessere Zeiten erlebt. Farbe blättert ab, Fenster verrotten, Geschäfte sind verlassen. So trostlos die Kleinstadt auf den ersten Blick wirkt, so lehrreich kann es sein, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

Ein 35-jähriger Familienvater und Kohlekumpel leidet an Krebs, fortgeschrittenes Stadium. Aus Solidarität sammelt die Elks Lodge, ein wohltätiger Bürgerverein, Geld für den Mann. Jemand spendete anonym einen gebrauchten Pick-up. Der wird nun verlost, und der Erlös der Tombola geht an den Krebskranken und seine Familie.

Für James Dean, der sich für die Runde in der unscheinbaren Baracke der Elks Lodge extra ein rot-weißes Footballtrikot der Ohio State University übergestreift hat, ist es eine selbstverständliche Geste des Gemeinsinns. Nein, das mit seinem Namen sei kein Witz, sagt der Elektriker, er heiße eben wie der Schauspieler. Vor vier Jahren hat er John McCain seine Stimme gegeben, nun schwenkt er um und wählt Barack Obama. Ja, Nelsonville habe sich wie ganz Amerika durch vier schwere Jahre gebissen, sagt Dean, doch es liege ihm fern, dem Präsidenten dafür die Schuld zu geben. "Hat er mich enttäuscht? Ach, ich habe auch schon diesen und jenen enttäuscht, perfekt ist doch keiner." In nur vier Jahren sei nach dem Crash der Finanzkrise keine Wende zu schaffen, und wenn ein Schiff durch raue See fahre, jage man den Kapitän nicht von der Brücke.

"Donald Duck wählen"

Leitha Comer, eine Lehrerin, will bis zum letzten Tag warten, ehe sie eine Entscheidung trifft. Bei Romney, sagt sie, verspüre sie eine Hemmschwelle, dieser Mann des Geldes tue bloß so, als verstehe er Normalverbraucher. "Würde Donald Duck gegen Romney antreten, ich glaube, meine Stimme ginge an Donald Duck."

Doch es sind nicht nur die verunsicherten Wechselwähler in der Mitte, um deren Gunst die Schlacht tobt. Genauso gut könnte am Ende den Ausschlag geben, wer seine Stammwähler am besten mobilisiert. Deshalb friert Carol Wiener auf einem Bauernmarkt am Rande von Athens, einer Universitätsstadt mit mehrheitlich linksliberal gesinnten Bewohnern, und verteilt wetterfeste Poster aus Plastikfolie, die man an Metallstäben in Vorgärten aufpflanzen kann. Carol, von Beruf Sprachtherapeutin, hat eine Fraueninitiative mitgegründet, "Obama Twenty", nach den 20 Demokratinnen, die sich anlässlich einer TV-Debatte in einem Wohnzimmer versammelten. Um ihrem Werbefeldzug mehr Pep zu geben, bastelte sie einen Dreispitz, wie ihn die Rebellen der amerikanischen Unabhängigkeitskriege trugen, aber bestickt mit Perlen und bunten Buchstaben, Stoffresten von Hawaii-Hemden, die den Namenszug Obama ergeben.

"Ich, ich, ich", bringt Carol auf einen Nenner, was sie an Romney stört. " Als lebte jeder für sich in einer Höhle. Dass die Regierung der Quell allen Übels sei: Ich kann es nicht mehr hören!"

Der Fuhrunternehmer Cory Deer sieht es anders, er jubelt Paul Ryan zu, dem Mann, den er für das Rückgrat der Republikaner hält, für prinzipienfester als den Spitzenkandidaten. Ryan redet im College von Marietta, er liefert die harten Parolen für die Basis und damit so etwas wie das innerparteiliche Kontrastprogramm zu Romney. Der hatte am Freitag vor zwanzigtausend Zuhörern in Cincinnati sein Talent herausgestellt, in der Mitte Kompromisse zu schmieden - wie schon in Massachusetts, wo er als Gouverneur mit einer Demokratenmehrheit im Parlament regierte. "Ich werde meine Hand über den Gang hinaus ausstrecken", betonte Romney und meinte den Mittelgang, der beide Fraktionen in Abgeordnetenhaus und Senat voneinander trennt.

"Große Ängste"

Ryan, die Ärmel kämpferisch aufgekrempelt, hält sich mit leisen Tönen nicht auf. "2008 hat Obama an unsere tiefsten Sehnsüchte appelliert. Heute appelliert er an unsere größten Ängste", donnert er. Als er fertig ist, dröhnen Country-Klänge aus den Lautsprechern, gemünzt auf den Amtsinhaber: "Du musst nicht nach Hause gehen, aber hier kannst du nicht bleiben." (Frank Herrmann, DER STANDARD, 6.11.2012)

  • Nirgendwo scheint eine Wählerstimme so viel wert zu sein wie in Ohio. Der Bundesstaat gilt wegen seiner demoskopischen Struktur als Trendindikator schlechthin.
    foto: reuters/matt sullivan

    Nirgendwo scheint eine Wählerstimme so viel wert zu sein wie in Ohio. Der Bundesstaat gilt wegen seiner demoskopischen Struktur als Trendindikator schlechthin.

  • Würde lieber Donald Duck als Mitt Romney wählen: die Lehrerin Leitha Comer neben dem Elektriker James Dean in Nelsonville.
 
    foto: standard/frank herrmann

    Würde lieber Donald Duck als Mitt Romney wählen: die Lehrerin Leitha Comer neben dem Elektriker James Dean in Nelsonville.

     

  • Aktiv gegen Romneys Credo "Ich, ich, ich": Obama- Anhängerin Carol Wiener, auf einem Bauernmarkt in Athens.
    foto: standard/frank herrmann

    Aktiv gegen Romneys Credo "Ich, ich, ich": Obama- Anhängerin Carol Wiener, auf einem Bauernmarkt in Athens.

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