Branka putzt sich nach oben

5. November 2012, 18:38
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Ein wahnwitziges Theaterstück beschreibt, wie Frau Magistra Mosers schöne Bobo-Welt von der selbstbewussten Haushaltshilfe Branka ordentlich ins Wanken gebracht wird

Wien - Schlussszene: Branka, ehemalige jugoslawische Putzfrau, hält bei einem akademischen Symposium einen komplexen Vortrag über migrantisch-weibliche Identitäten. Am Gang putzt keine Geringere als Frau Magistra Moser, Ex-Arbeitgeberin der Ex-Putzfrau Branka.

Wie konnten diese beiden Frauen ihre Identitäten tauschen? Wer das erfahren will, möge sich anschnallen und auf eine tragikomische Achterbahnfahrt gefasst machen, denn Richard Schuberths Theaterstück Wie Branka sich nach oben putzte beschreibt nicht nur auf eine wahnwitzige, sondern mitunter auch grauenerregende Weise, wie sich dieser Identitätswechsel schleichend vollziehen konnte und was der Faschismus - verkörpert durch Captain Clean - damit zu tun hat.

Aber zu Beginn ist in der Bobo-Parallelgesellschaft des siebenten Wiener Gemeindebezirks die Welt noch in Ordnung: Magistra Isabella Moser, eine ambitionierte Kulturwissenschafterin, die sich, umweltbewusst, wie sie ist, als PR-Managerin für einen biologischen Energy-Drink verdingt, sucht eine Putzfrau für ihre Loftwohnung. Denn etwas kann die ansonsten sehr tolerante und weltoffene Isabella so gar nicht ausstehen: Unordnung und Dreck. Zwar glaubt sie, mit ihrem Intellekt ihre spießig-provinzielle putzsüchtige Mutter meilenweit hinter sich gelassen zu haben, doch fühlt sie sich durch Staub zunehmend bedroht und wahnhaft verfolgt. Also muss schleunigst eine Putzfrau her - die bereits erwähnte Branka.

Die zaghaften Versuche der neuen Arbeitgeberin, ihr mit wohlmeinender Herablassung zu begegnen, kontert Branka mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein. Zunächst bemächtigt sie sich der Wohnung, dann der Kleider, der Freunde und schließlich der Identität von Frau Magistra Moser.

Deren hübsch zurechtgezimmertes Weltbild gerät immer stärker ins Wanken, je mehr sie begreift, dass ihre neue Putzfrau so gar nicht dem entspricht, was sie über Putzfrauen mit Migrationshintergrund zu wissen glaubte: Branka ist nämlich alles andere als unterdrückt, unterwürfig oder unemanzipiert. Autoritätshörig ist sie auch nicht, denn sie weigert sich standhaft, das ökologische Putzmittel mit dem Grünen Baum zu benützen. Branka setzt lieber auf die Kraft von Captain Clean, gegen dessen Verlockungen in Wahrheit auch Magistra Moser nicht immun ist, denn Captain Clean verspricht nicht nur Sauberkeit, sondern auch kompromisslose Eindeutigkeit im Denken. Nach dieser sehnt sich die differenzierungsmüde Kulturwissenschafterin, die ihr Gerede von " shifting identities" nicht einmal mehr selbst zu überzeugen vermag.

Die stylish-schlichte Wohnung mit einem Hauch von Folklore - man interessiert sich ja für fremde Kulturen - verwandelt sich bald in ein Schlachtfeld des Identitäts- und Migrationsdiskurses, auf dem mit harten Bandagen gekämpft wird. Es bleibt nicht nur beim ideologischen Säbelrasseln, mitunter rinnt auch echtes Blut aus dem Fleischwolf. Oder findet der Kampf nur in Magistra Mosers Kopf statt? Ganz genau weiß man das nicht, aber eines ist klar: Wie Branka sich nach oben putzte ist das Werk von einem, der auszog, die Political Correctness zu zertrümmern und nebenbei dem Poststrukturalismus einen Seitenhieb zu verpassen. Achtung: Wer ohnehin glaubt, gutes Personal sei heutzutage schwer zu finden, könnte nach der Lektüre auf die Idee kommen, den eigenen Dreck lieber selbst wegzuräumen. (Mascha Dabić, daSTANDARD, 6.11.2012)

Richard Schuberth
Wie Branka sich nach oben putzte
Drava Verlag
Klagenfurt/Celovec 2012

 

Lesung: "Wie Branka sich nach oben putzte" (Drava Verlag) am Freitag, 23. November bei der Buch Wien, 12.15 Uhr, Messe Wien

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    foto: drava verlag
  • "Wie Branka sich nach oben putzte" wurde von der Theatergruppe daskunst 2011 und 2012 in Wien aufgeführt.
    foto: magdalena possert

    "Wie Branka sich nach oben putzte" wurde von der Theatergruppe daskunst 2011 und 2012 in Wien aufgeführt.

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