Im Kaufhaus der Nostalgie

  • Erkältet, aber durchaus engagiert - Sängerin und Pianistin Diana 
Krall.
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    foto: ap/boris grdanoski

    Erkältet, aber durchaus engagiert - Sängerin und Pianistin Diana Krall.

Die kanadische Sängerin Diana Krall präsentierte ihr neues Album "Glad Rag Doll" in der Wiener Stadthalle. Die Vokalstilistin zeigte sich als gemäßigte Vertreterin der jazzigen Retrobewegung.

Wien - Es gibt da einen noch gut laufenden Trend - und der begann mit Diana Krall. Die kanadische Sängerin war jene erste junge Dame, die in den 1990ern - nach Jahren des Herumtingelns - den vokalen Jazz in kommerziell spektakuläre Bereiche hob, wobei neu an Krall nur ihre Rückwärtsgewandtheit war. Sie wirkte wie eine aus den 1950ern und 1960ern in die Jetztzeit gebeamte Barsängerin, die sich durch alte Jazzhadern hauchte und mithilfe eines CD-Multis den Jazzrahmen sprengende Reichweiten erreichte.

Mit diesem bisweilen durch schmuseweiche Streicherarrangements erkauften Triumph ist sie quasi die Vorgängerin einer Norah Jones, einer Melody Gardot und einer Madeleine Peyroux. Wobei diese Damen weitergingen und in ihre Welt auch Pop und Folk integrierten. Auch ihnen ist jedoch ein retrospektiver Ansatz Verpflichtung, und der begann eben mit Krall, die mit ihrer neuen CD Glad Rag Doll (Universal) wieder in die Historie reiste - nun gar in die 1920er-Jahre.

Nostalgisch sind auch die Rahmenbedingungen des Konzerts inszeniert: In der Stadthalle wird man beim Warten mit endlosem Klavierragtime und Trickfilmen aus der Schwarz-Weiß-Epoche vertröstet. Und während Krall Work Song und Donauwalzer zitiert, taucht an einer der viele stummfilmischen Stellen gar Pokerface Buster Keaton auf.

Keine Imitation

Krall allerdings war immer mehr als ein substanzloses Trällermädchen, das imitierend Genregrößen verfolgt. Besonders bei Balladen vermag sie mit ihrer heiser-verschlafenen Art der Interpretation delikate Intimität herzustellen. Und am delikatesten gelang ihr dies dort, wo sie alleine am Klavier saß, oder in jenen Passagen, da ihr nur ein Kontrabass assistierte.

Dass sie ziemlich verkühlt war, wurde hörbar. Besonders in den Tiefen wird da mitunter mehr gesprochen als gesungen. Allerdings: Kralls Stil ist ohnedies minimalistisch und auf raue Pointen angelegt. Da kommt man auch mit halber Kraft zwar hustend, aber doch unpeinlich über die Runden.

Neu ist wohl, dass sie klanglich auch in Richtung Tom Waits rückt. Schließlich beschäftigt sie einen Gitarristen, der eher dürftig versucht, jenen exzentrisch-dreckigen Sound zu evozieren, für den (auch bei Waits) Marc Ribot steht. Und neu ist auch der Ausflug in schnulzige Countrywelten, die glitschige Geigensoli auf die recht unerträgliche Spitze treiben.

So wird wiederum die Schwäche ihrer Kunst evident: Krall hat selten jene Musikumgebung, die ihre Qualitäten hervortreten lässt. Ein Trio würde reichen. Und Krall allein am Klavier (ohne die immer noch scheiternden Versuche jedoch, in Doubletime sehr flinke Linien zu spielen ...) - das wäre der Gipfel der Intimität. Allein, harmlose Konsensarrangements sind wohl der zu zahlende Preis, so man den sehr breiten Markt bedienen will. Sehr schade. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 6.11.2012)

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